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"Tag der geschlossenen Tür": Rocko Schamoni lässt sich nicht bespaßen

Er gilt längst als eine Institution in Hamburg. Rocko Schamoni ist Sänger, Entertainer, Clubgründer und Literat. In "Tag der geschlossenen Tür" lässt er seinen lethargischen Protagonisten Michael Sonntag ein zweites Mal auftreten.

Mittlerweile gehört Rocko Schamoni zu Hamburg wie Fischmarkt und Michel. Dabei hätte der Sänger, Entertainer und Mitbegründer des legendären Golden Pudel Clubs im letzten Jahr seine Wahlheimat fast verlassen, weil das Amt des Kultursenators abgeschafft werden sollte: "Wenn das passiert, ziehe ich nach Neumünster", drohte der erzürnte Elb-Rebell. Das schleswig-holsteinische Exil blieb Schamoni erspart, aber einmischen will sich der gebürtige Lütjenburger natürlich weiter.

Und sei es mit seinem neuen, unverschämt unterhaltsamen Roman "Tag der geschlossenen Tür". Darin treffen wir Schamonis lethargischen Protagonisten Michael Sonntag wieder, der schon in "Sternstunden der Bedeutungslosigkeit" (2007) dem Romantitel alle Ehre gemacht hat. Sonntag tritt weiter auf der Stelle, ein bleicher Sonderling, der seinen Weltekel so gewissenhaft pflegt wie andere Leute ihre Zimmerpflanzen.

Beckett auf der Reeperbahn

Einmal im Monat schreibt diese fleischgewordene Spaßbremse mit größter Lustlosigkeit eine zynisch-absurde Kolumne für ein Stadtmagazin, und heckt ansonsten abwegige Geschäftsideen mit seinem ewig betrunkenen Kumpel Novak aus. Oder er setzt sich im zerknitterten Anzug ungefragt als Museumswächter in die Kunsthalle, bis die Polizei anrückt.

Wirkliche Gefühle scheint diese verhuschte Existenz nur noch für eine tote Stubenfliege zu verspüren, die Sonntag in einer Schachtel aufbewahrt und liebevoll "Totelinchen" nennt. Lustig geht anders, bei allem schrägen Humor zieht sich immer wieder auch ein verdammt düsterer Unterton durch diesen Text. Beckett auf der Reeperbahn.

Die "Partydose der Pandora"

Der vereinsamte Sonntag protokolliert sehr genau die Veränderungen in seinem längst chic gewordenen Kiez, die permanente "Bespaßung" in Form von Massenevents. Eine "Partydose der Pandora" nennt er das sehr treffend, die jeden normalen Alltag längst weggefegt hat. Da verkleidet sich Sonntag dann bei einer der zahllosen Menschenaufläufe als "psychedelischer Nazizwerg" und sorgt für reichlich Irritationen bei allen Pappnasen.

In diesen Passagen spüren wir die Wut des enttäuschten Lokalpatrioten Schamoni, und im Grunde ist sein locker in kurze Episoden gegliederter, sehr gut lesbarer Roman eine Art Sammlung von Kolumnen zum Zustand einer deutschen Großstadt und ihrer Bewohner. Das Fazit fällt für St. Pauli wenig schmeichelhaft aus. Schamonis Held allerdings entkommt seinem selbst gewählten Lebensüberdruss, kümmert sich um seine Großmutter Anni und küsst schließlich seine große Liebe Susanne nachts um zwölf hoch über den Landungsbrücken. Endlich: Hamburg leuchtet.

Johannes von der Gathen
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