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Buchmesse 2014: Die Lesetipps der stern-Redaktion

Haben Sie schon "Der Distelfink" gelesen? Kennen Sie den Autor Stephan Sepp? Und: Ist der neue David Eggers wirklich so gut? Die stern-Redaktion verrät, was sich zu lesen lohnt - und was nicht.

Donna Tartt: "Der Distelfink"

Ich bekenne: Ich habe schon Dutzende von Romanen gelesen, die in New York spielen. Aber kein Buch hat mich dermaßen fasziniert wie "Der Distelfink" von Donna Tartt, obwohl es mit 1025 Seiten der dickste Wälzer ist, den ich verschlungen habe. Im Mittelpunkt des dritten Werkes der Schriftstellerin aus Mississippi steht ein kleines Gemälde mit dem Titel "Der Distelfink", ein Bild des niederländischen Malers Carel Fabritius aus dem 17. Jahrhundert. Das gleichnamige Buch ist eine Mischung aus Kunstkrimi und Entwicklungsroman um Theodore Decker, dem Ich-Erzähler. Zu Beginn der Handlung besucht der noch 13-jährige Junge das Metropolitan Museum in Manhattan, als eine Bombe explodiert und seine Mutter in den Tod reißt.

Ich gebe zu: Die Darstellung des terroristischen Anschlags mit dem Bilderklau des Diestelfink-Gemäldes aus den Trümmern durch den Protagonisten war mühselig zu konsumieren, weil sich die ersten hundert Seiten wie Beschreibungen ikonischer Fotografien der 9/11-Katastrophe lesen. Aber dann nimmt uns Tartt mit in die Gefühlswelt eines pubertierenden Jünglings, seine Verlustängste und Drogenflucht, bis sein verschollener Vater aus dem Nichts auftaucht und ihn nach Las Vegas nimmt, in ein trostloses und kaum bewohntes Neubauviertel am Rand der Wüste. Bei dieser Odyssee, ehe der Lebensweg Theodore zurück nach New York bringt, zeigt sich, mit welch geschickter Dramaturgie die Autorin erzählen kann, wie sie Handlungsstränge von Nebenfiguren miteinander verwebt und wie detailversessen sie das Milieu des inzwischen erwachsenen Mannes schildert. Als roter Faden über alle Kapitel hinweg dient das Gemälde des Distelfinks, sein Abhandenkommen und die Wiederbeschaffung - ein spannungsreicher Plot bis zur letzten Seite.

Ich gestehe: Vergangene Woche hatte ich mehrere schlaflose Nächte, aber mit stundenlangem Lesevergnügen.

Till Bartels, stern-Redakteur

Stephan Sepp: "Einfach Liebe"

Zugegeben, der Titel "Einfach Liebe" lässt zunächst nichts Gutes erwarten. Tatsächlich ist das Buch genau das, was der Titel vermuten lässt: eine Liebesgeschichte. Allerdings eine der besonderen Art: Es geht um die Zuneigung eines 49-Jährigen zu einer deutlich älteren Frau, die bereits in den 60ern ist. Was auch in der heutigen Zeit Probleme mit sich bringt: Gesellschaftlich ist die umgekehrte Variante nach wie vor weitaus anerkannter. Autor Stephan Sepp, der lange Zeit selbst als Journalist gearbeitet hat, wählt die Form des Memorials und erzählt seine eigene Geschichte, leicht verfremdet und verdichtet.

Das dabei entstandene Buch schildert, wie zwei Menschen, die zusammengehören, gegen alle äußeren und inneren Widerstände langsam zueinander finden. Und erzählt doch so viel mehr als eine Liebesgeschichte: Es ist eine präzise Gesellschaftsstudie, ein Porträt über die Stadt Hamburg, auch eine Geschichte pflegebedürftige Familienmitglieder. Immer wieder gelingen Sepp scharfsinnige Beobachtungen. Das Dilemma in dem Leben eines abgerockten Alt-68ers ("gleicher Jahrgang wie Bon Scott. Und Uschi Obermeyer") beschreibt er so: Er sei in den Jahren großgeworden, "in denen sich die Sehnsucht nach Ausbruch, Abenteuer und Freiheit in den Gangster-Geschichten der Filmtheater spiegelte." So überrascht es nicht, dass der beschriebene Mann auf die schiefe Bahn geriet. Über einen vornehm-exzentrischen Mann im Altersheim heißt es, er sei "wie edelster Hennessy-Cognac in einem Faschingspunsch mit Kaugummi-Geschmack." Das Buch ist voll mit solchen treffenden Formulierungen.

Allein das macht "Einfach Liebe" lesenswert. Doch es ist nicht nur ein sehr kluges, es ist vor allem ein ungemein zärtliches Buch: Nur wenige Männer können so warmherzig über ihre Gefühle für einen anderen Menschen schreiben wie dieser Autor. Auch wenn er zweifelt, sich mit seiner Christine immer wieder streitet, am Ende des Buches wartet auf Stephan Sepp die Erkenntnis, dass er sich nach genau so einer Frau gesehnt hat: "Nach einer Frau, die Gummistiefel im Schuhschrank stehen hat und Backrezepte aus der Brigitte ausschneidet. Die sich Blumen zum Geburtstag wünscht und mit dem Nudelholz hinter der Tür lauert, wenn ich zu spät nach Hause komme." Das ist kein Liebesroman. Das ist große Literatur.

Carsten Heidböhmer, stern-Redakteur

Jürgen Neffe: "Mehr als wir sind"

Was wäre, wenn wir nicht mehr schlafen müssten, sondern ununterbrochen arbeiten, denken und kreativ sein könnten? Geht nicht? Doch, denn da gibt es ein Wässerchen, das die Gedanken für immer hell und klar hält, ganz ohne die lästigen Ruhepausen im Bett. Der Chemiker Janush Coppki hat es erfunden und wird damit zu einer Art von Prophet und Superstar. Ein paar junge Leute, die sich "Freunde der Nacht" nennen, verfallen seiner Anti-Schlaf-Droge. In der geschenkten Zeit entwickeln sie Utopien von einer Zukunft ohne Krieg und Ungerechtigkeit, von einer neuen, besseren Gesellschaft.

In seinem ersten Roman erzählt Jürgen Neffe, selbst Einstein- und Darwin-Biograph, die Geschichte eines Biographen, der aus der Zukunft zurück blickt auf das 21. Jahrhundert - und auf Coppki, diesen Ausnahmemenschen. Das ist unterhaltsam und gut geschrieben, auch wenn Neffe manchmal ein bisschen dick aufträgt, etwa wenn er Janush Coppki (J.C.!) als einen beschreibt, der zwölf Jünger hat und angeblich über Wasser laufen kann. Aber das verzeiht man gern, denn Neffe verwickelt uns in ein schönes, kluges und kompliziertes Gedanken-Experiment. Ständig wechseln die Zeitebenen, springen wir von der Vergangenheit in die Zukunft und zurück und stellen fest: So viel hat sich gar nicht geändert. Oder doch?

Anja Lösel, Redakteurin im Berliner Büro des stern

Nic Pizzolatto: "Galveston"

Ein Mann, der sein Geld damit verdient, im Auftrag des organisierten Verbrechens andere Menschen zu quälen oder zu töten, erfährt morgens, dass er Lungenkrebs hat - und abends will ihn sein Boss wegen einer Frauengeschichte umbringen lassen. Wenn ein Buch so anfängt, könnte es im Klischeesumpf enden. Da es sich aber um den Debutroman von niemand Geringerem als den Schöpfer und alleinigen Autor der grandiosen Serie "True Detective" handelt, lohnt das Weiterlesen. Denn Nic Pizzolatto schafft es, aus diesem Anfang eine beklemmende Studie des menschlichen Charakters zu machen. In einer auseinanderfallenden Welt, die vom Bösen und der Lüge dominiert wird. Einiges erinnert an "True Detective" - kaputte Charaktere, zerstörte Landschaft, zwei Zeitebenen - und doch ist es eine ganz andere Geschichte, die hier erzählt wird. Sehr düster. Und sehr lesenswert.

Ulrike Klode, stern-Redakteurin

Ja, bitte:

Patrick Ness: "Mehr als das"

Seit Janne Tellers außergewöhnlich genialem "Nichts" frage ich mich, was eigentlich Verlage das Label "Jugendbuch" verkleben lässt. Patrick Ness' Roman "Mehr als das" ist wieder so ein Fragensteller. Ein Junge stirbt, im Meer zerschlägt es ihm den Schädel an scharfen Klippen. Dann wacht er auf und muss feststellen, dass nach dem Tod etwas kommt, jemand kommt. Nur hat das alles so gar nichts mit dem zu tun, was man sich auf Erden erzählt. "Mehr als das" spielt Gedanken-verknotende Spiele und erzählt völlig frei von dem, "wie es sein müsste". Seths Geschichte ist in einem Augenblick berührend und im nächsten erschreckend. Vor allem ist sie so spannend, dass sie definitiv nicht nur Jugendlichen vorbehalten sein sollte. Pulen Sie den Jugendbuch-Aufkleber einfach ab!

Sophie Albers, stern-Redakteurin

Fredrik Backman: "Ein Mann namens Ove"

Jeder kennt so einen Nachbarn wie Ove: 59 Jahre, in den Vorruhestand gezwungen, die Frau nach 40 Jahren an Krebs gestorben. Weil er keine Aufgabe mehr hat, treibt er stattdessen die Nachbarschaft in den Wahnsinn: Er ist rechthaberisch und schreibt Falschparker auf. Und wehe, einer seiner Mitmenschen hat sich nicht an die Mülltrennung gehalten! Ove ist ein Kontrollfreak, wie er im Buche steht. Als eine junge Familie nebenan einzieht - zwei Kinder, die Frau hochschwanger, der Vater hat zwei linke Hände - ändert sich sein Leben schlagartig. Und dann bekommt er noch eine Katze als Haustier ...

Ein grantiger, alter Mann begegnet neuen Menschen und wird zum liebenswerten Opa - das hat man schon oft gelesen. Doch selten war es so unterhaltsam und emotional wie in Fredrik Backmans Debütroman. Es ist ein Buch voller Lebensweisheit, mal urkomisch, mal verdrückt man heimlich eine Träne. Hach, gäbe es auf dieser Welt nur mehr Oves. Oder wenigstens mehr solcher Bücher.

Christoph Fröhlich, stern-Redakteur

Giulia Enders: "Darm mit Charme"

Soll man wirklich ein medizinisches Sachbuch lesen, nur weil es einen coolen Titel hat? Obwohl man mit Naturwissenschaften schon in der Schule nichts anfangen konnte? Nur, weil es im Frühjahr in den Bestsellerlisten nach oben gehypt wurde? Ja, man soll. Zugegeben: Vorgehabt habe ich das nicht. Doch als ich gerade mein letztes Urlaubsbuch ausgelesen hatte und ein wenig ziellos auf dem E-Book-Reader herumstöberte, da erkannte der Teil meines Gehirns seine Chance, der Wortspiele jeder Art super findet, und überrumpelte den Teil, der Medizinthemen langweilig findet: angeklickt, angelesen - und losgelacht.

Medizinstudentin Giulia Enders, bekannt geworden als wortgewandte Science-Slammerin, hält in ihrem Buch, was der Titel verspricht. Sie erklärt auf äußerst unterhaltsame Weise, wie man richtig kackt und was so alles in der Verdauungsabteilung unseres Körpers passiert. Das ist mal wunderbar eklig - etwa, wenn es um Farbe und Konsistenz unseres Kots geht -, an anderen Stellen aber auch wirklich nützlich (etwa die Kapitel über Laktoseintoleranz und andere Unverträglichkeiten) und immer fachlich fundiert. Ein aufklärerisches Buch über ein im besten Sinne beschissenes Thema.

Daniel Bakir, stern-Redakteur

Katherine Dunn: "Binewskis: Verfall einer radioaktiven Familie"

Wann ist ein Mensch normal? Wie reagieren andere Menschen, wenn ein Mensch nicht normal ist? Katherine Dunn zieht diese Fragen an einer Zirkusfamilie hoch. Das Buch ist ein Freakshow. Und 25 Jahre, nachdem das Original ins Finale des National Book Award einzog, auch auf Deutsch erschienen. Grund genug, es jetzt endlich zu lesen.

Es geht um eine Familie, die anders ist. Den Binewskis gehört ein Zirkus - einer, der schon bessere Zeiten erlebt hat. Die Betreiber Al und Crystal Lil brauchen Geld. Also beschließen sie, dem Publikum eine ganz besondere Attraktion zu bieten. Möglichst anormale Kinder - Freaks. Sie experimentieren mit Drogen, Insektiziden und radioaktiven Substanzen. Viele Versuche scheitern, einige gelingen aber auch: Arturo, genannt Aquaboy, kommt mit Schwimmflossen zur Welt. Seine Schwestern Electra und Iphigenia sind siamesische Zwillinge und umjubelte Klavierspielerinnen. Ihr Bruder Fortunato beherrscht Telekinese.

Und dann ist da noch Olympia, die die Geschichte erzählt. Sie wurde als kleinwüchsiger Albino geboren, was für die Binewksis geradezu zu normal ist. In der Familienhierarchie steht sie deshalb an letzter Stelle. Aber Olympia - und davon handelt eine zweite Geschichte - hat eine Tochter, Miranda. Diese hat einen kleinen Schwanz am Steiß. Und dieser macht die männlichen Zuschauer auch lange nach dem Zirkusleben noch verrückt …

Wollen wir nicht alle anders sein? Wollen wir es nach diesem Buch wirklich noch? Lesen!

Laura-Lena Förster ist RvD beim stern

Rob Thomas und Jennifer Graham: "Veronica Mars - Zwei Vermisste sind zwei zu viel"

Wer bedauert, dass die Serie "Veronica Mars" nicht fortgesetzt wurde und sofort in den von Fans mitfinanzierten Kinofilm gelaufen ist, sollte sich dieses Buch auf jeden Fall kaufen. Denn den Autoren (Rob Thomas ist der Schöpfer der Serie) ist es wirklich gelungen, die Serie in ein Buch zu übersetzen. Während man es liest, spielt sich im Kopf eine Folge ab - weil die Geschichte im selben lakonischen Tonfall erzählt wird, der die Serie ausmacht. Die Handlung setzt in etwa dort ein, wo der Kinofilm aufgehört hat: Veronica ist in ihren Heimatort Neptune in Kalifornien zurückgekehrt und wird als Privatdetektivin angeheuert, das Verschwinden einer Studentin aufzuklären.

Vordergründig geht es um das Verbrechen, dem bald noch ein zweites folgt. Doch wie immer bei "Veronica Mars" steht dahinter viel mehr: gestörte Eltern-Kind-Beziehungen, Korruption, die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich. Der nächste "Veronica Mars"-Fall als Buch soll im nächsten Jahr erscheinen.

Übrigens: Für alle Leser, die weder Serie noch Film kennen, wird alles zum Verständnis nötige erklärt - aber nicht ausschweifend, damit sich der Veronica-Kenner nicht langweilt.

Ulrike Klode, stern-Redakteurin

Nein, danke:

Dave Eggers: "Der Circle"

Für die "FAZ" ist "Der Circle" das wichtigste Buch des kommenden Bücherherbstes. Der "Spiegel" hält es gar für "bisweilen brillant", laut "Wams" werde es "neue Stromstöße einer übernotwendigen Debatte liefern". Schön wär's! Ich gebe zu, ich habe mich auch von diesem PR-Bullshit einfangen lassen. Besser hätte ich auf all die Warnungen von Kollegen gehört, die den "Circle" zuvor bereits verärgert aus der Hand gelegt hatten. Dabei ist das Szenario von David Eggers' Roman ist so aktuell wie bedrückend: Wie sieht eine Welt aus, in der ein einziger Konzern - eben der Circle - all die Geschäftsfelder von Apple, Google, Facebook, Twitter & Co. unter einem Dach vereint?

Erzählt wird aus der Perspektive der jungen Mae, die voller Begeisterung beim "Circle" anheuert und zu einer fanatischen Gläubigen wird. Doch wer nun tatsächlich auf eine intelligente negative Utopie im Geiste von Orwell und Huxley gehofft hat, wird schon nach wenigen Seiten enttäuscht: Plumpe Charakterzeichnungen, Dialoge platter als in der "Lindenstraße", ein Plot ohne jegliche Hintergründigkeit - es gibt Pixie-Bücher, die sich ihrem Thema tiefgründiger widmen, als es Eggers hier mit den Gefahren der digitalen Gesellschaft tut. Nein, das ist kein Wurf, das ist einfach nur schlicht und schlecht geschrieben. Kurz: Finger weg von diesem Ärgernis.

Volker Königkrämer, RvD beim stern

Haruki Murakami: "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki"

Ich müsste mittlerweile alle Bücher von Haruki Murakami gelesen haben. Für mich ist "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" eines der weniger spannenden und interessanten Werke. Mir fehlt einfach diese mysteriöse, zweite Welt, die mich in "1Q84" oder "Kafka am Strand" so fasziniert hat. Die Geschichte ist weder besonders spannend, noch emotional. Stattdessen liest man über einen einsamen Mann, der in seinen Teeangerjahren urplötzlich von seinen besten Freunden verstoßen wird. Während mögliche Gründe genug Spielraum für die Parallelwelt oder andere Umstände bieten, die wie so häufig nicht vollkommen zu verstehen sind und deshalb erst so wundervoll werden, ist die Auflösung jedoch ziemlich simpel und enttäuschend. Hier wird ein Thema angeschnitten, über das man ohnehin nicht gerne liest. Fazit: Für jeden Murakami-Fan ein Muss. Ich wurde allerdings aufgrund seiner anderen Werke zum Fan.

Nicky Wong ist freier Videoredakteur beim stern