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Biografie über Petra Kelly Leben und Scheitern einer Idealistin


Für die einen war sie die Jeanne d'Arc der deutschen Friedensbewegung, für die anderen eine geltungssüchtige Nervensäge. Petra Kelly polarisierte. Zeitweise bekannter als der Bundeskanzler, verlor die grüne Politikerin innerhalb ihrer Partei schnell an Rückhalt. Saskia Richter würdigt Kelly in einer Biografie.

In Erinnerung geblieben ist das Bild einer zierlichen, erschöpften Frau, aus deren Mund die Wörter so drängend und schnell heraussprudelten, dass man ihnen kaum folgen konnte. In Erinnerung geblieben ist auch die Meldung von ihrem Tod durch die Hand ihres Lebensgefährten Gert Bastian und die Nachricht, dass man ihre Leiche erst fast drei Wochen später entdeckte. Ihre politische Leistung aber als Vorreiterin der deutschen Friedensbewegung und als Mitbegründerin der Partei der Grünen ist vielfach in Vergessenheit geraten. Denn Kelly (1947-1992), die den Wandel von der außerparlamentarischen Opposition zu einer Truppe regierungsfähiger Realpolitiker nicht nachvollziehen wollte, steht heute als Symbol für den "verdrängten Ursprung der Grünen".

Saskia Richter würdigt das Leben, Wirken und Scheitern der Idealistin jetzt in ihrer Biografie "Die Aktivistin". Mit angemessener Distanz schildert die Sozialwissenschaftlerin Kellys Sonderstatus zunächst im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), in der Deutschen Friedensgesellschaft und anderen Initiativen, seit 1979 an der Spitze der neu gegründeten Partei und seit 1983 in der Bundestagsfraktion der Grünen. Sie war zwar Deutsche, aber eine, die in den USA aufgewachsen war und zehn Jahre für die Europäische Gemeinschaft in Brüssel gearbeitet hatte.

Kelly als Medienstar der Grünen

Sie hatte ein tragisches Schicksal, den Verlust ihrer kleinen Schwester Grace, und außerdem verlangten zahlreiche Erkrankungen physischer und psychischer Natur Rücksichtnahme. Damit machte sie sich nicht nur Freunde. Der DDR-Dissident und Parteifreund Rudolf Bahro (1935-1997) umschrieb Kellys Persönlichkeit als narzisstisch.

Unfähig, Gefühle und politisches Kalkül auseinanderzuhalten, trat Kelly stets emotional an die Öffentlichkeit und begeisterte damit ihr Publikum. Sie war ein Medienstar, das populäre Zugpferd der neuen Partei. Die Trennung von Politik und Privatleben war ihr fremd. Kelly, so belegt ihre Biografin eindrucksvoll, war eine Frau des Aufbruchs und der Kompromisslosigkeit, "eine gute Politikerin der Exekutive - wäre sie nicht gewesen". Insofern unterschied sie sich grundlegend von den taktierenden Machos ihrer Partei, allen voran Joschka Fischer. In der Partei sah sie nicht ein Instrument der Macht, sondern eine Art politische Glaubensgemeinschaft als Ersatz für die kindheitsprägende katholische Kirche.

Das ging so lange gut, bis die Grünen nach der Wiedervereinigungswahl von 1990 aus dem Bundestag flogen. Da war Kelly, die sich nie in ihrer Partei hatte verankern können, schon länger isoliert. Als Moderatorin einer Umweltsendung beim Privatsender SAT1 scheiterte sie kläglich. Tief enttäuscht musste sie 1991 auch noch hinnehmen, dass man sie im Parteivorsitz nicht mehr sehen wollte: Von 650 gültigen Stimmen erhielt sie bei der Wahl gerade einmal 32. Kelly und Bastian klammerten sich fortan noch mehr aneinander. Ein Jahr nach dem Wahldesaster wurde die 44-Jährige von ihm im Schlaf erschossen, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtete.

Wer sich von Richter Aufschlüsse über das Privat- und Liebesleben der Petra Kelly erhofft, wird enttäuscht. Das Buch konzentriert sich auf Kellys politische Beweggründe, ihre Stärken und Schwächen sowie die Zeit, in der sie agierte und die gesellschaftlichen Stimmungen angesichts der Bedrohungen durch Atomkraft und den NATO- Doppelbeschluss aufzufangen verstand. Die 32-jährige Autorin versteht es, auch politisch interessierte Laien zu fesseln, selbst wenn sich einige Passagen sehr wissenschaftlich lesen. Schließlich wurde die Arbeit als Dissertation eingereicht.

Susanna Gilbert-Sättele/DPA DPA

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