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"Das Werk. Im Bus. Ein Sturz": Kölner Schauspielhaus inszeniert Jelineks Stadtarchiv-Stück

Elfriede Jelinek mit einem Stück zum Einsturz des Stadtarchivs am Kölner Schauspiel - eine vielversprechendere Kombination ist kaum vorstellbar. Und sie enttäuschte nicht.

Mit dem Stück "Das Werk. Im Bus. Ein Sturz" von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat die neue Saison des Kölner Schauspielhauses begonnen. Die von Intendantin Karin Beier selbst inszenierte Trilogie fand vor ausverkauften Rängen statt und wurde mit viel Applaus gekrönt.

Jelinek dürfte die provozierendste deutschsprachige Dramatikerin der Gegenwart sein; dafür wurde die Wienerin mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Und auch das Kölner Schauspiel findet höchste Anerkennung: Kritiker wählten es in Umfragen zum Theater des Jahres, Intendantin Beier gilt mit ihren realistischen Inszenierungen als wegweisend. Als das Kölner Schauspiel drei Stücke von Jelinek in Beiers Regie ankündigte, waren die Erwartungen deshalb hoch gespannt. Auch wenn sie nicht ganz eingelöst wurden, wollte der Jubel nach dreieinhalb Stunden Spielzeit kein Ende nehmen.

Eigens für die Aufführung hatte Jelinek den letzten Teil "Ein Sturz", geschrieben, der vom Einsturz des Kölner Stadtarchivs handelt und nach Angaben des Schauspielhauses das katastrophale Duell Natur gegen Technik zeigen soll. "Das Werk" hingegen behandelt den Bau eines Speicherkraftwerkes in Österreich, in "Im Bus" geschieht ein Verkehrsunfall.

Die drei Stücke folgen dem Gesetz der dramatischen Steigerung: "Ein Sturz" bildete Abschluss und Höhepunkt der Trilogie. Ausstatter Johannes Schütz hatte die Bühne des Schauspielhauses in eine Baustelle verwandelt, in die Schreibtische mit Computern gestellt waren. Während ein Rechner begann, die ersten Worte des Spiels zu sprechen, trat hinten links eine Tänzerin auf, entkleidete sich bis auf ihren Slip, besprengte sich mit Wasser und hüllte sich in eine Staubschicht.

Sie stellte die Erde dar, eine allegorische Figur. Sie war völlig desorientiert auf der Baustelle, schreckte zusammen, wenn ein Telefon klingelte, und wurde schlecht behandelt. In der Mitte der Bühne war ein Bassin - dort hauste ihr Feind, das Wasser, verkörpert von einem athletischen Tänzer. In einem Pas de deux unterlag sie - und das Stadtarchiv in Köln sank in sich zusammen.

Die sorgfältig gekleideten Damen und Herren im Büro waren befremdet. Sie hatten wenig Verständnis für die Erde. Aus den Computern oder dem Telefon tönten, elektronisch verfremdet, Stimmen mit Anweisungen, was zu geschehen habe - aber es wurde nicht ausgeführt, sondern das Unheil nahm seinen Lauf.

Die Stärke von Beiers Uraufführungsinszenierung lag im Konkreten. Sie streute, ganz wie Elfriede Jelinek, Originalzitate ein, O-Töne aus Radio und Fernsehen, in denen Bürger die Katastrophe kommentierten und Politiker alle Verantwortung weit von sich wiesen. Das Publikum lachte, als es von einem Kölner Stadtoberen hörte, die Ursache für den Zusammenbruch des Stadtarchivs wären Naturgesetze.

Beier und ihr glänzend aufgelegtes Ensemble steigerten "Ein Sturz" zur Farce, das Bassin begann zu sprudeln, aus dem Schnürboden regnete es Staub, das Schauspielhaus sah aus, als stürze es gleich ebenfalls zusammen, und dann kam noch mehr Wasser. Zum Schlussbeifall mussten die Künstler in Gummistiefeln auf die Bühne waten - sie war überschwemmt.

Das Publikum geriet beim Applaus aus dem Häuschen und hatte wohl den mühsamen Anfang der Trilogie vergessen. Das Konkrete, was das Schlussstück so klar und erfolgreich machte, fehlte bei "Das Werk" - die Aufführung blieb abstrakt und blass. Oft fehlte es an Verständlichkeit, die Akustik war schwierig. Zudem trat ein großer Chor auf, der, trotz respektabler Disziplin, doch nicht immer völlig synchron sprach.

"Im Bus" war nur ein kurzes absurdes Zwischenspiel mit Clowns - insgesamt wirkte der Abend überfrachtet. Es wäre mehr als ausreichend gewesen, "Ein Sturz" zu spielen. Karin Beier und ihrem Ensemble ist es geglückt, hier die Quintessenz der Farce auf die Bühne zu bringen. Genug für einen Abend - ein Stück für Köln in Köln, närrischer als jeder Karneval.

Ulrich Fischer, DPA / DPA