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"Abreiß"-Kalender: So machen Sie Deutschland täglich schöner

Das Prinzip des Abreiß-Kalenders hat eine Berliner Urbanistin wörtlich genommen. Egal, ob Bochumer Bettenburgen, Bielefelder Bauklötze oder Berliner Bruchbuden - an jedem Tag des Jahres 2007 können Sie eine bundesdeutsche Bausünde im Müll entsorgen.

Von Kathrin Buchner

Der monolithische Betonklotz, in dem wir einkaufen, die verbaute Fassade, an der wir zur U-Bahn gehen, die 70er-Jahre Bruchbude, die aussieht wie Kommandozentrale Galaktika - tagtäglich passieren wir architektonische Katastrophen in unserer Umgebung, die wir kaum noch wahrnehmen.

Dagegen wollte Turit Fröbe ein Zeichen setzten. Die 35-jährige Urbanistin, die an der Universität der Künste Berlin Baugeschichte unterrichtet, geht seit vier Jahren nicht mehr ohne Kamera aus dem Haus. Berufsbedingt hat sie ein Auge für Architektur und fängt unermüdlich urbane Schandflecken ein, ungeschönt und ohne Filter. "Es ging mir darum, die städtebauliche Realsatire zu zeigen und die Leute zum Sehen zu animieren. Aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit einem Schmunzeln", sagt Fröbe.

Angefangen hat alles in Bielefeld. Auf einmal waren die vergilbten Stromkästen, an denen sie jeden Tag vorbei kam, weiß gestrichen. Eine Maßnahme, die auch nicht der Stadtverschönerung diente, aber Fröbe als Initialzündung diente: "Man müsste diesen ganzen Schrott, der herumsteht, zusammensammeln", dachte Turit Fröbe damals, hielt sofort den Fotoapparat darauf, versah das Bild mit dem Stempel "weg damit" und entwickelte die Idee mit dem Kalender.

Bausünden wandern in den Hausmüll

Schließlich ist das Prinzip so nahe liegend: Statt schlauer Sinnsprüche für jeden Tag landen jetzt eben bundesdeutsche Bausünden im Hausmüll. "Es ist der erste Abreißkalender, mit dem man wirklich abreißwürdige Objekte entsorgt", sagt Fröbe. Und gibt uns die Chance, die Abrissbirne zu schwingen und Deutschland - zumindest symbolisch - jeden Tag ein bisschen schöner zu machen.

Trotz der witzigen Idee hat es lange gedauert, bis Fröbe einen Verlag gefunden hat, der ihr Bildmaterial publiziert. "Kalender haben eine kurze Halbwertszeit, es ist ein teueres Projekt wegen der vielen Farbfotos. Die Architekturverlage hatten Angst wegen des Qualitätsniveaus, und für die Fotografieverlage war die Bildqualität zu schlecht", so die Erfinderin des "Abreiß"-Kalenders.

Kirchen am Feiertag, sonntags Einfamilienhäusern

Damit die 365 Bausünden nicht zur "Qual" für den Betrachter werden, hat Fröbe ein System der Anordnung entwickelt. "Sonntags zeige ich Eigenheime, anonym, ich will niemanden bloß stellen. An hohen Feiertagen gibt es Kirchen, zum Tag der deutschen Einheit ist ausnahmsweise ein Bild aus Holland zu sehen, ich konnte mich nicht für West- oder Ostdeutschland entscheiden. Und die Stimmung auf den Fotos muss der Jahreszeit entsprechen", so Fröbe.

In Bremerhaven verging Fröbe die Lust zu fotografieren

In 80 Städten war die Urbanistin unterwegs, die Ausbeute war sehr unterschiedlich. In Bielefeld entdeckte sie gleich fünfzig Motive, allerdings sind nicht alle davon abgebildet. In Hannover knipste sie lediglich fünf Bilder und Bremerhaven fand sie so "grottenhässlich", dass sie ihr beinahe die Lust verging, auf den Auslöser zu drücken. Ihr Ziel hat sie dabei jetzt schon erreicht: "Etliche Bilder habe ich Freunden vorgelegt, die seit 30 Jahren an den Gebäuden vorbei laufen, ohne sie zu bemerken. Die gucken mittlerweile genauer hin", so Fröbe. Und sie selbst hat auch etwas dabei gelernt. "Ich bin Bausündenspezialistin. Es gibt diese Einheitsbausünden, und es gibt gute Bausünden. Die sind in dem Kalender zu sehen."

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