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Umstrittenes Bahnprojekt S21: Ein bisschen Woodstock in Stuttgart

Am Freitagabend sind erneut Zehntausende gegen den Bahnhofsbau S21 auf die Straße gegangen. Sie wollen das Projekt noch stoppen - und das haben sie bei ihrer Kundgebung beinahe heiter bekundet.

Von Julia Rommel, Stuttgart

Das Aktionsbündnis ist wie immer gut organisiert: Am Zugang zum Schlosspark gibt es Trillerpfeifen, Buttons und schon den detaillierten Aktionsplan für die kommende Woche. Darin aufgelistet Termine für protestwillige Senioren wie Unternehmer, ein Sitzblockadetraining und eine Chorprobe. Auf der Bühne spielt ein Streichquartett klassische Musik. Pünktlich um 19 Uhr begrüßt der Parkschützer Christoph Reinstadler die Menge. Er ist einer von inzwischen mehr als 28.000 Menschen, die sich im Internet als Parkschützer registriert haben und verhindern wollen, dass für den Bau des umstrittenen Bahnprojekts Bäume im Schlosspark gefällt werden. Und er ist einer von denen, die in der Nacht zum Freitag dennoch zugesehen haben, wie dort hinter Absperrgittern und von einer Kette aus über eintausend Polizisten bewacht die ersten 25 Robinien und Kastanien fielen

Die Gegner des Projekts haben als Motto für den Freitagabend deshalb "Unser Protest wird schärfer" ausgerufen. Die Kundgebung beginnt mit einer Minute Schweigen, dann folgt das markerschütternde Ritual aus Trillerpfeifen und Vuvuzela-Lärm, der so genannte Schwabenstreich. Den rhetorischen Einheizer übernimmt der Theater-Regisseur Volker Lösch. Er nennt die "gestrige Wasserwerfer-Kehrwoche dilettantisch und durchschaubar" und fordert das Ende der "grusligen Grube-Mappus-Show". Die Menge sekundiert, ruft wechselnd "Lügenpack", "Kinderschläger" und "Mappus weg". Sie sind wütend auf ihren CDU-Ministerpräsidenten. Dem werfen sie vor, er habe ein bewusst hartes Vorgehen gegen Demonstranten angeordnet, darunter viele Schüler und Senioren. Als die Polizei am Donnerstagmittag vor der Baumfällaktion Absperrungen im Schlosspark aufbaute und dazu spontan besetzte Parkgebiete räumen ließ, war die Situation erstmals in Gewalt eskaliert.

Jetzt, einen Tag später, sind viele gekommen, die erzürnt sind über die Bilder von Wasserwerfern, einem martialischem Polizeiaufgebot und verängstigten Schüler-Demonstranten. Sie wollen sich die neue Lücke im Park anschauen und erst recht weiterdemonstrieren.

Die Stimmung ist grimmig und gutgelaunt zugleich

Der Parkboden ist ein einziges Matschfeld. In der Nacht gab es Nieselregen und die Wasserwerfer haben ein Übriges getan. Die meisten Demonstranten sind mit festem Schuhwerk oder Gummistiefeln gerüstet, die Stimmung ist grimmig und gutgelaunt zugleich. Einer älteren Dame mit Pelzkragen treibt es beim Gedanken an die Schüler Wuttränen in die Augen. Zum Glück gibt es eine Redepause auf der Bühne und sie pfeift ihren Frust mit der Trillerpfeife in die Abenddämmerung.

Nach eineinhalb Stunden wird die Menge unruhig, von hinten fordern sie "Loslaufen!" Ein Jurist, der Beispiele von zivilem Widerstand referiert, wird etwas unsanft abgewürgt. Gangolf Stocker, einer der Köpfe des Aktionsbündnisses, schwört die Menge auf friedlichen Protest ein, dann zieht der Demonstrationszug los. Hunderttausend Menschen sollen es sein, sagen die Veranstalter, die sich gegen halb neun langsam auf ihre Route einmal um die Innenstadt begeben. "So etwas hat es in Stuttgart noch nie gegeben", sagt ein Demonstrant und die Genugtuung und der Stolz in seiner Stimme sind nicht zu überhören.

Gelassenheit statt Aggression

Eine Blaskapelle macht Musik, auf halber Strecke gibt es ein kleines Feuerwerk, und als der Demonstrationszug am Staatstheater vorbeikommt, winken die Schauspieler aus dem Fenster und vom Hintereingang. Inzwischen wirkt die Kundgebung fast fröhlich, hin und wieder wogt ein "Mappus weg" - Sprechchor auf. Polizisten sind entlang des Demonstrationszugs nirgends zu sehen, sie bewachen weiterhin den Schlosspark.

Zurück im Park weht ein Hauch von Woodstock durch Stuttgart. Unzählige Kerzen sind über den Boden verteilt, die Menschen ziehen in Grüppchen von Baum zu Baum, lesen die dort aufgehängten Schilder und unterhalten sich. Auf der Bühne spielt jetzt eine Band Balkanbeats und verbreitet noch mehr gute Laune. Im Scheinwerferlicht am Absperrgitter stehen sich ein paar Demonstranten und Polizisten gegenüber, doch die aggressive Anspannung vom Vorabend baut sich heute nicht auf. Zwei junge Männer verabschieden sich mit einem lässigen Handschlag und dem Schlachtruf der Gegner: "Wir sehen uns." - "Ja, klar. Oben bleiben!"

Am Ausgang des Parks hat sich eine Traube Menschen gebildet. Sie umrunden zwei Polizisten, die einzigen beiden auf weiter Flur, die sich außerhalb die abgesperrte Zone begeben haben. Der Ton ist auf beiden Seiten höflich und ruhig, man versucht, die Position des anderen zu verstehen. "Ich bin Badener" sagt ein Polizist fast entschuldigend, "ich kenne die Argumente in Stuttgart nicht so genau. Und als ich das erste Mal aus Karlsruhe hierher kam, habe ich gedacht, dass das hier doch alles normale Leute sind - bis auf den Dialekt." Damit hat er die Lacher auf seiner Seite, und zumindest heute Abend geht man hier friedlich auseinander.