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Literaturnobelpreis für Herta Müller "Sie wollte doch immer etwas erreichen"

Jubel über Herta Müller: Erstmals seit 1999 geht der Literaturnobelpreis wieder nach Deutschland. Die Gewinnerin kann's nicht glauben, die Kanzlerin jubelt.

Die Gewinnerin ist "überrascht und kann es noch immer nicht glauben": Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an die deutsche Schriftstellerin Herta Müller. Die 56 Jahre alte Autorin zeichne "mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit", begründete die Schwedische Akademie ihre Wahl am Donnerstag. Bundeskanzlerin Angela Merkel war begeistert: "Müller gehört zu den Schriftstellerinnen, die diese Auszeichnung mehr als verdient haben." Ihr Werk sei "hervorragende Literatur, gespeist aus einer Lebenserfahrung, die von Diktatur, Unterdrückung, Ängsten, aber auch von unglaublichem Mut spricht", fuhr die Kanzlerin fort.

Die in Berlin lebende Müller ist in Rumänien geboren und verarbeitet in ihren Werken eigene Erlebnisse von Fremdheit und politischer Verfolgung. Erst vor wenigen Monaten berichtete sie der "Zeit" ausführlich von ihren Erfahrungen mit der Securitate in Rumänien. Müllers 84-jährige Mutter Catarina ist "stolz auf sie, und ich freue mich natürlich sehr, dass sie es geschafft hat, sie wollte doch immer etwas erreichen."

Herta Müller ist die zwölfte Frau, die den Literatur-Nobelpreis erhalten hat. Mit ihr wurde zum 13. Mal ein Vertreter der deutschsprachigen Literatur gewürdigt. Günter Grass erhielt den Preis vor genau zehn Jahren, die Österreicherin Elfriede Jelinek 2004.

Herta Müller fast sprachlos

"Ich bin überrascht und kann es noch immer nicht glauben, mehr kann ich im Moment nicht dazu sagen", kommentierte Herta Müller die Ehrung. Schließlich hatte sie sich einen Tag vor der Bekanntgabe des Preises skeptisch über ihre Chancen geäußert. "Ich glaube nicht daran, ins Gespräch kommt man ja immer, aber das machen die dieses Jahr nicht. 20 Jahre Mauerfall und dann komme ich mit so einer alten Deportationsgeschichte", sagte die 56-jährige Autorin.

Auch in Herta Müllers Geburtsland Rumänien wurde gefeiert. Philosoph und Kunsthistoriker Andrei Plesu war hoch erfreut: "Für mich ist Herta Müller schon lange eine Nobelpreis-Trägerin. Ich kann mich also nur freuen, dass heute meine Vorahnung offiziell bestätigt wird", sagte Plesu. Weniger euphorisch dagegen die Reaktion von Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der jeden Kommentar ablehnte: "Ich will nicht über die Herta Müller reden. Adieu", sagte der Literaturkritiker.

Müller gilt als eine Chronistin des Alltagslebens in der Diktatur, die ihre Kindheit in Rumänien als Schule der Angst durchlebt hat und davon in ihren Werken bedrückend Zeugnis ablegt. Seit Anfang der 90er Jahre und der Übersetzung ihrer Werke in mehr als 20 Sprachen gehört sie mit Büchern wie "Der Fuchs war damals schon ein Jäger", "Herztier" und "Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet" zu den wichtigen Autoren im internationalen Literaturbetrieb.

Flucht vor Zensur und Repressionen

Müller wurde am 17. August 1953 in Nitzkydorf im Kreis Temeschwar im lange Zeit deutschsprachigen Banat in Rumänien geboren. Nach den Eingriffen der Zensur in ihr erstes Buch und wiederholten Verhören und Hausdurchsuchungen verließ sie 1987 schließlich ihre Heimat und siedelte nach West-Berlin über. Schon 1984 war im Westen ihr Erzählband "Niederungen" erschienen.

Der später folgende Prosaband "Reisende auf einem Bein" entstand 1989 bereits in Berlin und spiegelt das Fremdsein in der neuen Heimat wider. Der Alltag in einem totalitären System ist Thema ihres Romans "Der Fuchs war damals schon der Jäger" (1992). "Herztier" (1994) beschreibt das Leben der Oppositionellen in Rumänien. 2003 veröffentlichte sie einen Essay-Band mit dem Titel "Der König verneigt sich und tötet" und 2005 die Text-Bild-Collagen "Die blassen Herren mit den Mokkatassen".

Weiterer Preis für Müller auf der Buchmesse?

Müller erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Kleist-Preis und den Joseph-Breitbach-Preis. Seit 1995 ist sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Mit ihrem aktuellen Roman "Atemschaukel", über den sie kürzlich ausführlich in einem Interview mit "RP-Online" sprach, steht sie auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Der Preis wird in der kommenden Woche auf der Frankfurter Buchmesse verliehen. Auch da gilt Müller als Favoritin.

Der Nobelpreis wird am 10. Dezember in Stockholm vergeben und ist mit zehn Millionen Kronen (1,09 Millionen Euro) dotiert.

DPA/AFP/AP AP DPA

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