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Der neue Mankell: Aids, Armut, Afrika

Mit den Krimis um Kommissar Wallander hat Henning Mankell jahrelang die Bestsellerlisten angeführt. Für "Kennedys Hirn" schickt er seine neue Protagonistin Louise Cantor nach Afrika in einen Strudel aus Korruption und Drogenschmuggel.

Seit gut einem halben Jahr ist Henning Mankells jüngster Roman "Kennedys Hirn" auf der Bestsellerliste in seiner schwedischen Heimat. Jetzt gibt es ihn auch auf Deutsch - und auch hier ist auf Anhieb auf Platz sechs der "Spiegel"-Bestsellerliste gesprungen. Es ist ein Roman, den Mankell im Angesicht einer humanitären Katastrophe nach eigenem Eingeständnis "im Zorn" geschrieben hat. Schwedens meistgelesener Autor, dessen Bücher bereits in 36 Sprachen übersetzt in mehr als 100 Ländern erscheinen, wählte ein Thema, das ihn seit langem aufwühlt: Aids, Armut, Afrika.

Seine Erzählung über die 54-jährige Archäologin Louise Cantor, die einer gigantischen Lüge nachspürt, ist Fiktion. Doch der Autor überlässt es dem Leser, die Grenzen zur Wirklichkeit selbst zu ziehen. Eine Herausforderung, die ebenso verunsichert wie das offene Ende des Romans. "Ein Roman kann auf Seite 212 oder 397 enden, doch die Wirklichkeit geht unvermindert weiter", meint Mankell im Nachwort, um noch eins drauf zu legen: "Es ist ein Roman, eine Fiktion. Doch eine Grenze zwischen dem, was wirklich geschah, und dem, was hätte geschehen können, ist oft nahezu nicht-existent."

Geheime Labors, Doppelexistenzen, Drogen und menschliche Abgründe

Inspiration fand er vor Ort. Seine Protagonistin bewegt sich auf den Spuren des toten Sohnes in den Welten des Autors: Europa und Afrika, Schweden und Mosambik, wo Mankell selbst die Hälfte des Jahres lebt und Maputos Theater "Teatro Avenida" leitet. Auf einer Reise in die schwedische Heimat findet Louise ihren einzigen Sohn Henrik tot in seinem Bett vor. Obwohl alles auf einen Selbstmord deutet, glaubt Louise nicht daran. In Henriks Wohnung findet sie Dokumente zu der Frage, warum das Hirn des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy nach der Obduktion spurlos verschwunden ist.

Die kühle Archäologin, die aus der leidenschaftlichen Suche nach Spuren der Vergangenheit Beruf und Lebenswerk gemacht hat, vermutet dunkle Hintergründe. Gemeinsam mit ihrem Ex-Mann Aron rekonstruiert sie Henriks letzte Tage. Über Spanien führt die Spur nach Mosambik - in ein Asyl für Aids-Kranke, das ein angeblich selbstloser reicher Amerikaner bei dem Küstenort Xai-Xai leitet. Schon bald wird ihr klar, dass Henrik einem humanitären Skandal nachspürte, der auch für sie lebensbedrohlich wird. Vor dem Hintergrund der grassierenden Aids-Epidemie geht es um infiziertes Blut und menschenverachtende Impfstoff-Tests in geheimen Labors, aber auch um Doppelexistenzen, zynische Diplomaten, Drogenschmuggel und menschliche Abgründe.

Wir beleidigen unser Gewissen

Louise stößt auf profitgierige, skrupellose Geschäftemacher, die aus dem Elend der Armen Kapital schlagen wollen. Aber auch auf Menschen wie Henriks Freundin, die Prostituierte Lucinda. Schonungslos hält sie der begüterten Europäerin Louise vor: "Sie meinen, unsere eigene Schwäche sei dafür verantwortlich, dass das Elend des Kontinents so groß ist. Genau wie die meisten anderen glauben Sie, dass es das Wichtigste ist zu wissen, wie wir sterben. Wie wir leben, darum brauchen Sie sich nicht zu kümmern."

Seine eigene Empörung über die Ohnmacht der Weltgemeinschaft gegenüber Afrikas Elend legt Mankell einem Professor mit den Worten in den Mund: "Zu keinem Zeitpunkt haben wir so große Ressourcen zur Verfügung gehabt, um für immer mehr Menschen eine erträgliche Welt zu schaffen. Statt dessen beleidigen wir unser ganzes Bewusstsein, unsere intellektuelle Kraft, unsere materiellen Möglichkeiten, indem wir zulassen, dass das furchtbare Elend noch zunimmt."

Ralf E. Krüger/DPA / DPA