HOME

Die Grünen: Der Aufstieg der "Anti-Parteien-Partei"

Als am 13. Januar 1980 die Grünen-Partei gegründet wurde, dauerte es noch drei Jahre bis zum Einzug der bunten Truppe von Umweltschützern in den Bundestag. Aus der "Demokratiegefahr" wurde eine gewöhnliche Partei.

Die Grünen haben einen langen Weg hinter sich. In 25 Jahren mauserten sie sich von der Anti-Parteien-Partei, wie Gründungsmitglied Petra Kelly sie nannte, zum Regierungspartner. Parteichef Reinhard Bütikofer sagt über die einstigen Querulanten: "Was modern ist, was fortschrittlich ist, wird heute von den Grünen mitbestimmt." Und seine Amtskollegin Claudia Roth resümiert, dass "25 Jahre Grün das Land nachhaltig verändert haben".

Die grüne Geschichte begann nicht erst mit dem Karlsruher Gründungsparteitag am 12./13. Januar 1980. Schon ab Frühjahr 1977 wurden in der Bundesrepublik bunte Listen sowie Wählergemeinschaften für Umweltschutz und gegen Atomkraft gegründet. Schon am 16./17. März 1979 trat ein Listenbündnis unter dem Namen Die Grünen zur Europawahl an. Am 7. Oktober 1979 wurden in Bremen erstmals Grüne in ein Landesparlament gewählt.

"Gefahr für die Demokratie"

In den Anfangsjahren sah SPD-Bundesgeschäftsführer Egon Bahr in den Listen noch "eine Gefahr für die Demokratie". Doch schon drei Jahre nach der Parteigründung zog eine bunte Truppe in Turnschuhen und lila Latzhosen, mit Sonnenblumen und Friedenstauben als Symbolen in den Bundestag ein. Mit einer abgestorbene Schwarzwald-Tanne und einem Globus in Form eines riesigen Gummiballs demonstrierten sie im Bonner Regierungsviertel, wofür sie standen: für Umweltschutz und Anti-Atompolitik, für die Dritte Welt, für Geschlechtergerechtigkeit und den Frieden. Das Parlament wollten die ersten grünen Abgeordneten - unter ihnen Joschka Fischer, Otto Schily, Marieluise Beck und Petra Kelly - als Resonanzboden für die politischen Anliegen der Bürgerbewegungen nutzen.

Die Grünen mussten schnell die Erfahrung machen, dass sie als kleine Oppositionspartei trotz ihrer überaus fleißigen Abgeordneten wenig bewegen konnten. Größter Erfolg der Anfangszeit war ein Einfuhrstopp für Meeresschildkröten. In ihrer politischen Ohnmacht richteten die Grünen ihre Kräfte vielfach gegen sich selbst. Endlose Probleme bereitete die Debatte um die Rotation, das Verhältnis zwischen gewählten Abgeordneten und ihren Nachrückern. So weigerte sich Kelly, ihren Sitz im Bundestag nach zwei Jahren zu räumen. 1986 wurde die Rotationsfrist auf vier Jahre ausgedehnt.

Während die Grünen - nicht zuletzt wegen der Atomkatastrophe in Tschernobyl - bei der Bundestagswahl 1987 ihren Mandatsanteil von 5,6 auf 8,3 Prozent steigern konnten, zerfraßen Flügelkämpfe die Partei. Zwischen Realos und Fundis versuchte der "Aufbruch" um Antje Vollmer, Christa Nickels und Ralf Fücks zu vermitteln. Schily, heute Innenminister, wechselte 1989 zur SPD.

Im Bundestagswahlkampf 1990 setzten die Grünen auf das falsche Motto. Mitten im Wiedervereinigungsfieber texteten sie: "Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Klima." Nur die Grünen in den neuen Ländern nahmen die Fünf-Prozent-Hürde. Nach dem Zusammenschluss mit den Ost-Grünen und Bündnis90 gelang der Gesamtpartei 1994 mit 7,3 Prozent der Wiedereinzug ins Parlament. Joschka Fischer und Kerstin Müller wurden Fraktionssprecher, Vollmer Vizepräsidentin des Bundestags.

"Wir werden mal wie die und merken es nicht"

In all den Jahren ging bei den Grünen die Angst um, sich zu sehr anzupassen. "Wir werden mal wie die und merken es nicht", soll der Grünen-Vordenker Hubert Kleinert Anfang der 80er einmal zu Schily gesagt haben. Sichtbar wurde die Anpassung, als Fischer, der noch zu seiner Zeit als hessischer Umweltminister in Turnschuhen vereidigt worden war, ab 1998 als Außenminister im maßgeschneiderten Dreiteiler auf Reisen ging.

Die Grünen lernten, Kompromisse zu schmieden. Sie wurden zu einer ganz normalen ökoliberalen Partei, wie Wissenschaftler meinen. Bütikofer formuliert es lieber so: Seine Partei habe einen Wandel von "konfrontativen Grünen zu Gestaltungsgrünen" durchgemacht. Zu ihren Verdiensten gehöre es, bestimmte Themen auf die politische Tagesordnung gebracht zu haben, die vorher randständig waren und jetzt zum "common sense" gehörten. Es existierten jede Menge "Konsenspotenziale" mit den Wählern.

Claudia Kemmer/AP / AP