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Hitler-Biografie: Die tödliche Angst der Deutschen

Bei der Vorstellung seiner Hitler-Biografie "Die Deutschen und ihr Führer" hat der Autor Rafael Seligmann gefordert, das Druckverbot von Hitlers Buch "Mein Kampf" aufzuheben.

"Warum haben die Deutschen in überwältigender Mehrheit hinter Hitler gestanden?" Diese Frage habe ihn motiviert, nach inzwischen gut 60 Biografien über den nationalsozialistischen Diktator Adolf Hitler eine weitere vorzulegen, sagte der Politologe und Historiker Rafael Seligmann am Donnerstag. Seligmanns Antwort steht in seinem Buch "Hitler - Die Deutschen und ihr Führer": Es sei die "Angst vor der Moderne" gewesen, die Sehnsucht nach Recht und Ordnung.

Die These machte sich der Laudator Christoph Stölzl, der frühere Berliner Kultursenator, weitgehend zu eigen. In der ganzen Orientierungslosigkeit nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg sei der "Führer" gerade richtig gekommen, dem es mit großen rhetorischen Talent gelungen sei, als Schuldige an der Moderne - also am Bolschewismus, am Kapitalismus, an der Dekadenz, der Dolchstoßlegende usw. - die Juden auszumachen.

Die These vom "deutsch-jüdischen Krieg"

Die Moderne sei in Deutschland mit der Eroberung durch Napoleon bereits im 19. Jahrhundert diskreditiert worden, und große Theoretiker der Vernunft, abgesehen von Immanuel Kant, hätten hier zu Lande eben gefehlt. Der These der Symbiose zwischen Nichtjuden und Juden in der Weimarer Republik stellte Seligmann zusätzlich seine Annahme eines "deutsch-jüdischen Kriegs" in der Gesellschaft entgegen. Er sei entstanden, weil Juden wegen ihrer historischen Rolle in Elitegruppen weit zahlreicher vertreten waren, als es ihrem Anteil in der Bevölkerung entsprach.

Dass der Nationalsozialismus die Sehnsucht nach der Antimoderne befriedigt habe, daran ändere auch nichts, dass es mit modernsten Kommunikations-, Disziplinierungs- und Vernichtungsmitteln geschehen sei. Wenn es wirklich nur eine kleine Clique gewesen sei, die Hitler letztlich an die Macht gebracht habe, so hätten doch 17 Millionen Wähler hinter ihr gestanden, sagte Seligmann in Anspielung auf Thesen von Joachim Fest, Guido Knopp oder Ian Kershaw. Es könne auch nicht nur daran gelegen haben, dass die Institutionen dem Diktator in vorauseilendem Gehorsam "entgegengearbeitet" hätten, denn das komme überall vor.

Ein Mann, der "nichts kann, was Männer können"

Die Frage, wieso ein Mann, der "nichts kann, was Männer können" (Thomas Mann in "Bruder Hitler", von Stölzl zitiert), von einem ganzen Volk so hofiert wurde, dass es ihm willig in Tod und Vernichtung folgte, kann auch Seligmann nicht endgültig beantworten. Wieso ein ganzes Volk den Holocaust goutierte, tolerierte oder ignorierte und gleichzeitig doch wohl mehrheitlich aus guten Familienvätern, fairen Sportlern oder trauernden Kriegerwitwen bestand, wird wohl ewig offen bleiben. "Mit Hitler werden wir nie fertig", sagte Stölzl.

Was sein Buch und überhaupt den Dialog mit Seligmann auszeichnet, ist die Abkehr von politischer Korrektheit zur Disziplinierung abweichender Meinungen. So machte er sich hin und wieder sarkastisch das Vokabular des "Nazi-Chefs" (Seligmann) zu eigen. Und er verstand das als Plädoyer für die mündige deutsche Gesellschaft.

Die Deutschen "als Deppen der Welt"

Auch deshalb forderte er die Aufhebung des Druckverbots für Hitlers Buch "Mein Kampf": "Das können wir uns als Deutsche nicht erlauben, dass das Buch in Israel auf Hebräisch gedruckt wird und wir stehen da als Deppen der Welt mit unseren deutschen Minderwertigkeitsgefühlen und verbannen das Buch", wenn man "uns" - sagt der Jude Seligmann - nicht zutraue, dass wir mit historischen Quellen vernünftig umgehen können. Und wenn es dann vorübergehend die Bestsellerlisten erklimme, dann müsse nicht "Lea Rosh kommen und fordern, dass wir das Holocaust-Mahnmal gleich drei Mal so groß machen". Stölzl unterstütze diese Forderung: "Mein Kampf» solle auch im Buchhandel erhältlich sein. Jeder müsse sich damit auseinander setzen können."