Elke Heidenreichs "Weiterlesen!" Wie Coco Chanel uns fürs Lesen befreite


Am Donnerstag startet "Coco Chanel" in den Kinos. In ihrer Literaturkolumne verrät Elke Heidenreich, warum sich die Beschäftigung mit dieser großen Frau noch immer lohnt - und schwelgt in ihren eigenen Kindheitserinnerungen.

Meine Mutter war Näherin. Sie war eine schlechte Näherin, Kleider waren ihr zu kompliziert, sie konnte am besten "geradeaus" nähen, lange Nähte. Und so nähte sie denn für das ganze Ruhrgebiet in den 50er Jahren die Kino- und Theatervorhänge. Da geht es lange geradeaus, und immer in rotem Samt. Und immer fiel was ab, daraus kriegte ich ein Mützchen, ein Krägelchen, einen Rocksaum, Stulpen am Mantel. Ich war das Mädchen mit dem roten Samt, ich sah immer aus wie eine Mischung aus Rotkäppchen, Dornröschen und der Prinzessin auf der Erbse, und meine arme Mutter nähte und nähte und wurde leider nie so berühmt wie Coco Chanel. Aber den Geschmack und den Stil hätte sie gehabt.

Daran denke ich, weil ich gerade das wunderbare Buch von und über Coco Chanel lese, das Paul Morand aufgezeichnet hat und das es im Verlag SchirmerGraf gibt: "Die Kunst, Chanel zu sein". Coco Chanel hat auf das, was "man" sagt, gepfiffen. Sie hat sich die Haare kurz geschnitten, das Korsett weggeschmissen, die Röcke gekürzt, Modeschmuck eingeführt, Liebhaber gehabt und abgelegt, sie hat das größte Glück in ihrer Arbeit gefunden und den herrlichen Satz gesagt: "Mir ging es nicht darum, zu schaffen, was mir gefiel, sondern erst mal darum, zu beseitigen, was mir nicht gefiel." Das sollten wir uns merken. Raus mit dem Plunder aus unserem Leben, aus den Schränken, Herzen, Köpfen! Rein mit Luft und Lust und Liebe, mit schönen Büchern, guter Musik, und pfeifen auf das, was so rundum gesagt wird.

Wir haben Coco Chanel auch die Idee zu verdanken, unser Handtäschchen nicht mehr festhalten zu müssen, sondern es an einem Riemen über der Schulter zu tragen, damit wir die Hände frei haben für gute Bücher oder sonst was. Schnappen Sie sich das Buch über Coco Chanel, es ist herrlich respektlos. "Wenn ich sehe", sagt sie, "was für ein Handicap eine glückliche Kindheit sein kann, dann bedaure ich es nicht, in frühester Jugend zutiefst unglücklich gewesen zu sein. Man muss schon sehr viel Charakter besitzen, um einer guten Erziehung standzuhalten." Und sie legt noch eins drauf: "Was Kinder so verzärtelt, verblödet und lebensuntüchtig macht, sind die Küsse, die Liebkosungen, die Lehrer und die Vitamine." Das liest sich doch wie frischer Sommerwind!

Coco Chanel wurde fast 90 und freute sich darauf, die Engel im Himmel neu einzukleiden. Die fliegen jetzt bestimmt nicht mehr in Wallewalle herum, sondern im kleinen Weißen, das Täschchen über der Schulter, die Hände frei, ein Schutzengel muss schließlich jederzeit eingreifen können.

Ich denke schon den ganzen Tag nach über Chanels Satz: "Jede Frau muss einmal in ihrem Leben einen Rumänen gehabt haben." Wo kriege ich denn jetzt so schnell einen Rumänen her? Vielleicht tut's ja auch ein Flame, denn dieser Dimitri Verhulst interessiert mich, der Bücher schreibt mit Titeln wie "Die Beschissenheit der Dinge" und als Beruf angibt: Pizzabote, Fremdenführer, Animateur auf Mallorca und Taubenmistabkratzer auf Kirchen. Jetzt hat er einen Literaturpreis gekriegt für "Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten". Erscheint bei uns erst nächstes Jahr. Wir freuen uns schon mal.


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