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"Deutschland wird Dir gefallen": Rafael Seligmann schreibt über sein Leben

Er fordert die Freigabe von Hitlers "Mein Kampf", legt sich gerne mit der jüdischen Gemeinde an und schreibt gegen das Selbstmitleid: Im Land der Täter hat es sich Rafael Seligmann nicht einfach gemacht. Nun erscheint seine Autobiografie "Deutschland wird Dir gefallen".

In seiner Autobiografie zieht der deutsch-jüdische Autor, geboren in Palästina und als Kind in die Bundesrepublik emigriert, vorläufig Bilanz: Es ist ein Leben zwischen Anpassung und Selbstbehauptung, geprägt vom Wunsch der Zugehörigkeit, nacherzählt mit dem Blick des Außenseiters.

Es war wohl diese ständige Reflexion über das Leben in einer zunächst fremden Welt, die Seligmann zum Schreiben führte. Die Lust am Fabulieren spielte sich aber stets vor dem Schatten der Geschichte ab. Seligmanns Romane wie "Rubinsteins Versteigerung", "Der Musterjude" und "Der Milchmann", seine Essays und Berichte schwingen im Grundton der Erinnerung an den Holocaust. Auch in seinem neuen Buch pendelt Seligmann zwischen ausuferndem Erzähltrieb und Geschichtsbesessenheit.

Auf 450 Seiten breitet er ein Panorama aus vom jüdischen Leben in Deutschland nach der Shoa, scheut dabei nicht, den Blick auf seine Enttäuschungen und sein Liebesleben frei zugeben, auf seine geglückte Ehe und seine missglückten Affären.

An "Germanias Wangen" eingerichtet

Seligmann schreibt sich frei von der Geschichte des Vaters Ludwig, der auf der Flucht vor den Nazis nach Palästina emigrierte und im gelobten Land von Deutschland träumte. Seligmann gefällt es tatsächlich, er hat sich an "Germanias Wangen" eingerichtet. "Deutschland wird Dir gefallen", lautet der Titel der Autobiografie. Mit diesem Satz hatte Vater Seligmann versucht, dem Kind die neue Heimat schmackhaft zu machen. Es ist ein schwerer Gang von Tel Avis Sonne in die Münchner Pension "Sonnenschein". Rafael erlebt die ersten Jahre in der Bundesrepublik als bleierne Zeit zwischen dem Erlernen einer neuen Sprache und dem Muff der Nachkriegsjahre.

In vielen Anekdoten schildert Seligmann die ersten Jahre in Deutschland als Kulturschock. Aber auch als er bereits ein etablierter Autor ist, wundert er sich noch, wie die Deutschen ihm begegnen - zwischen "Judenbonus" und alltäglichem Antisemitismus.

Lesenswert ist das Buch aber auch wegen der Verschmelzung von persönlicher Geschichte und Zeitgeschehen. Wenn er etwa schildert, wie sich beim Sechs-Tage-Krieg 1967 in der jüdischen Gemeinde in München "Weltuntergangsstimmung" breitmacht und der Kollege in der Lehrlingswerkstatt davon spricht, dass nun "endlich" die Juden ausgerottet werden, wird deutlich, unter welcher Spannung sich jüdisches Leben in Deutschland abspielt.

Wider die eingefahrenen Klischees

Aus dem Gefühl der Ohnmacht zieht Seligmann schon früh den Schluss, sich nicht länger demütigen zu lassen. "Ich begriff, dass dieses abwägende Einerseits-Andererseits typisch für das unterdrückte Auslandsjudentum war. Die Israelis scherten sich nicht um das Andererseits. Sie handelten bei Gefahr. Das imponierte mir." Er schlägt Mitlehrling Gerhard ins Gesicht - auch das eine Lehre aus der Geschichte. In Auschwitz, so heißt es später im Buch, seien die Juden eben nicht zur Gewaltlosigkeit erzogen worden.

Seligmann schreibt aber auch an gegen das, was er eine "spezifische Falle" der Post-Nazi-Zeit nennt - die Rolle des "Musterjuden": "Broder, Wolffsohn, Brumlik, Biller, Seligmann und die anderen Idioten können schmieren was sie wollen, die Deutschen sind darauf versessen, den Tinnef zu lesen." Fast jeder jüdische Autor erliege der Versuchung, sich gelegentlich als Gewissen Deutschlands zu gerieren, legitimiert durch den "Phantomschmerz" der fast vollständigen Erlöschung des jüdischen Lebens. Dieser "Leichenfledderei" sollten sich die Juden enthalten, sagt Seligmann - "und die Gojim sollten sich die Schadenfreude ersparen, uns dermaßen zu korrumpieren".

Esteban Engel/DPA / DPA