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Reportage der Woche

"Das Unheil kommt näher": Wie Fettes Brot gegen Gentrifizierung und die "menschenverachtende Dunkelheit" kämpfen

Mit großer Leidenschaft haben Fettes Brot für die Hamburger Initiative "Viva La Bernie" gekämpft. Entstanden ist eine beispiellose Bürgerbewegung. Ein Ortsbesuch.

Fettes Brot

Björn Beton, König Boris und Doc Renz von der Hamburger Hip-Hop-Gruppe Fettes Brot

Geht man in Hamburg vom Millerntor-Stadion, wo der FC St. Pauli seine Heimspiele austrägt, in Richtung Westen, wird die Umgebung mit jedem Meter grüner. Nicht etwa, weil auf der Grenze zwischen den Stadtteilen Altona und St. Pauli mehr Bäume wachsen als anderswo, sondern weil Fassaden, Balkone oder Fahrradständer mit neongrünen Stickern vollgeklebt sind. "VIVA LA BERNIE" steht darauf in großen, schwarzen Lettern. Folgt man den Aufklebern, am "Grünen Jäger" vorbei, hoch die Thadenstraße, erreicht man irgendwann die Bernstorffstraße, genauer: die Bernstorffstraße 117.

Fettes Brot "Viva La Bernie"

Ein beklebter Balkon auf St. Pauli

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Hier fand im vergangenen Jahr eine kleine Revolution statt. Die Hinterhofgemeinschaft, die seit über 30 Jahren besteht, setzt sich gegen den Verkauf des Hofes und die unweigerlichen Folgen zur Wehr. Unterstützt von diversen Hamburger Prominenten – darunter Jan Delay, Samy Deluxe, Fatih Akin und Rocko Schamoni – gelang es der Initiative "Viva La Bernie", sieben Millionen Euro zu sammeln, um den Hof von einer Berliner Investorengemeinschaft zurückzukaufen. Momentan wird über den Rückkauf und die Bedingungen verhandelt. Auch die Hamburger Rap-Gruppe Fettes Brot hatte sich lautstark und entschlossen für "Viva La Bernie" eingesetzt. Der stern hat die Band in ihrem Studio auf dem Hinterhof in der Bernstorffsttraße 117 besucht.

Studio-Besuch bei Fettes Brot

Es ist ein grauer Februartag. Es nieselt, den Himmel hat in Hamburg heute noch niemand gesehen. Der Hinterhof ist ruhig. Vor wenigen Monaten feierte hier noch halb St. Pauli und begoss den wahnsinnigen Erfolg der Initiative "Viva La Bernie". Das Leben spielt sich heute eher hinter den Türen ab. Doch es lässt sich auch an diesem tristen Tag erahnen, wie besonders die Atmosphäre vor Ort ist. Direkt auf der Grenze von St. Pauli und Altona wirkt die Bernstorffstraße 117 wie ein Relikt einer längst vergangenen Zeit. Kopfsteinpflaster und verwunschene Häuser, die bislang nicht großen Bauprojekten weichen mussten. Noch nicht – und hoffentlich nie, wenn es nach den Bewohnern geht.

Fettes Brot "Viva La Bernie"

Da lang geht's zum Hinterhof in der Bernstorffstraße 117

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"Wir dürfen vorsichtig optimistisch sein, dass wir zu einer Lösung kommen", erklärt Martin Vandreier, genannt Doktor Renz, von Fettes Brot. Wir treffen ihn und seine Bandkollegen, König Boris (Boris Lauterbach) und Björn Beton (Björn Warns), in ihrem Studio. Mittendrin im Zentrum der kreativsten Bürgerwehr, die die Stadt Hamburg im vergangenen Jahr wohl miterlebt haben dürfte.

Und die Mitglieder der Hip-Hop-Gruppe sind stolz auf das, was die Initiative bislang erreicht hat. "Die Leute merken: Das Unheil kommt näher. Und deshalb haben sie sich solidarisch gezeigt. Auch sie werden vielleicht Opfer der Verdrängung", sagt Renz. "Die Politik muss ihre Rolle da auch erstmal finden. Das Thema wurde jahrelang vernachlässigt und die Politik hat der Gentrifizierung mehr oder weniger zugeguckt. Wenn man den Markt sich selbst regulieren lässt, entscheidet das dickere Portemonnaie. Und dann werden Menschen, die Stadtteile prägen und hier arbeiten, eben in andere Bezirke verdrängt."

Kunst als Mittel zum Weltretten

Dass so viele Künstler ihre Bekanntheit genutzt haben, um auf die gute Sache aufmerksam zu machen, könnte den entscheidenden Unterschied ausgemacht haben. Die Kunst als Mittel zum Weltretten, sozusagen. "Die vorhandene Kreativität kann genutzt werden, andere Wege einzuschlagen und das Problem unkonventionell anzugehen", sagt König Boris. "Man muss Wege gehen, die noch nicht so ausgelatscht sind." Auch Regisseur Fatih Akin hat sich für den Erhalt der Hinterhofgemeinschaft eingesetzt. "Er sagte 'Ich kann nicht nach Prag gehen, um einen Film über Hamburg zu drehen, weil es das Hamburg, was ich zeigen will, nicht mehr gibt'“, erinnert sich Björn Beton.

Fettes Brot "Viva La Bernie"

Der Hinterhof in der Bernstorffstraße 117. Hier arbeiten Handwerker und Künstler, die die Gemeinschaft seit über 30 Jahren prägen.

 Einer derer, die mit den norddeutschen Rappern für den Erhalt der Hinterhofgemeinschaft gekämpft hat, ist Ralf Gauger. Der Sprecher von "Viva La Bernie" hat auf dem Hof seine Werkstatt. Das kreative Potenzial der Initiative war in seinen Augen ausschlaggebend. "Ich weiß gar nicht, wie viele Goldene Schallplatten, oder zumindest die Cover, hier aus dem Hinterhof kommen. Auch das Merchandising von Fatih Akin entsteht hier. So viel Kreativität auf einem Platz – das ist einmalig", sagt er dem stern. "Die Öffentlichkeit ist unsere einzige Waffe. Und wir sind nicht als erstes auf die Straße gegangen, um zu demonstrieren, sondern wir haben direkt das Gespräch gesucht", erklärt er die Herangehensweise der Initiative.

Neue Single: "Du driftest nach rechts"

Für Fettes Brot ist politische Haltung kein Fremdwort. Das hat die Band schon in der Vergangenheit bewiesen. Gerade erst haben sie ihre neue Single "Du driftest nach rechts" raus gebracht. Ein Song, der sofort ins Ohr geht und der gleichermaßen zum Tanzen wie zum Nachdenken anregt. Eine perfekte Mischung, könnte man sagen. Die drei Hip-Hop-Stars schwingen in dem Lied keineswegs mit der großen Moralkeule. Aber sie schaffen es, die aktuelle gesellschaftliche Stimmung treffend einzufangen.

In "Du driftest nach rechts" geht es um das Gefühl, einen geliebten Menschen an "die ekelhafte, menschenverachtende Dunkelheit" zu verlieren, erklärt König Boris. Künstler, die sich politisch äußern – oder eben nicht – sorgten im vergangenen Jahr für eine rege geführte, gesellschaftliche Debatte. Fettes Brot haben mit öffentlichen Bekenntnissen kein Problem. Politik gehört zu ihrem Spektrum. Das hat auch "Viva La Bernie" gezeigt. "Es geht nicht um Parteien, sondern um Haltung", erklärt Doktor Renz. "Deshalb ist es kein politischer Lagerkampf."

Mit ihren Songs wollen sie jedoch niemanden bekehren, das wird im Gespräch mit den drei Musikern auch deutlich. Haltung schwingt bei ihnen mit – wie selbstverständlich und nicht etwa, weil es vermehrt Druck von außen gibt. 

Fettes Brot: Haltung statt Parteien

Denn das wirke häufig "komisch", stellen die drei fest. Dass Helene Fischer erst so spät politisch Stellung bezog, zum Beispiel. "Aber vielleicht hilft das ja auch, um Rückgrat zu entwickeln, was ich ihr gar nicht zugetraut hätte. Die nächste Platte wird richtig radikal", scherzt Renz. "Es ist was anderes, wenn wir jetzt ein Statement raushauen. Da passt es ins Spektrum und niemand fragt sich: 'Was ist denn in die gefahren?' Weil wir schon öfter den Mund aufgemacht haben", sagt Björn Warns, aka Björn Beton. 

Mit Gegenwind rechnen die drei Musiker trotzdem. Der gehört in der heutigen Zeit auch irgendwie dazu. "Aber das halten wir aus", sagt König Boris. Sie werden auch weiterhin den Mund aufmachen, so viel ist klar. Der Kampf um "Bernie", um die Stätte ihrer Kreativität, ist noch nicht vorbei. Doch einer Sache können sich die Fetten Brote und ihre Hof-Nachbarn sicher sein: Sie haben den ganzen Stadtteil hinter sich – denn St. Pauli ist schwarz-grün. 

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