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Benjamin von Stuckrad-Barre: Remix der Realität

In seinem neuen Buch "Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft" schreibt der Popliterat und Ex-Freund von Anke Engelke, Benjamin von Stuckrad-Barre, mit bissiger Ironie über Alltägliches und geheime Chemielabore.

Benjamin von Stuckrad-Barre wird nicht umsonst als Popliterat bezeichnet. Wie kaum ein anderer junger Schriftsteller hat es der 29-Jährige geschafft, zum Phänomen der Popkultur zu werden - und damit auch die an Büchern angeblich uninteressierte Masse zu erobern. Studenten schreiben über seine Texte, Internet-Foren sind voller Diskussionen, jedes neue Werk wird als Ereignis gefeiert, und so wird es bestimmt auch mit dem neuen Buch "Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft (Remix 2)" sein, auch wenn es sich diesmal nicht um einen Roman handelt.

Der fast 500 Seiten starke Band ist eine Sammlung von Artikeln, Reportagen, Tagebuch-Einträgen, Musikrezensionen, einem gewaltigen Traktat über Inschriften auf Wänden an allen möglichen Orten und kleinen Texten, bei denen man das Genre nicht so genau definieren kann, ist auch egal. Stuckrad-Barre schreibt über einen Besuch in einem geheimen Chemielabor, den "Gartennazi"-Spruch von Reinhard Mey über dessen Rasen mähenden Sylt-Nachbarn, die Stolz-auf-Deutschland-Debatte, Günther Jauch, einen Tag mit Paola und Kurt Felix, ernüchternde Erfahrungen mit seinem Erstlingswerk "Soloalbum", Open-Air-Konzerte, Lesereisen, Politiker, Stöckelschuhe oder über Alltäglichkeiten wie Madonna-Tickets in Tübingen kaufen.

Viel Sprachwitz und bissige Ironie

Der Alltag ist aber zumeist nur die Initialzündung für Stuckrad-Barres Fantasie. Mit viel Sprachwitz, Beobachtungsgabe und bissiger Ironie vermischt er Realität und Fiktion, bis daraus Kunst wird. So werden bedeutende Ereignisse wie der Hauptstadt-Umzug von Bonn nach Berlin oder Alltagsmomente gleichermaßen im Wort verewigt. Ein Festwertspeicher ist im Alltag übrigens unter der Abkürzung ROM bekannt und zeichnet sich dadurch aus, dass er nur gelesen, aber nicht verändert werden kann - wie jedes Buch.

Seinem einzigartigen Schreibstil bleibt Stuckrad-Barre treu, der Flut von Halb- und Nebensätzen, verflochtenen Assoziationen, plötzlichen Einschüben aus Dialogen und ironischen Kommentaren oder verspieltem Unfug wie "12:44:58 12:44:59 Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit dem "Wochenspiegel"."

Keine Frotzeleien über Herbert Grönemeyer

Das schönste an den Texten aber ist, dass Stuckrad-Barre nicht versucht, hinter einem Korsett der coolen Schreibe zu verstecken, dass er ein Herz hat. Naben den vielen schnippischen, sarkastischen Momenten ist "Herbst in Berlin" einfach nur eine poetische Miniatur, "Im Copyshop" eine liebevolle Alltagsbeobachtung. "Wann ist ein Mann ein Mensch?", fragt er in dem Artikel über Herbert Grönemeyers neueste CD und kommt ganz ohne Frotzeleien aus.

Der Untertitel "Remix 2" verrät zweierlei: Zum einen gab es schon mal eine solche Kollektion von Stuckrad-Barre-Texten, 1999 als "Remix" erschienen, zum anderen gibt er einen klaren Hinweis darauf, was hier eigentlich passiert: Es geht um eine Art Remix der Realität, einen Versuch, den Alltag wie ein Musikstück zu etwas ganz anderem zu machen, zu etwas größerem, in letzter Konsequenz unalltäglichem.

Seine Lesereise wird von MTV präsentiert

Der Erfolg der "Soloalbum"-Verfilmung im vergangenen Jahr und die inzwischen beendete Affäre mit TV-Unterhalterin Anke Engelke hatten ihn allein schon zum Star im Pop-Geschäft gemacht. Als logische Fortentwicklung wird die Ende Juni beginnende Lesereise von MTV und dem Magazin "Prinz" präsentiert.

Seine Popularität hatte für Stuckrad-Barre indes auch Schattenseiten: In den Medien berichtete er von Kokainsucht, starken Depressionen und Magersucht, an denen er wegen des auf ihm lastenden Drucks gelitten habe. Dank einer Arztempfehlung von Alt-Rocker Udo Lindenberg habe er eine Therapie in einer Klinik begonnen und lebe seitdem drogenfrei. Er fühle sich inzwischen "stark genug, das durchzuhalten". Und will Nutzen aus seinen "existenziellen Erfahrungen" ziehen: Über seine Kokain- und Magersucht will er einen Roman schreiben, der 2005 erscheinen soll.

Andrej Sokolow, DPA / DPA