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"Berlin Alexanderplatz"-Premiere: Skandal-Regisseur Volker Lösch wird an der Schaubühne Berlin gefeiert

Mit einer sehr freien Bearbeitung von Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" hat Skandal-Regisseur Volker Lösch (46) an der Schaubühne Berlin debütiert. Der erwartete Eklat blieb aus, statt Buhs löste die Inszenierung einen fast fünfzehn Minuten langen Jubelsturm aus mit rasendem Beifall und vielen Bravo- Rufen.

Mit einer sehr freien Bearbeitung von Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" hat Skandal-Regisseur Volker Lösch (46) an der Schaubühne Berlin debütiert. Der erwartete Eklat blieb aus, statt Buhs löste die Inszenierung einen fast fünfzehn Minuten langen Jubelsturm aus mit rasendem Beifall und vielen Bravo- Rufen.

Deutschlandweit berühmt-berüchtigt wurde Volker Lösch in der Spielzeit 2004/ 2005. Damals hatte er am Staatsschauspiel Dresden Gerhart Hauptmanns "Weber" inszeniert. Im Zentrum der Aufführung stand ein von Hartz-IV-Empfängern gebildeter Arbeitslosenchor. Der ließ seine Wut über soziale Benachteiligung zum Teil an Prominenten aus. Was zum Beispiel Fernsehmoderatorin Sabine Christiansen mit einer Strafanzeige quittierte.

Auch in "Berlin Alexanderplatz" setzt Lösch auf die Kraft eines Chores. Der ist überwiegend besetzt mit ehemaligen Strafgefangenen der Justizvollzugsanstalt Berlin (JVA). Deren persönliche, meist bitteren Erfahrungen mit sogenannter "Resozialisierung" kommentieren das eigentliche Geschehen. Das erzählt, stark verkürzt, die von Döblin entwickelte Geschichte vom Scheitern des Ex-Häftlings Franz Biberkopf.

Zu Beginn der Aufführung berichten die Chormitglieder aus dem Publikum heraus in kleineren und größeren Gruppen von ihren Taten, für die sie gebüßt haben. Das reicht von Betrug über Nötigung und Körperverletzung bis zu Totschlag. Von Anfang an steht damit die zentrale Frage des Romans im Raum: Wieso werden wir auch noch dafür bestraft, dass wir unsere Strafe abgesessen haben? Das Forschen nach Antworten ist anregend und spannend.

Die Laien bewältigen ihre Aufgabe mit großem Engagement. Es ist zu spüren, dass sie hier ihre ureigene Sache vertreten. Mit ihnen sind exzellente Schauspieler zu erleben. Vor allem Sebastian Nakajew als Biberkopf fesselt mit kraftvollem Körpereinsatz und exzellentem sprachlichem Ausdruck. Ohne Sentimentalität ist jeden Augenblick die Verzweiflung des Mannes zu spüren, der unbedingt "gut" sein will, was ihm die Gesellschaft verwehrt.

Die Sogkraft des Abends resultiert auch aus der Ausstattung (Carola Reuther). Es wird im Publikum gespielt und auf einer Fläche vor dem ansteigenden Podium, die zentimeterdick mit Münzen, allesamt Fehlprägungen, bedeckt ist. Wenn diese Münzen schließlich von den Akteuren so geworfen werden, dass der Geldregen schillert wie ein Feuerwerk, wird die Behauptung, Geld mache nicht glücklich, effektvoll und böse ad absurdum geführt.

Das Premierenpublikum ging von Anfang an spürbar begeistert mit und ließ sich mehrfach zu Szenenapplaus hinreißen. Am Schluss wurden sämtliche Beteiligten gleichermaßen frenetisch gefeiert. Zu Recht: Volker Lösch, seit 2005 Hausregisseur und Mitglied der künstlerischen Leitung am Schauspiel Stuttgart, hat mit seinem Berlin-Debüt bewiesen, dass politisch engagiertes Theater modern, rasant und zugleich geistreich sein kann.

Für die Berliner Schaubühne ist die gefeierte Inszenierung ein Glücksfall. Das Theater hatte schon in der letzten Spielzeit mit bemerkenswerten Novitäten seinen Ruf poliert. Mit "Berlin Alexanderplatz" stellt sich das Haus qualitativ an der Spitze der großen hauptstädtischen Sprechtheater.

DPA / DPA