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Interview mit Helmuth Frauendorfer: In den Fängen der rumänischen Securitate

Mit ihrem Nobelpreis hat Herta Müller das Thema auf die Agenda gebracht: die Unterdrückung von Schriftstellern in Rumänien durch den Geheimdienst Securitate und wie man sich dagegen wehrt. Der rumänische Schriftsteller und Journalist Helmuth Frauendorfer hat ähnliche Erfahrungen und spricht darüber im stern-Interview.

Von Andrea Ritter

Als die rumäniendeutsche Schriftstellerin Herta Müller mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, kam ein Thema zur Sprache, das zuvor nur wenig Beachtung gefunden hatte: Die Verfolgung und Bedrohung regimekritischer Autoren durch den Geheimdienst Securitate, die in vielen Fällen auch dann fortgesetzt wurden, wenn die Autoren sich bereits im Exil befanden.

Zwanzig Jahre nach dem Niedergang des Ceausescu-Regimes steht die Aufarbeitung der rumänischen Diktatur noch am Anfang. Erst 2006 hat die zuständige Behörde in Rumänien, CNSAS, die Akten des Geheimdienstes offiziell zur Einsicht frei gegeben. Wer wissen möchte, was die Spitzel der Securitate notierten, kann dort vorstellig werden. Doch häufig, so betonen die Schriftsteller, seien die heraus gegeben Akten immer noch lückenhaft. Auf einer Tagung, die am 7. und 8. Dezember in München stattfand, berichteten Schriftsteller der Aktionsgruppe Banat und des Adam-Müller-Guttenbrunn-Kreises, jene Autorengruppe, der derzeit auch Herta Müller angehörte, über ihre Erfahrungen mit der Akteneinsicht.

Der rumäniendeutsche Lyriker Werner Söllner, Leiter des Hessischen Literaturforums, bekannte sich auf der Tagung, als Spitzel für die Securitate gearbeitet zu haben. Söllner war 1982 in die Bundesrepublik ausgereist und hat sich seitdem als mehrfach ausgezeichneter Lyriker im deutschen Literaturbetrieb etabliert. Dass er Informant der Securitate war, hatten viele der nach Deutschland emigrierten rumäniendeutschen Schriftsteller bereits geahnt. Sein Bekenntnis wurde einhellig begrüßt. Problematisch bleiben jedoch die Reaktionen auf sein Bekenntnis, die die Kooperation mit der Securitate als unausweichlich darstellen – und damit jene diskreditieren, die sich der Zusammenarbeit widersetzten. Dazu ein Interview mit Helmuth Frauendorfer, der 1959 im rumänischen Banat geboren ist und Referent bei der Münchner Tagung war.

Herr Frauendorfer, auf der Münchner Tagung "Rumäniendeutsche Literatur im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate-Akten" gab Werner Söllner, Lyriker und Leiter des Hessischen Literaturforums, öffentlich zu, von 1971 bis 1974 als "IM Walter" für den rumänischen Geheimdienst gearbeitet zu haben. Seitdem ist die Debatte um in Deutschland lebende Ex-Securitate-Spitzel neu entbrannt. War Söllners Bekenntnis eine Überraschung?
Nein, der Druck aus den Reihen der Kollegen und einer sehr bald sich wohl einschaltenden Öffentlichkeit war so groß geworden, dass ihm nichts anderes übrig blieb. Zum Ausmaß seiner Dienste sagte er nichts. Wiewohl aus so mancher Akte Unschönes hervorgeht. Doch München sollte kein Tribunal sein, sein Statement wurde akzeptiert, es wurde applaudiert und damit wäre es auch gut gewesen. Wenn nun nicht seine Beschützer, um ihn reinzuwaschen, alle anderen rumäniendeutschen Schriftsteller mit Dreck bewerfen würden. Wie Eva Demski, die Vorsitzende des Hessischen Literaturforums, die sagte: "Es gibt in diesem ganzen Emigrantenzirkel wahrscheinlich keinen einzigen Engel mit schneeweißen Flügeln."

Was ärgert Sie so an dieser Aussage?


Es ist unverschämt, weil es jene diskreditiert, die sich der Securitate verweigert haben. Es war gewiss nicht leicht, in Rumänien non-konforme Literatur zu schreiben und zu veröffentlichen. Wer auffiel, fiel auch der Securitate auf. Sauber zu bleiben war nicht einfach. Aber es lohnte sich, es zu versuchen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Geheimdienst gemacht?


Ich war in der 12. Klasse, stand vor dem Abitur, da wurde ich von einem Securitate-Offizier aus dem Unterricht geholt. Man brachte mich zum Sitz der Securitate, versuchte mich zu überreden, als Informant für sie tätig zu sein. Stundenlang saß ich in einem leeren Raum, abwechselnd kamen ein junger Offizier und der Oberstleutnant Nicolae Padurariu herein und bearbeiteten mich. Als es Abend wurde, unterschrieb ich. Sie gaben mir den Namen "Bert" und ich sollte Stillschweigen bewahren über diese Begegnung. Aber genau das konnte ich nicht. Ich lief in die Schule zurück und berichtete dem Direktor, was geschehen war. Ich bat ihn um Hilfe. Ich wolle das nicht tun. Er jedoch wusste mir nur zu raten: "Wenn du was werden willst in diesem Land, musst du mit ihnen zusammenarbeiten." Damit war ich nicht zufrieden. Ich weiß nicht, ob ich das Wort Integrität schon kannte, aber darum ging es mir. Denn ich hatte Camus gelesen, wollte ein aufrechter Schriftsteller sein. Und ich kannte gewiss das Wort Verrat. Und ein Verräter wollte, konnte ich nicht sein.

Es wird derzeit viel darüber geredet, dass man sich dem Druck der Securitate eigentlich kaum widersetzten konnte. Wie haben Sie sich gewehrt?


Ich verbreitete unter den Schauspielern des Deutschen Staatstheaters Temeswar - ich spielte damals in einem Stück eine kleine Rolle -, dass der Geheimdienst mich anzuheuern versucht hat. Das war meine Form von Öffentlichkeit, in der ich mich dekonspiriert habe. Auch wenn die Offiziere mir gedroht hatten, ich würde das Abitur und die Aufnahmeprüfung an die Hochschule für Germanistik und Anglistik ohne die Zusammenarbeit mit ihnen nicht schaffen. Das war mir egal. Ich wollte sie loswerden.

Ist Ihnen das gelungen?
Zunächst nicht, es gab noch weitere Begegnungen mit der Securitate, da holten sie mich vor der Schule ab und brachten mich in eine konspirative Wohnung in Temeswar. Da war mir klar, was sie wissen wollten. Nichts über die Schule, sondern über den Literaturkreis "Adam Müller-Guttenbrunn" (Gruppe deutschrumänischer Autoren, der u. a. auch Herta Müller angehörte, Anm. d. Red.), in dem ich das wohl jüngste Mitglied war, auch das schwächste dadurch. Zwei Tage bevor sie mich in diese konspirative Wohnung gebracht hatten, fand eine Sitzung des Literaturkreises statt. Und ich sagte ihnen genau das, was sowieso in der Zeitung stand darüber. Sie waren unzufrieden. Ich war entsetzt. Deswegen suchte ich Hilfe bei den um fünf, sechs Jahre älteren Schriftstellern Richard Wagner und William Totok. Ich sagte, ich könne das nicht ertragen, immer wieder abgeholt zu werden, so könne ich nicht leben. Leiter des Literaturkreises war damals Nikolaus Berwanger, eine schillernde Gestalt, Politiker und Schriftsteller zugleich, ein Parteimitglied, das seine Funktionen für den Erhalt deutscher Kultur in Rumänien einsetzte. Wagner sprach daraufhin mit Berwanger, der sprach daraufhin mit dem Securitate-Chef von Temeswar und ich hatte die Plage los. Das klingt so einfach. War es aber nicht. 1979, während meines Wehrdienstes in Corbu des Jos, begegnete mir die Securitate erneut. Bevor ich zur Wache sollte, ich hatte schon die Kalaschnikow geschultert, rief mich der militärische Geheimdienst-Offizier in den Seminarraum. "Ich weiß, in Temeswar hast du meine Kollegen verraten, aber hier hast du keinen Ausweg, hier wird dir kein Berwanger helfen." Dann stand er auf, nahm die Kalaschnikow, die vor mir auf einem Tisch lag, zielte auf mich und sagte: "Das nächste Mal werde ich Patronen drin haben." Ich machte mir fast in die Hose. Und dennoch: Das beeindruckte mich nicht mehr. Ein zweites Mal kriegen die keine Unterschrift.

Im November 2008 haben Sie erstmals Ihre Securitate-Akte eingesehen können. Was stand dort?


Zu den Anwerbungsversuchen habe ich in den Unterlagen nichts gefunden. Als ich 1984 zu Verhören zitiert wurde, wegen staatsfeindlicher Tätigkeit, während derer ich auch verprügelt wurde, waren bei dem Securitate-Oberst Padurariu schon Rachegelüste zu spüren. "Du hast uns ja damals verraten, bist zu Berwanger gerannt und hast ihm gesagt, was wir von Dir wollten. Jetzt zeigen wir es Dir." Auch davon steht nichts in den Akten.

1987 sind Sie nach Westdeutschland ausgereist, etwa zur selben Zeit wie Herta Müller, Richard Wagner und William Totok.


Ja, und im Westen haben wir dann gemeinsam die "Internationalen Aktionstage Rumänien" organisiert, in denen wir auf die desaströsen Zustände in Rumänien hinwiesen - dafür erhielten wir weiterhin Morddrohungen und die Securitate bearbeitete uns weiter. Das geht aus den Akten hervor: wie sie versucht haben, uns einzuschüchtern, wie sie uns Spitzel nachgeschickt haben, um uns zu beeinflussen und in der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Ich sage nicht, dass das jeder so hätte durchmachen müssen. Aber wenn heute Menschen wie Frau Demski, um Werner Söllner zu schützen, ihn zu einem tragischen Helden machen, der sich nicht anders verhalten konnte, diskreditiert dies alle rumäniendeutschen Schriftsteller, die nicht mitgemacht haben und drangsaliert wurden. Dann geht die Verharmlosung der Securitate-Mitarbeit weiter - und eine Aufklärung wird unterbunden.