Sprechstunde Herzlich, B. Scheuert

Namen bestimmen Schicksale, weiß unser Hausarzt Dr. med. Eckart von Hirschhausen. Und fragt sich, warum so viele Eltern ihren Kindern Vornamen geben, die auf einen biografischen Holzweg führen.

Man kann sich seine Eltern nicht vorsichtig genug aussuchen. Kein Witz. Hätten Sie nicht lieber andere Eltern gehabt? Oder zumindest einen anderen Namen? Mindestens so schicksalhaft wie die Gene bestimmt der Name unseren Lebensweg. Und bei den Namen weiß man wenigstens, wie sie sich vererben: Nachnamen über das Y-Chromosom. Vornamen bestimmt eher das mütterliche X.

Selten wird da auf den Wohlklang geachtet, im Gegenteil habe ich den Verdacht, dass Eltern, die unter einem bescheuerten Namen gelitten haben, das Trauma weitergeben, über Generationen. Warum sonst, wenn ich mit Familiennamen Schweiß heiße, nenne ich mein Kind Axel? Ein Blick ins Telefonbuch zeigt: Das Leben ist brutaler als jede Komikerfantasie. Aus meiner Zeit als Arzt auf der Neugeborenenstation bin ich noch an meine Schweigepflicht gebunden, doch so viel verrate ich: Drillinge getauft auf Tick, Trick und Track. Und das waren erst die Vornamen!

Mystische Umbennenung soll wahres Selbst näher bringen

Wer sich einer Glaubensgemeinschaft anschließt, wird als Erstes "getauft": "Du heißt nicht mehr Hans-Günther, sondern Sambutakaran." Die mystische Umbenennung soll einen dem wahren Selbst näherbringen. Was mich dabei schon immer stutzig gemacht hat: Warum hat sich noch nie ein indischer Guru umbenannt in Karl-Heinz?

Sozialpsychologen bestätigen, dass der Name das Selbstbild und das Fremdbild so sehr prägen kann, dass man sich unbewusst entsprechend verhält und verändert. So halten in Assoziationstests automatisch viele eine "Manuela" für dümmer und hässlicher als eine "Julia". Hubertus wird in der Schule häufig anders benotet als Kevin. Und welche Chance hat jemand mit einem Nachnamen, der mit Z anfängt? Der kommt immer als Letzter dran, liegt in jedem Stapel ganz unten.

Der Erfolg war Adenauer, Brandt und Caesar in die Wiege gelegt. Frau Zypries dagegen kämpft nicht ohne Grund für mehr Gerechtigkeit. Eine Diskriminierung, über die sich niemand aufregt: Alphabetismus. Da ist wirklich was dran. Es gibt deutlich mehr Entscheidungsträger mit Namen von A-K als mit denen von L-Z. Da können Sie den Archivleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung fragen: Günther Buchstab.

Auch ist mit jedem Namen eine Altersvorstellung verbunden. Ich spreche aus Erfahrung: Wenn ich mich mit Eckart von Hirschhausen vorstelle, höre ich oft: "Ich habe Sie mir viel älter vorgestellt." Das ist der Vorteil von Namen, die zuletzt populär waren zu Zeiten des christlichen Mystikers Meister Eckart: Schwups, sieht man 750 Jahre jünger aus. Das ist eine geniale Geschäftsidee: Statt sich liften zu lassen, einfach durch einen Namenswechsel verjüngen. "Du, ich heiß jetzt nicht mehr Sabine, sondern Wilhelmine - aber ich fühl' mich voll wie eine Vanessa."

Der Name ist nicht Schall und Rauch

Der Name ist nicht Schall und Rauch, sondern eine echte Lebensentscheidung. Amerikanische Statistiker glauben anhand von vielen Tausend Lebensläufen belegen zu können: Jemand mit "negativen" Initialen wie "D. I. E." stirbt früher. Eine lebensbejahende Abkürzung wie "V. I. P" verlängert das Leben. Menschen ziehen eher in eine Stadt, die ihrem Namen ähnelt: ein Jack nach Jacksonville, Phillip nach Philadelphia, Virginias an den gleichnamigen Beach. Sogar der Job scheint sich magisch anzupassen: Unter Dentisten kommt Dennis überzufällig häufig vor, unter Geografen George.

Für Deutschland existiert keine entsprechende Auswertung, aber aus meiner persönlichen Erfahrung postuliere ich auch hierzulande einen bemerkenswerten Eifer, Namen und Beruf zu kombinieren: Warum wird ein Herr Leistenschneider Urologe? Warum vertreibt ein Herr Langglotz Fernseher? Und als mein Adressverwaltungsprogramm bei der Suche nach weiteren eigenartigen Namen abstürzte, bekam ich aus Holland eine Mail vom Supportzentrum für diese Software, ungelogen, von Michael van de Panne.

Namen verfolgen uns über den Tod hinaus. Ich habe im Original eine Todesanzeige aus der Zeitung von einer Frau Fick. 80 Jahre lang hat sie vermutlich tapfer alle Varianten von schlechten Scherzen ertragen. Ihre Angehörigen suchten sich unter 80.000 Bibelsprüchen folgenden Text für die Verstorbene aus: "So spricht der Herr. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein."

GesundLeben

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker