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Interview

Neues Album "Lovestory": Fettes Brot: Wie man reagieren sollte, wenn eine geliebte Person plötzlich zum Nazi wird

Die norddeutschen Jungs von Fettes Brot haben was zu sagen: Auf ihrem neuen Album "Lovestory" thematisieren sie nicht nur rechtes Gedankengut, sondern auch die Liebe zu Robotern. Wie diese Themenspanne funktioniert, erzählen sie im stern-Interview. 

Fettes Brot: Neues Album "Lovestory"

Die Jungs von Fettes Brot: Björn Beton, König Boris und Doc Renz

Boris Lauterbach ("König Boris"), Björn Warns ("Björn Beton") und Martin Vandreier ("Doc Renz") von Fettes Brot sind dafür bekannt, ihre Meinung lautstark zu vertreten. Politik gehört zu ihren Songs genauso dazu wie witzige Texte voller Wortspiele. Sie haben eine Botschaft, wollen dabei aber nie die Moralkeule schwingen. Auf ihrem neuen Album "Lovestory" haben sich die norddeutschen Musiker dem Thema aller Themen gewidmet: der Liebe. Es geht aber auch um rechtes Gedankengut, Gefahren für Beziehungen und sogar künstliche Intelligenzen wie Siri und Alexa. Die erste Single aus dem Album, "Du driftest nach rechts", war das erste starke Statement von vielen. Der Song handelt davon, was passiert, wenn man sich von einem geliebten Menschen entfremdet. Im Interview mit dem stern haben die Brote verraten, warum sie Helene Fischers Positionierung gegen Nazis fühlen konnten, was sie von Tinder-Beziehungen halten und warum sie nicht aufhören werden, ihre Meinung zu sagen. 

Das vergangene Jahr und die Vorkommnisse in Chemnitz haben gezeigt, dass sich nicht alle Künstler politisch positionieren wollen. Warum ist es Ihnen so wichtig?

Doc Renz: Was die Kollegen in Chemnitz auf die Beine gestellt haben, war schon sehr beeindruckend. Vor allem in der Kürze der Zeit. Wir fühlen uns mit dem Thema keineswegs alleingelassen. Aber es ist uns mit "Du driftest nach rechts", glaube ich, gelungen, ein Lied zu schreiben, das dieses Grauen einfängt, wenn man sich innerhalb der Familie oder in einer Beziehung auseinander entwickelt. Weil man den anderen Dinge sagen hört, die so schlimm sind, dass man am liebsten den Kopf zwischen den Schultern verstecken würde und nicht weiß, wie man damit umgehen soll. Das Diskutieren hilft nicht mehr. Man kann das auf unterschiedliche Verbindungen beziehen. Sei es der Opa, der dummes Zeug erzählt, oder die Cousine, die Giftpfeile in die Gegend schießt. Jeder kennt so jemanden und das Gefühl, wie wichtig es ist, sich klar zu positionieren. Oder Beziehungen zu beenden. So schwer das auch ist.

Kriegt man als Band in solchen Momenten Gegenwind?

Björn Beton: Ich kann mir vorstellen, dass es Radiosender gibt, denen das Thema vielleicht zu heikel ist. Die denken, sie würden damit Hörer verschrecken. Das ist wahnsinnig feige. Die Menschen können ja selbst entscheiden, ob sie etwas gut oder schlecht finden. Es ist nur ein Vorschlag, sich Gedanken zu machen. Mehr nicht.

König Boris: Ich bin darauf eingestellt, dass es da auch unangenehmen Gegenwind geben wird. Aber das halten wir aus.

Ist es Pflicht, dass Künstler sich äußern? Helene Fischer zum Beispiel wurde lange dazu gedrängt, Stellung zu beziehen. Es hat gedauert, aber dann hat sie sich in einem Instagram-Posting geäußert.

Doc Renz: Es wirkt beides komisch. Es ist einerseits komisch, wenn Künstler von sich sagen, dass sie Musik machen, die die Menschen einfach nur zwei Stunden unterhalten soll und sich aus politischen Dingen raushalten. Es ist aber auch merkwürdig, wenn man als Künstler so lange zu einer Meinung genötigt wird, dass man sich letztendlich irgendwas aus den Rippen schneidet. Ich konnte fühlen, was Helene Fischer gesagt hat. Das war nachvollziehbar und ich habe es ihr geglaubt.

König Boris: Ich finde aber schon, dass es komisch wirkt bei Leuten, die sonst wenig Haltung an den Tag legen.

Doc Renz: Aber vielleicht hilft das ja auch, um Rückgrat zu entwickeln, was ich ihr gar nicht zugetraut hätte. Die nächste Platte wird richtig radikal!

Björn Beton: Es ist was anderes, wenn wir jetzt ein Statement raushauen. Da passt es ins Spektrum und niemand fragt sich: Was ist denn in die gefahren? Weil wir schon öfter den Mund aufgemacht haben.

Doc Renz: Gleichzeitig ist unser Song keine klare Wahlempfehlung. Er drückt bloß das persönliche Unwohlsein aus…

König Boris: …wenn man Leuten dabei zusieht, wie man sie an die ekelhafte, menschenverachtende Dunkelheit verliert.

Doc Renz: Es geht nicht um Parteien, sondern um Haltung. Deshalb ist es kein politischer Lagerkampf.

Wie wichtig ist die gute Laune in den Songs?

König Boris: Entertainment ist uns auch immer wichtig.

Björn Beton: Wir haben für das Album "Lovestory" versucht, das Thema Liebe aus verschiedenen Blickwinkeln neu zu betrachten. Die meisten Songs sind Liebeslieder und da wollten wir unseren Teil dazu beitragen. Es sind elf Songs und jeder hat mit der Liebe zu tun. Trotzdem ist keiner wie der andere.

In "Robot Girl" thematisieren Sie Siri und Alexa und künstliche Intelligenz. Ist das schon Gesellschaftskritik? Geht die Liebe an die Technik verloren?

Doc Renz: Es macht Spaß, sich darüber Gedanken zu machen, was bei dem Optimierungsprozess der Liebe passieren könnte. Weil theoretisch kann man sich das perfekte, programmierte Gegenüber vorstellen. Das ist keine unrealistische Zukunftsvision. Es gibt Sexpuppen, es gibt künstliche Intelligenz, die mit dir in naher Zukunft anregende Gespräche führen kann. Wenn man das kombiniert, wird man eventuell…

König Boris: …sehr reich.

Doc Renz: …dann wird sich der Normalo vielleicht irgendwann denken: Kann ich gegen diesen Roboter überhaupt anstinken? Ist das nicht eigentlich der perfektere Partner? Es ist eine ekelhafte und beängstigende Vorstellung, aber gleichzeitig hat es eine gewisse Faszination. Wie schaffe ich es, ich selbst zu bleiben, aber mich trotzdem modernen Entwicklungen nicht zu verweigern, so dass ich nicht  zum knartschigen Opa werde, der sagt: Früher war alles besser. Eine echte Liebe, die sich über Tinder gefunden hat, ist genauso viel wert, wie eine echte Liebe, die sich in einer Kneipe kennengelernt hat.

König Boris: Das Schöne ist, dass wir als Künstler in den Songs keine Antworten geben müssen.

Das neue Album "Lovestory" von Fettes Brot erscheint am 3.5. im Handel.

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