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Israel: "Gefangen in der Abschreckung"

Wer den Krieg gegen die Hisbollah verstehen will, muss etwas über die Geschichte Israels wissen; über Hitler, Dayan und Sharon. Nur so erklärt sich Angst und Aggression - schreibt Rafael Seligmann, exklusiv auf stern.de

Von Rafael Seligmann

Israel besitzt wie jedes Land das Recht auf Selbstverteidigung. Doch selbst Freunde des jüdischen Staates sind aufgebracht über die Vehemenz, mit der Zions Armee vorgeht, und dessen Bereitschaft, zivile Opfer in Kauf zu nehmen. Die Ängste und Aggressionen in Israel und dessen Politik lassen sich nur begreifen, wenn man die jüngste jüdische Geschichte kennt. Exemplarisch stehen dafür Adolf Hitler, Moshe Dayan und Ariel Sharon.

Das tatenlose Zuschauen fast aller Länder beim Völkermord sowie das wehrlose Sich-Abschlachten-Lassen von Millionen Juden während der Shoah erzeugte bei den Überlebenden, vor allem im späteren Israel, ein Trauma. Ergebnis war das Dogma: "Nie wieder dürfen Juden sich widerstandslos töten lassen!" Nach dem israelisch-arabischen Waffenstillstand von 1949 verweigerten alle arabischen Staaten Zion das Existenzrecht. Gleichzeitig attackierten palästinensische Untergrundkämpfer mit Unterstützung arabischer Armeen israelische Zivilisten. Als Reaktion entwickelte Generalstabschef Moshe Dayan 1954 die bis heute gültige Israelische Abschreckungsdoktrin. Das Land besaß eine zu geringe Einwohnerzahl, um seine damals fast 1000 Kilometer lange Grenze gegen das Eindringen von Guerilleros abzuschirmen. Daher nimmt es seine Nachbarländer in Sicherheitshaftung. Jerusalem droht seither jedem Staat mit militärischen Repressalien, falls von seinem Territorium aus Untergrundverbände gegen Israel aktiv werden. Kurz, Jerusalem behält sich das Recht auf Vergeltung nach eigenem Gutdünken vor.

In der Falle der Doktrin

Zur Durchsetzung seiner Strategie schuf Dayan eine Konterguerilla-Truppe. An ihre Spitze reaktivierte er einen jungen Offizier, der die Armee bereits verlassen hatte, um Bauer zu werden: Ariel Sharon. Mit fanatischer Energie stampfte Sharon die Einheit 101 aus dem Boden. Das gefürchtete Kommando tötete Fedayeen wie Soldaten der jordanischen Armee, auch unbeteiligte Zivilisten wurden umgebracht. Der fatale Fehler der israelischen Abschreckungsdoktrin offenbarte sich ein Jahr später in der Auseinandersetzung mit Ägypten. Als Sharons Kommandoeinheit Fedayeen-Lager im ägyptisch verwalteten Gazastreifen überfiel und dabei auch die reguläre Armee attackierte, reagierte Ägyptens Staatschef Gamal Abdel Nasser, indem er fortan den Kampf gegen Israel zum Mittelpunkt seiner Politik machte. So tappte Israel in die Falle der eigenen Doktrin. Statt palästinensische Guerilleros von Überfällen abzuhalten, zog die massive militärische Reaktion Israels die arabischen Staaten in eine Konfrontation. 1956 fiel Israel gemeinsam mit England und Frankreich in Ägypten ein. Seither ist der jüdische Staat weltpolitisch isoliert.

In den Krieg getrieben

Dennoch attackierte Israel 1967 nach Guerillaüberfällen und Beschuss Syrien und obendrein Ägypten und Jordanien. Jerusalem trägt seither an der Hypothek einer Besatzungsmacht. Der palästinensische Widerstand radikalisierte sich. 1982 versuchte Ariel Sharon, nunmehr Verteidigungsminister, die palästinensischen Fatah-Untergrundverbände durch eine Invasion in Libanon zu vernichten. Dabei kam es zu Massakern christlicher Milizen an Palästinensern. Sharon musste zurücktreten. Die örtlichen Schiiten wurden zu erbitterten Feinden Israels. Erst 18 Jahre später zog Israel seine Truppen aus Libanon zurück.

Ariel Sharon hatte seine Lektion gelernt. Nachdem er 2001 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, ließ er sich von der Hizbollah Geiselgeschäfte abpressen, er befahl den einseitigen Rückzug Israels aus dem Gazastreifen und war entschlossen, auch den größten Teil des Westjordanlands zu räumen. Doch Sharons Nachfolger, der militärisch unerfahrene Ehud Olmert, ließ sich von den Hizbollah- und Hamas-Milizen sowie den eigenen Generälen in einen neuen Krieg treiben. Eine entscheidende Rolle spielt dabei, dass Teheran, der Patron von Hamas und Hizbollah, den Guerilleros die Angriffswaffen liefert.

Notfalls auch Teheran

Mit seinen Hetzreden, in denen er den jüdischen Staat als "Krebsgeschwür" bezeichnet und offen dessen Vernichtung fordert, rührt Irans Staatspräsident Achmadinedschad an das Vernichtungstrauma der Israelis. Um Israel weiter zu provozieren, leugnet der Iraner den Holocaust. Darüber hinaus lässt Iran bereits seit Jahren Kernwaffen entwickeln. Bereits der vorherige Präsident Rafsandschani, der im Westen als gemäßigt galt, spekulierte öffentlich über einen atomaren Angriff auf Israel. Dieser würde den jüdischen Staat zerstören, während Zions Gegenschlag Iran nur schmerzen würde, so der Iraner. Dies alles erzeugt in Israel eine Haltung, durch eine militärische Vernichtung der Hizbollah Teheran deutlich zu machen, dass man notfalls auch Iran angreifen würde. Jerusalem bleibt in seiner Abschreckungsdoktrin gefangen. Entscheidend ist dabei nicht, ob Israel maßlos reagiert. Die Militärschläge sind nutzlos. Sie können die Sicherheit des Staates nicht gewährleisten. Dazu bedarf es glaubwürdiger internationaler Garantien.