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"Harter Schnitt" von Karin Slaughter: Der Hass wächst mit

Thriller mit Bestseller-Option: In "Harter Schnitt" muss Agent Will Trent in der Vergangenheit seiner Kollegen wühlen und fördert dunkle Geheimnisse zutage. 512 Seiten Hochgeschwindigkeitslektüre.

Von Susanne Baller

Faith Mitchell macht sich Sorgen. Es ist Samstagmittag und sie hat an einem Seminar des Georgia Bureau of Investigation (GBI) teilgenommen. Sie versucht, ihre Mutter Evelyn zu erreichen, die auf ihre vier Monate alte Tochter aufpasst. Doch Evelyn geht nicht ans Telefon. Dabei hat sie fast 40 Jahre lang selbst im Polizeidienst gearbeitet und tut nichts, ohne vorher jemandem Bescheid zu sagen. Faith, unterzuckert und einem diabetischen Koma nahe, ahnt, dass etwas passiert sein muss. Und sie soll Recht behalten.

Karin Slaughter braucht nur wenige Seiten und hat den Leser am Haken - mit einer gekonnten Mischung aus Blut, Tempo und Spannung. "Fallen" erschien 2011, nun liegt die deutsche Übersetzung vor: "Harter Schnitt". Das Buch gehört zu der Serie, die in Deutschland Atlanta-Reihe genannt wird und zwei Charaktere aus den anderen Thriller-Folgen zusammenbringt: Faith' GBI-Kollege Will Trent (Slaughters persönlicher Liebling, ein kluger Kombinierer mit Lese-Rechtschreib-Schwäche) und die Rechtsmedizinerin Sara Linton. Die Südstaaten-Autorin spielt damit, ihre Charaktere über Bücher und Orte hinweg in verschiedenen Konstellationen aufeinandertreffen zu lassen. Auf die Frage, wie Karin Slaughter an ein neues Buch herangeht, antwortet sie: "Für mich beginnt ein Roman immer mit einer Figur statt mit einer Geschichte. Ich weiß, dass irgendetwas Schlimmes passieren wird, aber die zentrale Frage, die ich mir zuallererst stelle, ist: Wie werden meine Charaktere reagieren?"

Zu Hause angekommen findet Faith ihre kleine Tochter im Schuppen im Autositz, eingeklemmt zwischen Wand und Safe, in dem die Waffe ihrer Mutter fehlt. Vor dem Haus führt eine frische Blutspur zur Tür, in der Wäschekammer liegt ein Toter und im Schlafzimmer warten zwei bewaffnete Verbrecher. Das Haus wurde komplett durchwühlt, die Täter haben etwas gesucht. Und ihre Mutter Evelyn ist verschwunden.

Wieviel Schuld trifft das Opfer?

Als Tochter des Opfers und weil sie am Tatort zwei Männer erschossen hat, wird Faith suspendiert. Will Trent übernimmt den Entführungsfall, der ihn in die Vergangenheit führt. Er hatte ein paar Jahre zuvor in einer internen Polizeiangelegenheit gegen Evelyn Mitchell ermittelt, weil Drogengeld verschwunden war. Evelyn hatte daraufhin vorzeitig ihren Dienst quittiert. Haben die Täter dieses Geld gesucht? Hatte Evelyn es doch genommen? "Harter Schnitt" arbeitet die Historie auf. Es beleuchtet die unverbrüchliche Freundschaft zwischen Evelyn und Wills Vorgesetzter Amanda Wagner, die einst zusammenarbeiteten und sich gegenseitig den Rücken stärkten, weil Frauen zu ihrer Zeit einen schweren Stand bei der Polizei hatten. Es wirft einen Blick in die harte Kindheit von Will und seiner Frau Angie, die im gleichen Kinderheim und bei schlimmsten Pflegeeltern groß geworden sind. Es beschreibt die Zeit um Faith' erste Schwangerschaft, als sie erst 14 Jahre alt war. In diese Szenen steckt Slaughter viel Liebe zum Detail.

Wer jedoch von der Autorin etwas stiefmütterlich behandelt wird, ist der Täter selbst. Trotz seiner spannenden Vita, die zu einer groß angelegten Rache führt, bleibt sein Profil eigenartig seelenlos. Slaughter, die für ihre charismatischen Charakterzeichnungen geliebt wird, hätte seinen Rachegelüsten etwas mehr psychologisches Leben einhauchen dürfen. Die Seiten, die es dazu gebraucht hätte, ließen sich an manch anderer Stelle durchaus einsparen. Nichtsdestotrotz: "Harter Schnitt" ist ein echter Pageturner, der sich zu lesen lohnt.

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