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Simons NSU-Stück nach Jelinek "Das Schweigen ist dramatisch"


Johan Simons ist Elfriede-Jelinek-Experte. Immer wieder wagt er sich an die überbordenden Textwelten der Nobelpreisträgerin. Jetzt bringt er ihr neuestes Werk auf die Bühne: Ein Stück über den NSU.

Die Münchner Kammerspiele bringen den NSU-Prozess auf die Bühne. Intendant Johan Simons selbst inszeniert "Das schweigende Mädchen" von Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Der Prozess selbst habe auf ihn schon wie ein Theaterstück gewirkt, sagt er im Interview.

Waren Sie selbst schon im NSU-Prozess?

Ja. Und ich habe den Prozess selbst schon als Theaterstück empfunden.

Warum?

Es ist doch total dramatisch, dass jemand schweigt. Wenn Beate Zschäpe in den Gerichtssaal kommt, spricht sie noch mit ihren Anwälten, aber sobald der Prozess beginnt, mit dem Hammerschlag, schweigt sie einfach. Das ist doch völlig befremdlich, dass die Familie eines Opfers fast gezwungen wird, etwas zu sagen und jemand, der schuldig ist - und soviel kann man bei ihr schon mindestens behaupten - einfach nichts sagen darf.

"Das schweigende Mädchen" ist nicht das erste NSU-Stück, das in Deutschland auf die Bühne kommt - es gab schon erstaunlich viele...

Ja, aber das wundert mich nicht. Das ist ein unglaubliches Geschehen. Die Frage, warum man jahrelang nicht wusste, wer die Mörder sind, kann einen schon umtreiben. Und wenn man den Medien geglaubt hätte, die von Mafia schrieben, dann konnte man ziemlich in Verwirrung geraten.

Die bisherigen NSU-Stücke hatten alle unterschiedliche Ansätze: Mal ging es um die Innensicht der Terrorzelle, mal wurde aus Sicht der Opfer erzählt. Was ist bei "Das schweigende Mädchen" anders?

Bei Jelinek wird die Verwirrung auf die Spitze getrieben. Wie oft bei ihr sind es Figuren, die etwas behaupten - und eine halbe Minute später das Gegenteil sagen. Diese Gegensätze sind das, was ich an der Arbeit von Jelinek liebe. Sie legt im Grunde eine Gehirnfläche bloß. Es ist auf jeden Fall kein Stück, in dem man sich mit den Figuren identifizieren muss - und das wollte ich auch auf keinen Fall. Ich will keinem Schauspieler antun, Beate Zschäpe spielen zu müssen. Hitler kann man spielen, weil er schon tot ist, aber "Das schweigende Mädchen", es lebt noch. Dadurch wird das zu komplex und es besteht die Gefahr einer Art Betroffenheit. Man muss sich nicht mit den Personen identifizieren, sondern mit dem Text. Darum hatte ich die Idee zu einer Partitur, einer Art Musikstück.

Ist das deutsche Theater politischer geworden? 

Meiner Meinung nach ist das deutsche Theater immer politisch gewesen.

Können Sie anders an einen Stoff über den NSU-Prozess rangehen, weil Sie Niederländer sind?

Ich denke schon. Die Deutschen sind sehr seriös, was ihre Geschichte angeht - und das müssen sie auch sein. Ich als Holländer habe schon einen bestimmten Abstand und kann mich möglicherweise auch an eine gewisse Ironie, die es in Jelineks Stücken immer gibt, eher heranwagen.

ZUR PERSON: Johan Simons, 68, ist seit 2010 Chef der Münchner Kammerspiele. Er machte das Haus zu einem internationalen und zum "Theater des Jahres" 2013. Er selbst wurde im Mai mit dem Theaterpreis Berlin ausgezeichnet. Die laufende Spielzeit ist seine letzte als Kammerspiel-Chef. Er wechselt als Intendant zur Ruhrtriennale. Als Grund gab der gebürtige Niederländer an, er wolle wieder näher an seiner Familie sein.

Britta Schultejans, DPA DPA

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