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Thank-You-Wissenschaft: Ein Wort soll die Beziehung retten - unser Autor hat es ausprobiert

Psychologen sagen, dass durch Dankbarkeit Beziehungen besonders lange halten. Doch wie soll das genau gehen? Dankbar sein in der Beziehung? Unser Autor hat es ausprobiert.

Von Till Raether

"Ein ganz und gar abgewohntes Wort": Danke!

"Ein ganz und gar abgewohntes Wort": Danke!

Der folgende Text stammt aus dem neuen Magazin "Cord", das ab dem 28.11. erhältlich ist.

Es gibt eine schöne Geschichte vom amerikanischen Schriftsteller David Sedaris über Dankbarkeit. Darin erzählt Sedaris, wie er in jungen Jahren mit einem Kumpel die Wohnungen reicher New Yorker putzt. Und davon träumt, selbst reich und berühmt zu sein.
Einmal steht eine Oscar-Statue in der Wohnung einer Drehbuchautorin, und David Sedaris beschreibt, wie er mit der Statue vor dem Spiegel posiert, als würde er eine Dankesrede vor einem Millionenpublikum halten. Mit theatralischer Stimme dankt er allen, die ihm einfallen, die Rede ist wahnsinnig lang und genauso wahnsinnig emotional, und dann, als er sich den Kopf zerbricht, wie eine seiner Grundschullehrerinnen mit Nachnamen hieß, wird ihm klar: Er hat allen gedankt – nur nicht seinem Kumpel, mit dem er seit Jahren putzt und der gerade dabei ist, nebenan die Badewanne zu schrubben.

Ich habe diese Geschichte immer sehr gemocht, weil nichts peinlicher und kränkender ist, als jemanden in einer Dankesrede zu vergessen. Ich halte verdammt wenig Dankesreden im ganz normalen Leben. Und wenn, dann würde ich wahrscheinlich die Person direkt neben mir vergessen: meine Frau. Dankbarkeit in der Beziehung - das ist wie Kichererbsensalat: Man weiß, er wäre gut für einen, aber die Herstellung klingt unglamourös, und man käme nie von allein auf die Idee, einen zu machen.

Dankbarkeit ist zudem ein ganz und gar abgewohntes Wort, runtergerockt durch evangelische Kirchenmusik im Guten und durch den Mangel an Dankbarkeit im Schlechten: Meistens wird ja nur über Dankbarkeit geredet, wenn man mehr davon erwartet hätte. Von Schwiegereltern, Flüchtlingen, Kindern. Oder, noch schlimmer, man setzt das Wort "dankbar" als Synonym für "lohnend" ein: Eine "dankbare Aufgabe" ist eine, die man auf einer Arschbacke abreißen kann.

Die Thank-You-Wissenschaft

Eine Beziehung ist in diesem Sinne keine dankbare Aufgabe. Wer in einer festen Beziehung ist, hat, je länger diese dauert, mit ganz großer Wahrscheinlichkeit einen Partner neben sich, der mit sehr wenig Dankbarkeit auskommen muss. Die Standardeinstellung im Sound der langjährigen Beziehung ist eher was auf der Skala zwischen "stummer Vorwurf" bis "passiv-aggressives Zurückmaulen". Unterbrochen hin und wieder von Vorsätzen, besser klarzukommen, sich zusammenzureißen und bei Gelegenheit mal wieder was Schönes zusammen zu machen.

Das neue Männer-Magazin CORD erscheint am 28.11.2017, der Verkaufspreis liegt bei 8,50 Euro. Weitere Informationen gibt es hier: www.cord-magazin.de 

Das neue Männer-Magazin CORD erscheint am 28.11.2017, der Verkaufspreis liegt bei 8,50 Euro. Weitere Informationen gibt es hier: www.cord-magazin.de 


Dabei müsste man wirklich viel öfter denken, fühlen und vor allem sagen: Danke, dass du es mit mir aushältst. Das klingt erst mal seifig und pastoral - stimmt. Aber die Wissenschaft der sogenannten Positiven Psychologie, die sich mit dem guten und gelingenden Leben beschäftigt, lässt keinen Zweifel daran: Nichts macht eine Beziehung haltbarer als Dankbarkeit. Die Psychologin Sara Algoe von der University of North Carolina zum Beispiel hat herausgefunden, dass Dankbarkeit die Intimität stärkt, sie bringt Paare einander näher.

Ihr Kollege Robert Emmons von der University of California in Davis sagt, dass Dankbarkeit eine Quelle von Stärke sei und dass man sie trainieren könne wie einen Muskel. Wie das funktioniert, hat Annie M. Gordon von der Uni in Berkeley beschrieben: Sie spricht vom "Kreislauf der Wertschätzung" und sagt, dass die Dankbarkeit, die ein Partner ausdrückt, im anderen den Wunsch auslöse, seinerseits Dankbarkeit zu zeigen.

In Unterhose vorm Computer

Aber einfach ist es nicht. Denn psychologisch erwiesen ist auch, dass Nähe zwischen zwei Menschen zu mehr Nachlässigkeit führt. Je näher Menschen sich einander fühlen, desto öfter nehmen sie sich Dinge heraus, die sie sich Fremden gegenüber nie erlauben würden. In Unterhose vorm Rechner sitzen ist dabei noch die sympathischste Variante. Es gibt einsilbige Fragen und Antworten, die man den Nachbarn niemals zumuten würde, die man sich in der Beziehung aber gegenseitig zuspuckt wie Fliegen, die einem in den Mund geraten sind. Kommst du, kannst du, ja verdammt, gleich.

Dankbarkeit muss man sich erkämpfen. Also, erst mal, sie überhaupt empfinden. Der Paartherapeut Hans Jellouschek sagt, man müsse hierzu "die ganze Realität der Beziehung wahrnehmen". Also nicht immer nur den Alltagskram direkt vor der Nase sehen und vage im Hinterkopf all die verpassten Chancen und Gelegenheiten spüren. Sondern innehalten, den Blick weiten und sich klarmachen: Was ist eigentlich alles gut an dem, was wir haben? Und warum sage ich nicht Danke dafür, denn ich hab das, was gut ist, ja nicht alles allein gemacht?

Trennen wir uns irgendwann von unseren Frauen, weil die Wertschätzung weg ist?

Okay, egal wie man es auch durchleuchtet und analysiert: Dankbarkeit hört nicht auf, ein bisschen heilig zu klingen. Vielleicht muss man sich deshalb das Empfinden von Dankbarkeit mehr wie ein Weitwinkelobjektiv vorstellen, das einem in Momenten, in denen man sich gern aufs Unmittelbare verengen würde, das ganze, große Bild zeigt. Also versuche ich, wenn ich genervt vom Alltagskram bin, im großen Bild zu sehen, wie froh ich bin, dass es diesen Alltagskram überhaupt gibt. Denn dieser Alltagskram ist – egal wie ich es mir backe – mein Leben. Und dann muss man’s halt auch sagen. Da sind sich die Wissenschaftler einig: Messbaren Erfolg fürs Halten der Beziehung bringt nur die Dankbarkeit, die man ausdrückt. Die Dankbarkeit, die man stillvergnügt nur für sich empfindet, kann man sich genauso gut in die Haare schmieren.

Besser als belegte Brote

Also arbeite ich am Dankesagen. Oh, toll, danke, dass du mein Bett mitgemacht hast. Danke, dass du auf mich gewartet hast. Danke, dass du mich erinnert hast, den Brief einzustecken. Ich hätte gern ein paar glamourösere Beispiele an dieser Stelle, etwas Spektakuläres, aber: Je mehr man im Kleinen anfängt, Danke zu sagen, desto mehr wird einem die große, tiefe Dankbarkeit bewusst. Die Forscher sagen, dass es wirklich kleine Dinge sind, die diesen "Kreislauf der Wertschätzung" in Gang setzen. Man muss kein Mantra und kein Ritual draus machen. Es reicht völlig, sich kurz darüber klar zu werden: Okay, sie war heute zwar früher zu Hause und hatte mehr Zeit zum Kochen, aber selbstverständlich ist es trotzdem nicht. Bequemer wär's gewesen, für belegte Brote zu decken und sich vors iPad zu hängen. Danke, dass du Essen gemacht hast.

Alles in Ordnung bei dir?, fragt meine Frau. Man darf nicht zu dick auftragen … Aber nach einer Weile merke ich: Sie sagt auch häufiger Danke. Kreislauf der Wertschätzung, siehe oben. Die Stimmung ist nicht nur besser, sondern es passiert noch etwas anderes: Als wir einen mittleren und einen großen Streit haben, reißen wir nicht lauter andere Dinge mit in die Diskussion, wir stellen nicht alles infrage, wir bleiben bei der Sache. Vielleicht weil wir vorher immer mal wieder gesagt haben, dass ja das meiste gut ist. Dankbarkeit zieht auch eine positive Grenze, hinter die man nicht mehr so leicht zurückfallen kann.

The Power of Love, verstehste?

Je älter ich werde, desto deutlicher ahne ich, wie wichtig Dankbarkeit ist. Es gibt die klassische Klischeegeschichte vom Mann in meinem Alter – also Mitte 40 –, der sich eines Tages aus heiterem Himmel in eine zehn Jahre jüngere Frau verliebt. Die Liebe! Sie schlägt halt ein wie der Blitz. Plötzlich klingt der Mann Mitte 40, der sich 20 Jahre nicht emotional geäußert hat – außer es ging um den Abgasskandal bei VW –, wie eine Songzeile von Frankie Goes to Hollywood: "The power of love, a force from above, cleaning my soul …" Verstehste?

Und im nächsten Satz gibt dieser Mann einem zu verstehen, er hätte sich aber eben auch auseinandergelebt mit der Frau, mit der er seit 15, 20 Jahren zusammen ist und mit der er ein, zwei, drei hat. Und dann sagt er: Die Frau hätte sich eben nicht weiterentwickelt, sie sei irgendwie stehen geblieben. Inzwischen sehe ich diese älteste Geschichte der Welt auch als eine auf die Klippen gelaufene Dankbarkeitsstory, genauer gesagt: als eine Geschichte über Wertschätzungsdefizite.

Sicher, es gibt Beziehungen, die von Jahr zu Jahr schlechter werden, aus tief liegenden Gründen, gegen die man auch mit Dankbarkeit nicht ankommt. Und es gibt natürlich auch Beziehungen, in denen man ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr genug Anlass hat, einander dankbar zu sein. Und es genau richtig ist, zu gehen, um allein zu sein oder mit einer anderen neu anzufangen. Aber ich frage mich, ob Beziehungen nicht auch daran scheitern, dass einer irgendwann aufgehört hat, die Nähe des anderen als etwas Besonderes zu empfinden. Was für eine Riesenverwerfung, was für ein Einschnitt im Leben, weil man nicht öfter gefühlt und gesagt hat: Danke, übrigens. Der Aufwand hält sich in Grenzen. Warum das Risiko also eingehen?

Der Text stammt aus dem neuen Magazin "Cord", das ab dem 28.11. erhältlich ist.

Das neue Männer-Magazin CORD erscheint am 28.11.2017, der Verkaufspreis liegt bei 8,50 Euro. Weitere Informationen gibt es hier: www.cord-magazin.de 

Das neue Männer-Magazin CORD erscheint am 28.11.2017, der Verkaufspreis liegt bei 8,50 Euro. Weitere Informationen gibt es hier: www.cord-magazin.de 

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