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Elke Heidenreich über Herta Müller: "Sie braucht dringend eine neue Frisur"

Die Vergabe des Literaturnobelpreises an Herta Müller ist klug, findet stern.de-Kolumnistin Elke Heidenreich. Sie lobt das Werk der Deutsch-Rumänin. Nur Müllers Haarschnitt gehe gar nicht.

Man denkt ja auch immer mit, was sie im Ausland wohl so von uns halten. Wenn Guido jetzt rumreist als Außenminister - wie peinlich ist DAS denn? Das neue Wort "fremdschämen" eignet sich hier gut. Wenn er dieses Amt wirklich annimmt, müssen wir uns eben schämen, wenn er es schon nicht tut. Und Herta Müller hat den Literaturnobelpreis total verdient, aber wie Angela Merkel muss auch sie nun durchgestylt werden und dringend mal eine neue Frisur kriegen, damit die Neuseeländer nicht denken, dass man solche Frisuren in Deutschland trägt. Jaja, ausgerechnet ich muß das sagen, die überhaupt keine Frisur hat, jede Maskenbildnerin im deutschen Fernsehen fragte mich vierzig Jahre lang verzweifelt: Was machen wir denn mit den Haaren? Nichts, wir machen einfach nichts und lassen es struppig. Aber ganz ehrlich, besser nichts als dieser Schnitt.

Am Haarschnitt darf man mäkeln, an der Literatur von Herta Müller nicht. Die ist grandios, und wir müssen uns Mühe geben, dem Feuilletonherren geistig zu folgen, der am Tag nach der Verleihung beleidigt schrieb, dass es wieder nicht ein wirklicher Literat wie Philip Roth geworden sei sondern eben leider nur Herta Müller. Klar, Philip Roth schreibt viel und gern über Sex vor allem im Alter und Herta Müller vergleichsweise wenig über Feuchtgebiete. Bei ihr geht es zur Sache mit der Geschichte der Diktaturen, und das wird exakt zwanzig Jahre nach dem Mauerfall preisgekrönt, was für eine kluge Entscheidung. Und auch literarisch, poetisch, was für ein Griff: "Ich verliere die Nerven ja nicht, sie werden ja nicht weniger, sondern zu viele." Oder: "Auch die Straßenbahn kenne ich von innen. Wer um diese Uhrzeit einsteigt, ist kurzärmelig, trägt seine abgewetzte Ledertasche und an beiden Armen Gänsehaut." Oder: "Wenn die Nacht von jedem den Suff nimmt, müsste sie gegen Morgen voll sein bis zu den Sternen. Es trinken soviele in der Stadt."

Alles Sätze von Herta Müller. Und unser Feuilletonist schreibt, man müsse sich wohl von der "lieben Vorstellung" trennen, "dass der Nobelpreis für Literatur eine Belohnung für die besten Dichter und die besten Werke sei". Ach was? Vielleicht muss man sich von dieser Art feuilletonistischem Hochmut endlich mal trennen. Marcel Reich-Ranicki soll gesagt haben, zu Herta Müller äußere er sich nicht. Klar, er ist sicher wütend, dass wieder mal nicht er den Nobelpreis gekriegt hat, trotz neun Ehrendoktortiteln und dem fabelhaften Deutschen Fernsehpreis. Man kann nicht alles haben!

Was gibt's sonst noch? Auf der Buchmesse wird der verrückteste Buchtitel gesucht. Mein Vorschlag wäre "Opa, was macht ein Bauschinör?", Wiley Verlag, der überhaupt so schöne Sachen anbietet wie "Mehr los mit mehr Moos" für Bankdirektoren oder "Komm, wir klau'n uns eine Insel." Und unter "Vom Hoch und Tief alter Kulturen" wird angeboten "Babylonien, Hethiter & Co. für Dummies", das ist auch schön, und wir denken an Dieter Hildebrandt, der gesagt haben soll: "Bildung kommt von Bildschirm und nicht von Buch, sonst hieße es ja Buchung." Wir empfehlen "Allgemeinbildung für Dummies", Wiley Verlag aus der Reihe "Buch macht kluch". Nächstes Jahr übrigens hat sicher Coppenrath einen Platz unter den ersten für den absurdesten Titel, sie beantragen gerade Titelschutz für "Warum ich meinen Mann immer schon mal erwürgen, aber noch nie rauswerfen wollte." Auch sehr, sehr gut.

Herta Müllers Buchtitel sind so ganz anders als das, was Wiley sich ausdenkt: "Hunger und Seide", "Im Haarknoten wohnt eine Dame", "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet", "Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt", "Der König verneigt sich und tötet" oder "Die blassen Herren mit den Mokkatassen." Und "Atemschaukel" lässt den Atem nicht schaukeln, sondern stocken.

Noch ein Wort zu Philip Roth: Ach ja, warum nicht. Viel Schönes, ja, doch. Nicht immer, aber immer mal wieder. Aber wenn Updike den Nobelpreis nie gekriegt hat, dann doch wohl Roth erst recht nicht. Jetzt ist Herta Müller aus Siebenbürgen, aus Rumänien, aus der damals grässlichsten aller östlichen Diktaturen Millionärin. Jetzt noch, wie gesagt, "was machen wir denn mit den Haaren?" and a star is born. Sie hat sich und uns nur mit Wörtern und Phantasie und Wahrheit eine Welt erbaut. Dieser Preis sei ihr von Herzen gegönnt, auch mit einer noch nachträglichen Verbeugung vor Oskar Pastior, um dessen Erlebnisse es im letzten Buch, "Atemschaukel", geht. Und nächstes Jahr, liebe Akademie in Stockholm, bleiben wir trotzig wieder in Deutschland und denken endlich mal an Dieter Forte, ja? Hört nur auf mich! Nächstes Mal mehr zum Thema "Soviel Weihnachten war nie."

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