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Interview

Musik-Journalist erzählt: "Helene Fischer riskierte nach Chemnitz 15 Prozent ihrer Kundschaft"

Mia Julia ließ Nazis aus ihrem Konzert werfen, Helene Fischer stellt sich gegen Rassismus. Aber wie politisch ist der Schlager wirklich? Ein Gespräch mit dem Musik-Experten Jan Feddersen.

Von Timo Lehmann

Helene Fischer und Journalist Jan Feddersen

Jan Feddersen (kl. Bild) erklärt im Interview, warum es für Schlager-Star Helene Fischer (gr. Bild) so riskant ist, politisch zu sein

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Jan Feddersen, 61 Jahre, ist Redakteur der linken Tageszeitung "taz" und Experte für Popular- und Popkünste – und somit gut vertraut mit dem Schlager. Seit fast drei Jahrzehnten berichtet er über den Eurovision Song Contest, seit 2005 auch für die ARD. Im Interview spricht er über die Hochnäsigkeit vieler Linken gegenüber Schlagermusik, darüber, wie politisch der Schlager ist – und warum Helene Fischer und Mia Julia viel wagen, wenn sie sich gegen Rechtsextremismus stellen.

NEON: Herr Feddersen, mit "Ein bisschen Frieden" gewann die Sängerin Nicole 1982 den Eurovision Songcontest, inmitten der Diskussion über Nachrüstungen im Kalten Krieg. Nina Hagen sang das DDR-kritische Lied "Du hast den Farbfilm vergessen". Wie politisch ist der Schlager?

Nina Hagen ist ein Sonderfall. In der DDR galt sie als kommender Superschlagerstar – und erfand sich in der Bundesrepublik ein wenig um. Erst dann wurde sie als Punkerin und Teil der New-Wave-Bewegung im politischen Milieu aufgenommen. Nicole war nie Teil einer politischen Bewegung. In der Friedensbewegung wurde das Lied als Provokation aufgenommen – die wollten mehr als "ein bisschen Frieden". Mal ehrlich: Die politischen Stimmen im Schlager sind zuallermeist eher bieder, wenn es überhaupt welche gibt. Das Zeitgeschehen lässt einige womöglich heute politisch erscheinen.

Warum es für Helene Fischer riskant ist, politisch zu sein

Die Sängerin Helene Fischer äußerte sich kürzlich zum Thema Rechtsextremismus – das war reichlich spät. Warum zieren sich die Schlagerstars, politisch Farbe zu bekennen?

Musik-Journalist Jan Feddersen

Jan Feddersen, 61 Jahre, ist Redakteur der "taz" und berichtet seit fast drei Jahrzehnten über den Eurovision Song Contest

Für alle kann man das so gar nicht sagen. Man muss da auf die ganz unterschiedlichen Figuren schauen. Für einen Herbert Grönemeyer beispielsweise verböte es sich, sich nicht politisch zu äußern. Dass er, wie er oft betont, Haltung zeigt und wie er das tut, gehört zu seinem Markenprofil. Bei anderen gehört diese Note eben nicht dazu. Helene Fischer riskierte durch ihre explizite politische Botschaft neulich nach den Neonazigeschichten in Chemnitz geschätzte 15 Prozent ihrer Kundschaft. Bei ihr ist die Gefahr viel größer, dass sie an Einfluss in ihrem Berufsfeld verliert.

Könnte sie nicht auch Fans verlieren, die sich eine Äußerung wünschen?

Sicherlich. Helene Fischer ist weit in alle Teile der Gesellschaft vorgedrungen. Da gehören auch nichtideologische Linke dazu. Trotzdem wissen viele im klassischen Schlager, dass bei ihren Kunden auch die Kleinbürgerlichen und Konservativen zu finden sind. Nehmen Sie das Beispiel der Mallorca-Schlagersängerin Mia Julia. Als eine rechtsradikale Gruppe bei einem Konzert eine Reichsflagge ausrollte, stimmte sie einen "Nazis Raus!"-Chor im Publikum an. Gerade in so einem Ballermann-Kontext ist das für sie ein riskantes Unterfangen. Hier braucht es ganz eindeutige Kommunikation. Das soll keineswegs abfällig oder böse klingen, aber so eine Situation und solch ein Publikum sind viel schwieriger zu handhaben, als wenn jemand wie Peter Maffay vor seinem braven Tabaluga-Publikum steht.

In der Schlagermusik geht es oft um Lebensfreude und Herzschmerz. Der Schlager kann gut Sentimentalitäten transportieren. Wo war der Schlager im Herbst 2015, als Hunderttausende Menschen nach Deutschland kamen, weil sie hier in Frieden leben wollten?

Dieses politische Gebiet wird heute schlicht von anderen beritten. Etwa von der Band Feine Sahne Fischfilet, die in letzter Zeit für viel Diskussion sorgte. Die sind heute schon Teil des Deutschen Kulturerbes, wie einst Roberto Blanco oder Bata Illic. Im Grunde machen Feine Sahne Fischfilet schlichte Popmusik, populäre Lieder zum Mitsingen, Mittanzen und Mithören. Das schöne Bohei um die Band hängt vielmehr mit den Zuschreibungen von Außen zusammen. Ein Lied kann politisch sein, auch wenn das auf dem Papier erst mal gar nicht so aussieht.

Der Schlager ist heute sehr weiß geprägt. Gibt es eine Diskussion über mehr Diversität?

Es gibt keine, dabei wäre sie wünschenswert, denn früher war der Schlager in dieser Hinsicht Avantgarde. Während der deutsche Rock oder Jazz in den 60er-Jahren eine nahezu rein weiße Angelegenheit war, zeigte sich der Schlager so multikulturell und multidivers wie keine andere künstlerische Disziplin. Da waren alle möglichen sogenannten Ausländer mit im Spiel. Es galt sogar als durchaus verkaufsfördernd, gerade wenn die Sängerinnen und Sänger ihren Akzent behielten. Das war irgendwie charmant und exotisch.

Sie sind Redakteur der linken Tageszeitung "taz". Warum hat die Linke eine eher wohlgesonnene Haltung dem Hip Hop gegenüber, der in Raptexten oft mit Homophobie und Sexismus spielt? Beim textlich meist harmlosen Schlager hingegen gibt es Berührungsängste.

Die Linke, wenn sie es nicht, grob gesagt, wie die Achtundsechziger mit dem Jazz und der Klassik hält, hat es immer gern mit dem zutraulichen Bild des edlen Wilden. Das heißt, man imaginiert irgendwelche Migrantinnen oder Migranten, die dann angeblich moderne Musik machen und verzeiht ihnen alles, weil die Betreffenden erst mal als Opfer angesehen werden. Ich fand das immer fragwürdig. Viele Elemente des Hip Hops leben von homophoben, sexistischen und im Übrigen auch fremdenfeindlichen Einstellungen.

Wie viel Schlager verträgt eigentlich die Leserschaft Ihrer taz, die ja bekanntermaßen eher links ist?

In der Regel erst mal herzlich wenig. Die "taz" ist schon allein durch ihre Belegschaft in der Redaktion bildungsbürgerlich geprägt und legt somit Wert auf einen gewissen Status und kulturelle Abgrenzung von gewöhnlichen Kulturformen, und das mag auch gut so sein. Das heißt, man grenzt sich ab von der, wie man in der Soziologie sagen würde, Unterschicht und ihren Lieblingsmusiken. Mit dem Musikpöbel will man erst mal nichts zu tun haben. Dabei finden gerade unsere Nachrufe über Schlager-Künstlerinnen und Künstler sehr großen Zuspruch im Internet.

1989 berichteten Sie erstmals über den Eurovision Songcontest, wie reagierte die "taz"-Redaktion?

Die Kollegen waren entsetzt. Es hieß: Dafür ist die "taz" nicht gegründet worden, das sei "bürgerlicher Scheiß". Ein Musik-Redakteur bekämpfte mich bis aufs Blut. Diese Mobbing-Stimmen habe ich journalistisch und intellektuell aber nie allzu ernst nehmen können. Kein Blatt lässt sich die Fußball-Bundesliga entgehen, nur weil Fußball aus sich heraus nicht politisch ist. Ich habe immer gesagt: Man muss ein Ereignis ernst nehmen, was im Jahr von 150 Millionen Europäerinnen und Europäern gesehen wird, wie es beim ESC der Fall ist. Für mich ist es schlicht mein journalistischer Job, auch über populäres Entertainment und Musik zu berichten.

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