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"Der Spiegel": Erfolge feiern mit Skandalen

Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist eng mit der des "Spiegels" verknüpft: Das Nachrichtenmagazin deckte mehrere politische Skandale auf oder löste sie gleich selbst aus. Nun feiert das älteste deutsche Nachrichtenmagazin Jubiläum.

"Der Spiegel" feiert. Rund 2000 Gäste, darunter mehr als 1000 Verlagsmitarbeiter, werden sich am 8. Januar bei einer Geburtstagsparty in Hamburg an die Anfänge des vor 60 Jahren erstmals erschienenen Nachrichtenmagazins erinnern. Der Gründer und Herausgeber Rudolf Augstein (1923-2002) etablierte mit dem "Spiegel" den investigativen Journalismus in Deutschland. Die Redaktion deckte zahlreiche Affären der deutschen Nachkriegsgeschichte auf. "Ohne Rücksicht auf Verluste aufklären", war Augsteins Devise.

Vorläufer des "Spiegel" war "Diese Woche". Das Magazin wurde 1946 von der britischen Militärregierung in Hannover gegründet. Doch der Ton des Blattes missfiel den Regierenden in London, nach nur fünf Ausgaben entledigten sich die Besatzer des Titels und übertrugen dem Redakteur Augstein die Lizenz. Augstein - damals 23 Jahre jung - veröffentlichte am 4. Januar 1947 erstmals sein Magazin unter dem Namen "Der Spiegel". Seit 1952 kommt das Blatt aus Hamburg.

"Ein Abgrund von Landesverrat"

Zehn Jahre später schreibt das Magazin Pressegeschichte. Es berichtet über das Verteidigungskonzept der Nato und kommt zu dem Schluss, die Bundeswehr sei im Falle eines sowjetischen Angriffs nur "bedingt abwehrbereit". Die Bundesregierung sieht darin "einen Abgrund von Landesverrat" (Bundeskanzler Konrad Adenauer). Die Redaktion wird durchsucht, verantwortliche Redakteure und Herausgeber Augstein werden verhaftet. Er bleibt drei Monate in Untersuchungshaft. Die Öffentlichkeit empört sich über den Eingriff des Staates in die Pressefreiheit, Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) muss zurücktreten. Das strafrechtliche Verfahren gegen das Magazin wird später aus Mangel an Beweisen eingestellt.

In den achtziger Jahren machte der "Spiegel" mit einer Reihe von aufgedeckten Polit-Skandalen von sich reden. Dazu gehörten die Machenschaften beim gewerkschaftlichen Baukonzern Neue Heimat, die Flick-Parteispenden-Affäre und die Barschel-Pfeiffer-Affäre (1987) um den damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel (CDU) und seinen politischen Gegner Björn Engholm (SPD). Augstein sah sein Blatt als "Sturmgeschütz der Demokratie". Der streitbare Intellektuelle schrieb in den 50er und 60er Jahren unter dem Pseudonym Jens Daniel bissige Kommentare zu Deutschland.

Gelassenheit trotz Konkurrenz

Über Jahrzehnte hatte "Der Spiegel" eine Monopolstellung in Deutschland, bis er 1993 mit dem Magazin "Focus" aus dem Burda-Verlag Konkurrenz bekam. Augstein blieb gelassen: ""Focus" ist ein Ding für sich. Davon können wir nichts lernen." Vielmehr vertraute er auf einen neuen Chefredakteur, den Augstein - zunächst gegen den Widerstand der Redaktion - Ende 1994 durchsetzte.

Stefan Aust steht seitdem an der Spitze des Magazins und hat einen Vertrag bis Ende 2008, der noch verlängert werden kann. In der Geschäftsführung des Verlags hat sich zu Jahresbeginn ein Wechsel vollzogen. Mario Frank, der frühere Geschäftsführer des Dresdner Druck- und Verlagshauses ("Sächsische Zeitung"), hat die Aufgaben von Karl Dietrich Seikel übernommen. "Spiegel"-Gesellschafter Jakob Augstein erwartet von Frank "einen anderen verlegerischen Kurs". Der Verlag habe zuletzt viele Chancen ungenutzt gelassen, sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Spiegel-Gesellschafter sind die Verlagsmitarbeiter (50,5 Prozent), die Erben des Verlagsgründers Rudolf Augstein (24 Prozent) sowie der Hamburger Verlag Gruner + Jahr (25,5 Prozent). Die Auflage des "Spiegel" liegt durchschnittlich bei über einer Million Exemplare pro Ausgabe.

Almut Kipp/DPA / DPA