HOME

"Arletty und ihr deutscher Offizier": Eine Liebe in Zeiten des Krieges

"Mein Hintern kennt keine Nation" soll die französische Schauspielerin Arletty gesagt haben, als man ihr die Liebe zu einem deutschen Offizier während des Krieges als Verrat vorhielt. Sie wurde von ihren patriotischen Landsleuten als "vaterlandsloses Flittchen" diffamiert und eingesperrt. Der Publizist Klaus Harpprecht geht in seinem neuen Buch dieser ungewöhnlichen Liebesgeschichte nach.

Sie war eine berühmte französische Schauspielerin, er ein junger deutscher Offizier. Beide verband eine leidenschaftliche Liebe, eine "Amour fou", wie man in Frankreich sagt. Leider hatten Arletty ("Kinder des Olymp") und Hans-Jürgen Soehring das Pech, sich im Paris der deutschen Besatzungszeit ineinander zu verlieben. Nach der Befreiung wurde ihre Liaison zu einem Verbrechen hochstilisiert. Arletty, der einst so umschwärmte Star, wurde als "vaterlandsloses Flittchen" in das berüchtigte Lager Drancy gesperrt. Jahrelang hatte sie faktisch Berufsverbot. Politische Kollaboration konnte man ihr nicht nachweisen. Ihr einziges Vergehen war ihre Liebe zu einem Deutschen.

Der Frankreichkenner Klaus Harpprecht hat diesem vergessenen Liebespaar sein neues Buch gewidmet: "Arletty und ihr deutscher Offizier. Eine Liebe in Zeiten des Krieges". Der Publizist und frühere Fernsehkorrespondent ist seit seiner Jugend ein Bewunderer der französischen Schauspielerin Arletty (1898-1992), die mit bürgerlichem Namen Léonie Bathiat hieß.

Eine entwaffnende Künstlerin

Harpprecht zeichnet das fast hundertjährige Leben der Künstlerin nach, einer Frau mit knabenhafter Figur und großen dunklen Augen, die es vom einfachen Vorstadtkind bis ganz nach oben schaffte. Es ist das Bild einer unkonventionellen Frau, die es trotz vieler Bewunderer zeitlebens ablehnte zu heiraten. Bei all ihrer Eleganz konnte Arletty auch schon einmal in den breitesten Vorstadt-Argot verfallen. Legende sind einige ihrer entwaffnend ehrlichen Zitate. Auf den Vorwurf, ihr intimer Umgang mit einem deutschen Offizier sei Verrat an Frankreich, soll sie geantwortet haben: "Mein Herz gehört Frankreich, mein Hintern kennt keine Nation".

Im Vergleich dazu bleibt das Porträt des Wehrmachtsoffiziers ein wenig blass, was vielleicht auch daran liegt, dass seine Briefe - im Gegensatz zu ihren - verloren gingen. Es war wohl vor allem die weltmännische Gewandtheit und das elegante Äußere Soehrings, die Arletty in den Bann zogen. Soehring, der als Feldrichter der Luftwaffeneinheiten nach Frankreich entsandt wurde, entsprach so gar nicht dem Bild des sturen preußischen Komisskopfes. Er war kein gläubiger Nazi, eher der Typ des glatten Karriere-Diplomaten, der er nach dem Krieg auch wurde. Politisch ließ sich der Besatzungsoffizier offenbar nichts zuschulden kommen. Auch Arletty hatte sich nicht wirklich etwas vorzuwerfen. Allenfalls eine gewisse Gedankenlosigkeit hätte man dem Paar vorhalten können. Es schwelgte in Kaviar und Champagner, während draußen der Krieg tobte, Menschen verfolgt und getötet wurden.

Porträt eines ungewöhnlichen Liebespaares

Das süße Leben endete abrupt 1943. Soehring wurde nach Deutschland zurückbeordert. Nach dem Krieg war die Liebe dann nicht mehr zu heilen. Soehring heiratete eine Deutsche, Arletty, die noch einmal als Schauspielerin Fuß fassen konnte, blieb sich treu und starb hochbetagt als Single.

Harpprecht zeichnet nicht nur ein lebendiges Porträt eines ungewöhnlichen Liebespaares, das an den Zeitumständen scheitert, sondern entwirft auch ein farbiges und kenntnisreiches Panorama Frankreichs in der Besatzungszeit. Da verschmerzt man es auch, dass sich der Autor bisweilen von seiner Leidenschaft zum Thema und seinem großen Wissen zu längeren Abschweifungen hinreißen lässt.

Sibylle Peine/DPA / DPA