HOME

Büchnerpreisträger Genazino: Die Haltung des Flaneurs

Der diesjährige Büchnerpreisträger heißt Wilhelm Genazino. Für die Kritik zählt Genazino schon länger uneingeschränkt zu den "stärksten deutschen Erzählern".

Wilhelm Genazino ist in seinen Romanen für den genauen Blick auf die Zustände der Welt bekannt. Nach dem Studium der Philosophie und Soziologie feilte der gebürtige Mannheimer später als Journalist an seiner Selbstironie, insbesondere bei der Satirezeitschrift "Pardon". Mit dieser Mischung hat sich Genazino in den vergangenen 30 Jahren in die erste Liga der deutschsprachigen Autoren geschrieben. Jetzt wird der 61-Jährige dafür mit dem Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung geehrt. Für die Kritik zählt Genazino inzwischen uneingeschränkt zu den "stärksten deutschen Erzählern" (Der "Spiegel").

Seine Karriere begann mit einem Flop: Sein Roman "Laslinstraße" über die Ausbruchsträume eines Gymnasiasten in der Adenauer-Ära stieß 1965 auf wenig Resonanz. Genazino verlegte sich daraufhin auf Hörspiele und Sketche, die er teilweise mit dem Humoristen Peter Knorr verfasste. Mit ihm gründet er 1971 auch die Schreibagentur "Literaturcop". Doch die Schriftstellerei ließ ihn nicht los, und 1977 konnte er die Kritik mit dem ersten Band seiner Trilogie über das einsame Leben des Frankfurter Büroangestellten Abschaffel überzeugen. Der soziologische Blickwinkel ist darin nicht zu übersehen.

Der Mief der Adenauer-Ära ist eines seiner Themen

Das Leben der so genanten kleinen Leute greift er immer wieder auf, etwa in dem Roman "Die Ausschweifung" von 1981 über die Identitätsprobleme eines Angestellten. Auch der Mief der Adenauer-Ära beschäftigt Genazino weiter. Sein jüngstes Werk "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" beschreibt die drei dringenden Wünsche eines 17 Jahre alten Lehrlings Ende der 50er Jahre, der aus den strengen Regeln ausbrechen will. Das Buch gilt als Fortsetzung seines Erstlingswerks und als wichtige Dokumentation des Nachkriegsdeutschlands.

In seinen weiteren Werken beschreibt Genazino die Großstadt. Liebevoll beobachtet er als "Stadtgänger" etwa in dem 2001 vorgelegten Roman "Ein Regenschirm für diesen Tag" seine Mitmenschen. Er nimmt hier die Haltung des Flaneurs ein, der den erkennenden und deutenden Blick hat. Ein philosophischer Spaziergänger, dessen Langsamkeit einen Gegenpol zur Schnelligkeit und Zerstreutheit der Gegenwart bildet.

Sinn und Unsinn des Sich-Erinnerns

Seine philosophische Leidenschaft tritt in dem Roman "Das Licht brennt ein Loch in den Tag" zu Tage, den er als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim vorlegte. Darin beschäftigt er sich mit dem Sinn und Unsinn des Sich-Erinnerns. Solche tiefgründigen Gedanken werden auch sein neues Buch "Der gedehnte Blick" auszeichnen, das im August im Hanser-Verlag erscheint.

In Mannheim 1943 geboren, wohnt Genazino heute in Frankfurt am Main. Im Auswählen, sich einschränken, im Nicht-alles mitmachen-Wollen ist er vielleicht wirklich so etwas wie ein Nostalgiker. Das Unglück Flauberts Bovary dürfte ihm jedenfalls näher stehen als das der Fernsehsüchtigen, der Zerstreuten und Getriebenen von heute. Er engagiert sich - etwa für Gefängnisinsassen -, aber lässt sich nicht einreden, man müsse dem Zeitgeist gehorchen. Und so ist ihm der Vorwurf der "zeitvergeistigten Innerlichkeit" nicht erspart geblieben - doch überwog gerade in den letzten Jahren deutlich hörbar das Lob.

Ingo Senft-Werner, DPA / DPA
Themen in diesem Artikel