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Elfriede Jelinek: Die wüste Moralistin

Elfriede Jelinek ist mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet worden. Die stern-Fotografin Karin Rocholl begleitet sie seit 18 Jahren und gratuliert mit Birgit Lahann der radikalen Sprachfantastin - in alter Sympathie.

Die Scheu ist immer da, wenn wir uns sehen. Im Theater, im Café oder bei ihr zu Hause in Wien, draußen in Hütteldorf. Eine Scheu, die keine Attitüde ist, keine aufgesetzte Befangenheit, sondern gewachsene Bedrohung. Ich sehe sie noch blass am Tisch sitzen mit ihrer ironisierten Trümmerfrauenfrisur. Ihre Wohnung im Haus der Mutter ist 1988 noch eine Ohrfeige an die Bourgeoisie mit giftgrünen Tüllvorhängen, Dämonenmasken und Affen und Kakadus aus Porzellan. Heute, nach dem Tod der Mutter, ist es bei ihr elegant und modern.

Sie hatte damals gerade ihren Roman "Lust" beendet, diesen unglaublich aggressiven Versuch über das Obszöne. Wir trinken Tee und essen Sachertorte, die Karin Rocholl, die Fotografin, und ich mitgebracht haben. Sachertorte als ironisiertes Stück Österreich. Auf dem vierten Stuhl am Tisch liegt jungfräulich der erste Computerausdruck der "Lust", noch als 20 Meter langes, gefaltetes Papier. Ob sie uns ein Stück daraus vorlesen würde? Um Gottes willen, nein. Nie könnte sie das.

Wie zu zerfetzten Wiener Walzerklängen findet hier der Totentanz der Geschlechter statt mit Sex und Gewalt. Sie wird auf den Tisch gepresst, ihre Brüste große warme Fladen Dung, sie fallen auseinander. Der Mann hebt das Bein in seinem eigenen Garten ... Solche pornografischen Stellen, sagt sie, sollen den Leser ins Gesicht schlagen. Aber lesen kann sie das nicht. Darf ich reingucken? Nicht hier. Ich kann es mitnehmen, ins Hotel. Aber bei dem Gedanken, dass ich in der Nacht lesen werde, worunter sie wie unter einer Geröllhalde liegt, überkommt sie eine wahnsinnige Scham.

Wenn man mit ihr im Biergarten

sitzt, und es kommt ein Mensch auf sie zu, kann sie scheu bis zur Sprachlosigkeit werden. Inzwischen kennt ja jeder sie, auch die, die nicht wissen, wer sie ist. Sind Sie nicht Frau Jelinek? Ja. Und dann erstirbt alles. Der Mensch hat nichts zum Sagen. Und sie kann nichts sagen.

Gewaltig ist die Scheu, als sie Einar Schleef kennen lernt, den Regisseur, der 1998 ihr Drama "Ein Sportstück" am Wiener Burgtheater zu einem Triumph inszenierte. Nach dem Krieg, sagt sie, hat es nur zwei Genies gegeben. Fassbinder im Westen und Schleef im Osten. Beide waren unersättlich, beide haben sich bis zum Tod selbst gegeben. Sie sind über sich gestolpert, sagt sie, und haben ihr Herz ausgespuckt.

Sie mochten sich von weitem.

Schleef, der Berserker mit der zarten Seele, marschierte auf der Bühne brutal gegen den Faschismus; Jelinek, die Kämpferin mit der zarten Seele, schreibt brutal gegen den Faschismus. Und dann sitzen sie in einem Wiener Café, wollen sich kennen lernen - und wissen nicht, wie. Sind beide zu schüchtern. Und als draußen eine Demonstration mit Kostümierten vorbeikommt, flieht Schleef aus dem Café und ist weg. Peymann, damals Intendant vom Burgtheater, vermittelt. Die Arbeit beginnt. Dauert Wochen. Nach der Generalprobe sitzen die Schöne und der Schleef in der Kantine - an verschiedenen Tischen. Es soll ja auch nicht zu viel Nähe da sein, sagt er. Nach der Premiere wird der Applaus zum Orkan. Er hält fast eine Stunde an. Und Schleef und Jelinek werden immer wieder rausgerufen, stehen da auf der Bühne - Hand in Hand.

Für ihn, sagt sie nach seinem Tod, hätte ich alles getan. Für sie lebt er: Alles schläft, Einar wacht. Aber sie macht es ihren verschlafenen Landsleuten auch verdammt nicht leicht. Schreckt die armen Österreicher, vor allem die Männer, seit 25 Jahren immer wieder aus ihren lieblichen Träumen von der guten alten Zeit auf. Schreibt 1977 das Stück "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte". Sie wird als Domina missbraucht. Von Freiheit keine Spur.

Für Elfriede Jelinek hat die Frau in der Gesellschaft längst verloren. Emanzipation? Aus. Vorbei. Das habe man doch im TV-Schlagabtausch zwischen Alice Schwarzer und Verona Feldbusch gesehen. Da war der Feminismus gelaufen. Aber hat sie je an ein Matriarchat ohne Gewalt und Atombomben geglaubt? Nein, sagt sie, wenn sie an die KZ-Aufseherinnen denke. Und eine Politikerin wie Margaret Thatcher strebte ja auch nur zum Mann hoch.

Schreibt 1983 "Die Klavierspielerin", den Albtraum zwischen Mutter und Tochter. Natürlich ist das ein Stück eigene Biografie. Die Mutter als phallische Macht, als kastrierter Vater. Es ist ihr bestes, ihr privatestes Buch, ihr Kampf zwischen Sadomasochismus und Intellekt. Schreibt 1982 "Burgtheater", ein Drama über naziverstrickte Schauspielprominenz. Schreibt 1987 "Präsident Abendwind", der seine Untertanen verspeist. Und jeder dachte an Kurt Waldheim. Schreibt 1998 das schwer verdauliche "Sportstück", und Sport hat für Elfriede Jelinek mit Körperkult zu tun, mit Macht, mit homoerotischen Männerbünden, mit Jörg Haider, mit Verführung zum Faschismus. Schreibt 2003 "Bambiland", eine endlose Sprechfantasie und gewaltige Wortwüste zum Irak-Krieg. Und nun, nach der größten Literaturauszeichnung, sorgen sich zwei Spießer von "Spiegel" und "Bild" um Jelineks Haushaltskasse.

Zwanghaft, rabiat, polemisch und provokant wirft die Jelinek ihre Textbomben in die Gesellschaft, und wenn dann Wörter explodieren, schießen die braunen Buben in der Stadt und auf der Haidern zurück mit einem Plakat im Wahlkampf 1995. Mit einer Geige und der Frage: Wollt ihr Peymann und Jelinek oder Kunst und Kultur? Und als Peymann nach Berlin geht, schlägt in der "Kronenzeitung", der "Bild" von Österreich, die Stunde des Hausdichters: Dann braucht es wohl noch eine Weile, / bis dass die Bretter wieder blank / und sich verzogen der Gestank / des wahrlichen penetranten Drecks / der Mühls, Turrinis, Jelineks.

Es wird ihnen nichts nützen. Elfriede Jelinek bleibt die Bannerträgerin eines anderen Österreichs, eine Sendungsbewusste, Jeanne d'Arc aus Hütteldorf, Tochter eines jüdischen Vaters, der verrückt geworden, und einer katholischen Mutter, die sie ans Klavier geprügelt, erzogen im Kloster unter einem sadomasochistischen Bild, dem Gekreuzigten. Eine Religion, sagt sie, die einen Gefolterten zur Ikone hat, ist natürlich die unheimlichste von allen.

Unheimlich ist auch der Priester im Beichtstuhl. Dem erzählt sie schweinische Sachen. Was sie so mit sieben oder acht in der Schule gehört hat. Und der Mann hinterm Gitter kann gar nicht genug kriegen von all den erfundenen Unkeuschheiten. Und eigentlich hat sie längst Französisch. Und sie sieht die Nonne, die sie unterrichtet, noch im Hintergrund verzweifelt winken. Kind! Die Stunde fängt an!

Sie erzählt so etwas sehr vergnügt im österreichischen Singsang, doch mit ihrer sanften Stimme zerkaut sie dabei den Wiener Schmelz der Wörter. Und nie ist sie egomanisch. Sie ist eine, die auch fragt, die neugierig ist, die Anteil nimmt, auch lästern kann, die kurios elegant ist und gern über Mode spricht, über ihren avantgardistischen Mantel mit nur einem Arm oder Hosenträger mit Enzian. Und wenn sie mit der U-Bahn fährt, tarnt sie sich mit Sonnenbrille und Mütze.

Erzählt auch, dass sie ihren Mann, einen Informatiker, vor über 30 Jahren während einer Lesung sah und dachte: Hoffentlich geht der nicht weg! Es gibt einen Text von ihr, der vielleicht ihre Ehe beschreiben soll: Sie sind zwei und eins in einem, nicht weil sie aus Liebe zueinander blöd geworden wären und zu faul, sich voneinander zu unterscheiden.

Und dann kann sie schrecklich

über ihre Altersfalten herziehen. Und offen über ihre Phobien und Therapien sprechen, über ihre Angst vor Menschen und Massen. Dabei umschlingt sie sich gern mit den Armen, mit ihren schönen, schmalen Händen. Sie braucht Schutzzonen, Wälle, Mauern, die Stadt, das Haus, das Zimmer, die Arme. Bei ihr hängt noch immer die große Plastikkugel von der Decke herab, eine Kugel mit Kissen, in die sie sich verkriecht wie in den Mutterschoß.

Sie hat schon vor ihrer Ankündigung, nicht nach Stockholm fahren zu wollen, zu können, Termine abgesagt. Hat sich befreit gefühlt danach, hätte es viel früher schon tun sollen, schreibt sie. Und ihre E-Mails enden mit: Stets das Ihre. Und das "Ihre" ist ein stilisiertes Schaf.

Die Themen werden ihr nicht ausgehen, weil die Nazis nicht ausgehen. Mit biblischer Erbarmungslosigkeit wird sie sie weiter verfolgen. Durch die jüdische Familie ihres Vaters ist ihr das "nie wieder" in Herz und Hirn gebrannt. Und das, sagt sie, ist in ihren Texten in rasende Rache- und Wut-Fantasien umgeschlagen.

Damals, nach der Generalprobe vom "Sportstück", will Karin Rocholl Elfriede Jelinek und Einar Schleef zusammen fotografieren. Als die sich sperren und Schleef dauernd neue Schauspieler zwischen sich und die Schriftstellerin schiebt, fasst Rocholl die beiden sanft am Ärmel und zieht sie in ein freies Eck. Da stehen sie Rücken an Rücken. Wir brauchen jetzt nur noch Pistolen, sagt die Jelinek. Wieso, sagt Schleef, ich hab doch Ihren Text.

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