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Felicitas Hoppe gewinnt Georg-Büchner-Preis: Sie macht sich die Welt, widdewidde, wie sie ihr gefällt

Mit "Hoppe" hat sich die neue Büchnerpreisträgerin Felicitas Hoppe ihre Wunschbiografie geschrieben. Ein literarisches Vergnügen der Extraklasse, zwischen kanadischem Eishockey und australischen Wüstenabenteuern.

Man kann auf Reisen gehen mit diesem Buch, hinauf ins eiskalte Kanada, übers Meer bis hinunter in die Wüste Australiens, und vor allem zum riesigen Kontinent der Wünsche, Träume und Obsessionen. Zu dem Ort, der auf keiner Landkarte eingezeichnet ist, aber unser Leben bestimmt wie nichts anderes.

Mit landläufigem Realismus hatte die Erzählerin und Büchnerpreisträgerin 2012, Felicitas Hoppe, noch nie etwas am Hut. In "Pigafetta" (1999) ging die Traumreise im Containerschiff gleich um die ganze Welt, mit "Johanna" (2006) erlebten wir eine wundersam vertrackte Annäherung an die Jungfrau von Orléans, "Iwein Löwenritter" (2008) erzählte alte Abenteuer ganz neu.

Die 1960 in Hameln geborene Autorin legt mit "Hoppe" eine Summe ihres Werkes vor, eine wild ausufernde Traumbiografie, in der die losen Enden vieler ihrer Bücher zusammenfinden. Und etliche erfundene kommen noch dazu. Ganz ähnlich wie in der Sage vom Rattenfänger flötet Hoppe uns eine Melodie vor, der wir kaum widerstehen können. So lassen wir uns als Leser gebannt in den Berg führen und kommen am anderen Ende der Welt wieder heraus.

Hoppe baut sich verschrobenen Privatkosmos

Zum Beispiel im kanadischen Brantford, in der Provinz Ontario, wo die Protagonistin angeblich ihre Kindheit verbracht hat, in der vielköpfigen Familie des späteren Eishockeystars Wayne Gretzky. Die sechsjährige Felicitas ist verliebt in den gleichaltrigen Wayne, aber weil sie auf dem Eis immer wieder ausrutscht, wird sie nur "Fly" genannt. Ihr "Ersatzvater" Karl reist währenddessen als Patentagent durch die Lande, und liefert auch gleich das Motto für diese Wunschbiografie: "Nimm nie in die Hand, was du nicht selbst erfunden hast."

Ihre Pubertät verbringt sie im südaustralischen Adelaide, und entdeckt ihre musikalische Ader. Auf der Schiffsreise dorthin nervt die neunmalkluge 14-Jährige die Mannschaft mit ihren Geschichten. Kurz vor der Ankunft hält die Göre noch eine flammende Rede, so emphatisch wie ihre Schutzheilige Johanna, und stellt die entscheidende Frage: "Wie kommt es, dass sich nichts in der Ferne verliert, sondern alles für immer hängenbleibt?"

Felicitas Hoppe entwirft sich ihren mitunter sehr verschrobenen Privatkosmos und greift die Einwände gegen ihr mäanderndes Erzählen gleich selbst mit auf. Kritiker kommen zu Wort, im schönsten Germanistendeutsch wird doziert und gefachsimpelt, seitenlang wird aus Briefen zitiert.

Dies alles klingt furchtbar kompliziert, aber Hoppes Selbsterkundungen lesen sich leicht, sind höchst unterhaltsam und kurzweilig. Im Grunde macht die Autorin in "Hoppe" nicht viel Aufhebens um sich. Es hätte auch alles ganz anders kommen können. Mit leichter Hand schreitet die zur Dichterin heranwachsende Traumreisende ihre Welt ab. Dabei benötigt sie nach eigener Aussage nur drei Dinge: "Taktstock, Schläger, Lippenstift".

Johannes von der Gathen, DPA / DPA