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David Peace: Leben im Albtraum-Land

In Yorkshire geht ein Frauenmörder um - und mit ihm die Angst. Klingt nach einem Krimi, aber David Peace hat viel mehr daraus gemacht.

Von Thomas Schumann

Den Job hier erledigt er im Stehen. Wie immer. In der Rechten hält er sein Buch, die Linke stemmt er in die Hüften, er neigt den Kopf und beginnt zu lesen. Aber was heißt das hier: Lesen? Der Mann im dunklen Anzug hetzt Worte ins Mikro wie ein Rapper, seine Sätze kommen schlagschnell wie aus einem Maschinengewehr, und was er vorträgt, ist ungeheuer in jeder Beziehung. Er liest vom Schänden und Sterben, von Blut und Angst und Korruption, von Fäulnis, Suff und Betrug, von Wahn und Erlösung, und er sagt das böse F-Wort oft, es zischt nur so über seine Lippen.

Ist das hier eine Dichterlesung? Oder ist das Rock'n'Roll?

Der Autor war Frontmann einer Punk-Band

Na, jedenfalls ist das David Peace, derzeit aufregendster Schriftsteller englischer Zunge. Zu Gehör bringt er Passagen aus "1977", seinem zweiten nun in Deutschland erschienenen Roman. Und dass er dies im Stile eines hitzigen Performers macht, verwundert nicht; schließlich war Peace mal Frontmann einer Punk-Band.

"Wir waren sehr laut - und sehr erfolglos", sagt er anderntags lächelnd. Er rapt nun kein bisschen mehr und wägt seine Worte wohl. Wenn er nicht liest, ist David Peace, Ende 30, ein freundlicher Zeitgenosse, höflich und zuvorkommend; ein Mann, der lieber zuhört. Ein Autor allerdings auch, der selbstbewusst genug ist, sich keineswegs zu wundern, dass Leser in Bologna, Italien, oder Köln, Deutschland, seine Geschichten aus West Yorkshire, England, goutieren.

Denn es sind Geschichten des Grauens.

Seine Heimat ist ein trostloser Flecken Englands

Peace wurde in eben diesem West Yorkshire geboren, nahe der Arbeitermetropole Leeds, und in vier Bänden (sie heißen: 1974, 1977, 1980, 1983) hat er seine Kindheit und Jugend in einem trostlosen Flecken Englands verarbeitet. Ein Flecken Englands, wo sechs Jahre lang der so genannte Yorkshire-Ripper wütete, 13 Frauen ermordete, während hilflose Fahnder vor sich hin dilettierten, begleitet von Hatz und Häme der Medien.

Serienmörder realer Albtraum

"Wie ein furchtbarer Schatten" habe die Angst über seiner Heimat gelastet, sagt Peace. Die feste Überzeugung, dass der Mörder einer "von uns" sein müsse, jemandes Onkel, Bruder, Vater, Sohn, das war schon entsetzlich genug; die Furcht, dass es jede Frau treffen könne, Schwester, Mutter, Tochter: ein Albtraum.

Mittendrin wuchs David auf, acht war er, als der Killer zum ersten Mal zuschlug. Besessen sei er gewesen vom Ripper, sagt Peace, besessen von der Angst um die eigene Mutter; jeden Fitzel Information habe er gesammelt mit dem kindlichen Wunsch, selbst den Täter zu stellen.

Große Literatur, verwegen und witzig komponiert

Das mag wahr sein oder ein wenig Folklore, die der Vermarktung helfen soll. Sei's drum: "1977", die Geschichte des Polizisten Fraser und des Reporters Whitehead, die den Ripper jagen und doch selbst Gejagte sind ihrer Obsessionen, dies "1977" ist große Literatur, verwegen komponiert, aberwitzig im Tempo, unerhört im Ton. Und unerhört authentisch. Was wiederum unerhört erstaunlich ist. Denn Peace, der nach einem Maschinenbaustudium zwei Jahre arbeits- und orientierungslos war, später als Englischlehrer in Istanbul gearbeitet hat, lebt schon seit zwölf Jahren weit weg von Yorkshire: in Tokio, mit seiner japanischen Frau und seinen beiden Kindern. Hier hat er seine Karriere in Gang und die Yorkshire-Bände zu Papier gebracht; seine Quelle waren allein die Erinnerung und die britischen Zeitungen der Siebziger, die er in der Nationalbibliothek Tokios las und zur Folie seiner Romane machte.

Verlogenheit der Gegenwart

Und nicht nur derer um den Ripper. In England hat er "GB 84" nachgelegt, eine erschütternde Auseinandersetzung mit dem Bergarbeiter-Streik 1984/ 85, als Margaret Thatcher das Genick der Gewerkschaften brach. Was fasziniert ihn so am Vergangenen? "Die Verlogenheit der Gegenwart", sagt David Peace. Verächtlich redet er von Tony Blair, den er mit der Inbrunst eines aufrecht Linken verabscheut. "Weiß ich denn heute, wie sehr mich dieser Mensch belügt? Nein. Nur der Blick zurück gibt uns eine Ahnung davon, was wahr ist und was falsch."

Sein Blick zurück ist leidenschaftlich, präzise und schmerzhaft. In West Yorkshire möchte man nicht gelebt haben. Jedenfalls nicht 1977.

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