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Verhalten: Homosexualität - noch immer ein großes Rätsel

Nicht nur die Gründe der Homosexualität sind nach wie vor unverstanden, auch die Frage nach dem evolutionären Sinn bleibt. Im Tierreich dient gleichgeschlechtlicher Sex dem Abbau sozialer Spannungen.

Variante menschlicher Liebesfähigkeit

Naturwissenschaftliche Forschung leistet zuweilen entscheidende Beiträge zur Entkräftung verhängnisvoller Fehl- und Vorurteile - bis tief in den menschlichen Bereich hinein. Ein Beispiel sind die Forschungen über die Ursachen und die Funktion der Homosexualität. Sie haben gezeigt, dass die gleichgeschlechtliche Orientierung weder eine Krankheit, etwa eine Neurose, noch wider die Natur ist, weder eine Angelegenheit der Wahl, der Erziehung und der Verführung noch ein Symptom von Sittenverfall. Sie ist eine Variante menschlicher Liebesfähigkeit.

Biologische Prädisposition noch unverstanden

Allerdings gibt es noch manche ungeklärte Fragen, wie der Sexualmediziner Hartmut A. G. Bosinski von der Universität Kiel aufzeigt: "Zwar besteht sicherlich eine starke biologische Prädisposition für die sexuelle Orientierung - sei sie nun homo-, bi- oder heterosexuell. Doch ist die strukturell-funktionelle Grundlage dieser vorgeburtlichen und bis zum 3. oder 4. Lebensjahr angelegten Prädisposition noch nicht eindeutig geklärt." Am ehesten scheine sie zusammenzuhängen mit der Wirkung von Hormonen auf das sich im Mutterleib entwickelnde Gehirn. "Diese Hormone werden unter noch unbekannten Voraussetzungen in bestimmter Weise und in bestimmten sensiblen Phasen ausgeschüttet."

Alkohol in der Schwangerschaft spielt keine Rolle - aber vielleicht Stress?

Eine Studie mit 15 000 Probanden hat jedenfalls nahe gelegt, dass Alkohol in der Schwangerschaft keine Rolle spielt, während Nikotin und eventuell Stress die Söhne möglicherweise eher homosexuell machen könnten. Diese Prädisposition käme dann erst durch ebenfalls noch nicht gänzlich verstandene Faktoren der Sozialisation und Bewertung in der Umwelt des heranwachsenden Menschen zum Tragen.

Variante der Natur

Für Bosinski und andere Wissenschaftler ist die Homosexualität als Variante der Natur gewissermaßen eine Parallele zur Linkshändigkeit. Diese hat ihre Ursachen in einer bestimmten Hirnorganisation. Sie ist nicht eine zu "kurierende Störung", sondern zu akzeptieren.

Was ist der evolutionäre Sinn der Homosexualität?

Es erhebt sich die Frage, was der biologische Sinn der homosexuellen Prädisposition ist. Für die heterosexuelle Orientierung ist er unstrittig. Nur mit ihr ist geschlechtliche Fortpflanzung und damit Weitergabe genetischer Information möglich. Was aber veranlasst die Evolution dazu, die homosexuelle Orientierung zeit- und kulturunabhängig in einem nennenswerten Maße (bis zu fünf Prozent) zu konservieren? Die Antworten sind bisher nur hypothetisch.

Mann-Mann-Sexualität diente möglicherweise sozialem Spannungsabbau

Bosinski hat den Selektionsvorteil einer "bisexuellen Potenz" des Mannes zu begründen versucht. Akte mann-männlicher Sexualität hätten danach eine vermittelnde, befriedende Funktion im Spannungsfeld zwischen der für Jagd und Verteidigung erforderlichen Aggressivität einerseits und der für den Zusammenhalt der Gruppe notwendigen Kooperation andererseits.

Homo-Sex ist im Tierreich an der Tagesordnung

Der an der Universität London Evolutionäre Anthropologie lehrende Deutsche Volker Sommer verwies kürzlich in der Zürcher "Weltwoche" auch auf das Verhalten von Tieren: "Homo-Sex ist an der Tagesordnung - und zwar nicht im kulturdekadenten Zookäfig, sondern in Gottes freier Wildbahn." Flamingos, Graugänse und Delfine bezeugten das ebenso wie Bisons, Tempelaffen, Gorillas und die uns besonders nahe stehenden Bonobo-Schimpansen.

Bonobos nutzen gleichgeschlechtliche Sexualität zum Abbau von Gruppenspannungen

Bosinski ergänzt, dass beim Bonobo gleichgeschlechtliche Sexualität regelhaft als Verhalten zur Befriedung von Gruppenspannungen auftritt. Ferner: Untersuchungen über einen Zusammenhang von Gehirnstrukturen und spontanem Auftreten lebenslanger gleichgeschlechtlicher Sexualpräferenz sind im Tierreich bislang nur bei Schafböcken durchgeführt worden. Bei ihnen sei eine solche "Objektwahl" nicht selten. Auch hier wurde eine hormonelle Komponente festgestellt.

Wandel in der moralischen Beurteilung der Homosexualität

Ein gewisser Wandel in der Beurteilung der Homosexualität zeigt sich neuerdings auch in moralischer Hinsicht. Wie der Jesuit Hans Rotter von der Universität Innsbruck feststellt, fragt die Moraltheologie nicht mehr einfach, "ob der einzelne homosexuelle Akt an sich naturgemäß ist, sondern danach, was er zum Ausdruck bringt, welche Funktion er in einer personalen Beziehung hat, welche personale Bedeutung ihm zukommt".

Katholische Kirche rückt mehr und mehr von ablehnender Haltung ab

Der katholische Moraltheologe Johannes Reiter von der Universität Mainz verzeichnet vermehrt Stimmen in dem Sinne, dass in konkreten Fällen "schwerwiegende Gründe für Ausnahmen" von der kirchlichen Ablehnung homosexuellen Verhaltens vorliegen könnten. "In Konsequenz dieser Auffassung könnten Personen, die aufrichtig davon überzeugt sind, dass ihre in einer homophilen personalen Gemeinschaft vollzogenen Akte nicht im Widerspruch zu ihren ganzheitlichen lebensweltlichen Sinnwerten stehen, ihrer unaufgebbaren Neigung entsprechen, auch wenn ihnen die volle Sinngebung menschlicher Geschlechtlichkeit verwehrt bleibt", sagt der Professor.

Rudolf Grimm

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