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Rekonstruktion Wie Bergamo zu einem der schlimmsten Corona-Hotspots in Europa wurde

Leichentransport in Bergamo
Im März starben in Bergamo so viele Menschen, dass das Militär aushelfen musste.
© Carlo Cozzoli/action press
Die Bilder aus dem italienischen Bergamo schockten im Frühjahr die Welt. Tausende Menschen starben dort an Covid-19. Eine investigative Recherche der "New York Times" rekonstruiert, wie es dazu kommen konnte. 

Mitte März gingen die Bilder aus dem italienischen Bergamo um die Welt. Sie zeigten überfüllte Krankenhäuser, erschöpfte Ärzte. Tausende Menschen starben. Die Krematorien waren überlastet. Die Region gehörte zu den am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Gegenden in Europa. Wie konnte es dazu kommen, dass sich das Virus beinahe ungebremst wochenlang ausbreiten konnte? Eine investigative Recherche der "New York Times" (NYT) rekonstruiert die Vorgänge der ersten Wochen. Es geht um Ärzte, die zu wenig testen, Politiker, die sich vor Entscheidungen scheuen und einen Wirtschaftsverband, der vehement gegen die Errichtung einer Sperrzone arbeitete.

Der erste offizielle Covid-19-Fall wurde in Italien am 20. Februar,  bekannt – weil sich eine Ärztin in Codogno in der Provinz Lodi nicht ans nationale Protokoll hielt. Entgegen der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO testete sie einen 38-Jährigen auf Covid-19, obwohl dieser keine Verbindungen zu China hatte. Der Befund sorgte für Aufsehen. Er bewies nicht nur, dass das Coronavirus in dem Land angekommen war, sondern zeigte auch eine eklatante Schwachstelle im System auf. 

Ärzte testen zu wenig

Da die Ärzte sich zu dieser Zeit linientreu an die Empfehlungen der WHO hielten, fielen wohl viele Infizierte durchs Raster. In Bergamo sollte das fatale Auswirkungen haben. Dort war bereits Mitte Februar ein 83-Jähriger in die Notaufnahme des Presenti Fenaroli gekommen. Eine Grippe, dachten die Ärzte damals und schickten ihn nach Hause. Aber sein Zustand verschlechterte sich. Nur zwei Tage später musste er wieder eingeliefert werden, er bekam kaum noch Luft. Dass der Mann an Covid-19 erkrankt war, wurde erst aufgedeckt, als das Krankenhaus, aufgeschreckt vom Fall in Lodi, selbst zu testen begann. Er war einer von drei Patienten, die sodann positiv getestet wurden - auch von ihnen hatte keiner Verbindungen zu China. 

"In diesem Moment begriff ich, dass wir am Arsch waren", berichtet der Direktor des Presenti Fanaroli, Guiseppe Marzull der "NYT": "Wir hatten nach denen gesucht, die in China gewesen waren und das war der tragische Fehler." Hat die Empfehlung der WHO zur rasanten Ausbreitung des Virus in dem Land beigetragen? Auf Anfrage der "NYT" verteidigte Margaret Harris, eine Sprecherin der Behörde, das Vorgehen. Man habe zu Beginn keine Ressourcen verschwenden wollen und daher die Tests auf bestimmte gefährdete Bevölkerungsgruppen beschränkt. Außerdem, so Harris, sei letztlich der Arzt des Patienten derjenige, "der entscheidet, wer getestet werden soll". 

Welchen Einfluss hatten Wirtschaftsverbände?

Drei Tage nach Bekanntwerden des ersten Covid-19-Falls riegelte die Regierung die Gegend Lodi ab. Am 8. März wurde die gesamte Lombardei sowie Mailand zur Sperrzone, zwei Tage später das ganze Land in Quarantäne geschickt. Bis dahin lief im stark gebeutelten Bergamo alles weiter wie gehabt. Vertreter der örtlichen Wirtschaft sollen sich in dieser Phase vehement gegen eine Sperrung eingesetzt haben. Der Präsident des lombardischen Industriellenverbandes Confindustria gab inzwischen zu: "Wir waren gegen den Lockdown." Der Vorwurf steht im Raum, dass der Verband Druck auf die Regierung ausgeübt habe.

Licia Mattioli, die damals Vizepräsidentin des Verbands war, erzählte der "NYT": "Damals gab es eine direkte Verbindung zwischen der Confindustria und der Regierung". Ministerpräsident Guiseppe Conte bestreitet das. Gegenüber der "NYT" sagte er, er habe niemals entsprechende Anfragen erhalten. Fest steht: Die Fabriken Bergamos blieben bis Ende März weiter in Betrieb, manche waren nie geschlossen. Während der Verband das Video  "Bergamo running" veröffentlichte, um zu zeigen, dass vor Ort der Betrieb gewohnt weiterlaufe  - eine Werbemaßnahme für Geschäftspartner - kämpften die Mitarbeiter im Krankenhaus gegen Windmühlen.

Traf die Politik Fehlentscheidungen?

Direkt nach dem Bekanntwerden des Ausbruchs hatte der Klinikdirektor Maßnahmen ergriffen, um eine weitere Verbreitung des Virus einzudämmen. So schloss er unter anderem die Notaufnahme. Stunden später wurde dieser aber bereits wieder geöffnet. Warum, das war lange nicht bekannt. Inzwischen weiß man, dass dies von offizieller Stelle gemeinsam mit dem Krankenhausnetzwerk der Region angeordnet worden war. Obwohl, wie Marzulli der "NYT" berichtete, das Krankenhaus damals nur auf Material für etwa ein Dutzend Abstriche zurückgreifen konnte.

Zu wenig, um Patienten und Krankenhauspersonal zu schützen. Der Vorrat war schnell aufgebraucht, der gelieferte Nachschub reichte längst nicht aus. Das Krankenhaus musste mit den Tests haushalten und konnte nicht so viele Menschen testen, wie notwendig gewesen wäre, um Patienten und Personal zu schützen. Conte sah das anders. Die Gesundheitsbehörden müssten internationale Protokolle befolgen, damit am Ende nicht überdramatisiert werde, begründete er laut "NYT". Die wenigen Tests führten entsprechend auch zu wenigen bestätigten Coronafällen. Am 26. Februar waren es 20. Auf diese Fallzahl berief sich der wissenschaftliche Ausschuss in Rom und bestimmte, es seien zu wenig, um auch Bergamo zur Sperrzone zu machen. Das Krankenhaus entwickelte sich zu einem Infektionsherd.

Am dritten März schlug der wissenschaftliche Ausschuss der Regierung Alarm. Nembro und Alzano Lombardo sollten abgeriegelt werden, doch Ministerpräsident Conte, der das hätte genehmigen müssen, schwieg. Zwei Tage später appellierte der Ausschuss erneut daran, dass gehandelt werden müsse. Bis Taten folgten, vergingen drei weitere Tage. Zwei weitere sollte es dauern, bis das ganze Land in Quarantäne geschickt wurde. Dennoch spricht Conte gegenüber der "NYT" davon, dass es "keine Verzögerung" gegeben habe.

Stimmt das? Die Opfervereinigung "Noi senunceremo" (Wir zeigen an) stellt das in Frage. Sie wirft der Regierung vor, bei der Bekämpfung der Pandemie versagt zu haben und hat Klage eingereicht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen fahrlässiger Tötung.

Quellen:NYTRND

tpo

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