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Frankfurter Buchmesse: Die Russen kommen

Sie verschlingen so ziemlich alles, was sich vor ihnen auf tut: Krimis, Liebesromane, Experimentelles... ein Besuch im literaturverrückten Gastland der Frankfurter Buchmesse.

Von Stephan Draf und Sergey Maximishin (Fotos)

So sieht die russische Schriftstellerin des Jahres aus? Darja Donzowa ist deutlich unter einssechzig, und wenn sie sich in eine Waagschale setzen würde und ihre beiden Mopshunde in die andere, ginge die mit den Hunden runter wie der Blitz. Allerdings bräuchte man nur ihre 47 bisher veröffentlichten Krimis in Donzowas Schale zu werfen, und die Autorin wäre wieder, was sie ist: das Superschwergewicht im russischen Literaturbetrieb. 15 Millionen Russen haben ihre Bücher gekauft, in Buchläden füllen sie ganze Regale, die Einbände sind signalfarben, und als Titelmotiv sieht man mitunter eine Dame, die eine Leiche durchsägt.

Passt also gar nicht zu der fürsorglichen Frau, die nach russischer Art den Tisch mit Wurst-, Käse-, Brotplatten voll stellt. Die Antwort auf die erste Frage schon eher: "Sie schreiben ein Buch pro Monat. Bezahlen Sie Ghostwriter?" Da wächst Frau Donzowa aber rasant auf einsneunzig, stürmt mit den hechelnden Möpsen aus dem Zimmer und ist Sekunden später wieder da, eine Kladde in Händen: "Sehen Sie", sagt sie atemlos, "ein Buch. Meine Handschrift. Geschrieben von sechs bis neun. 20 Seiten jeden Morgen, macht 600 Seiten im Monat. Der Ghostwriter bin ich, verstehen Sie?"

Wie kann man so viel schreiben, so diszipliniert? Die Autorin erzählt eine Geschichte, die von ihr und einer Deutschen handelt. Donzowa ist in einer Kommunalwohnung aufgewachsen, "ein Klo und eine Küche für zwanzig Familien", und in dieser Wohnung lebte eben auch Rosa Müller. Deutsche Kommunistin, vor Hitler zu Stalin geflohen - "sie wurde meine zweite Mutter, und als sie starb, haben wir sie ins Grab meiner Großmutter gelegt". Deshalb kann Darja Donzowa noch mit 51 Jahren Fontane rezitieren und hat von Rosa das Motto "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen" gelernt. "Glauben Sie, es war meine Idee, jeden Morgen um sechs aufzustehen? Hat mir Rosa beigebracht. Und ihr Pünktlichkeitswahn! Zu jeder Verabredung erscheine ich pünktlich, das ist einfach lächerlich, in Russland kommt jeder eine halbe Stunde später."

Vielleicht lesen Russen in dieser halben Stunde. Das wäre nicht überraschend, schon immer hatte die Literatur in diesem Land von allen Künsten die lauteste Stimme. Bis vor zehn Jahren sah man in der Moskauer U-Bahn die Menschen mit den staatlich geförderten Einheitsausgaben der Klassiker sitzen, jetzt bevorzugen 90 Prozent der Russen Unterhaltungsliteratur. Jetzt lesen sie die Krimis von Darja Donzowa, Lektüre, die es vor der Perestrojka kaum gab - eben weil es keine Kriminalität gab. Offiziell. Aber jetzt beliefern Autoren ein Massenpublikum: "Ich schreibe für Frauen", sagt Donzowa, "die nach der Arbeit in eine viel zu kleine Wohnung kommen und dann den Haushalt machen sollen. Weil der Mann sie verlassen hat oder säuft, was dasselbe ist. Für diese Frauen schreibe ich Märchen."

Wie ihre Heldin, eine Moskauer Miss Marple, lebt sie zusammen mit einer Großfamilie: "Mein Mann und ich. Mein Sohn und seine Frau. Meine Tochter. Manchmal die erste Frau meines Mannes. Deren neuer Mann. Und dann noch... auf jeden Fall ist mir schon oft die eigene Haustür geöffnet worden von Fremden, die mich entgeistert fragten, wer ich sei."

Es ist die fröhliche Güte der Autorin, die sich in ihrer Heldin spiegelt - und ihre Bücher zu Kassenschlagern werden lässt. Donzowa betrachtet die russische Oberschicht aus der Distanz des Mittelstandes und knetet eine gewaltige Portion Sarkasmus hinein. So bedient sie zwei Sehnsüchte ihres Publikums: die nach etwas Luxus und das Verlangen, den Neureichen in die fette Suppe zu spucken.

"Donzowa steht für Schund", sagt Vladimir Sorokin leise und legt sich entspannt zurück ins exquisit spartanische Sofa in einem exquisit spartanischen Wohnzimmer. Sorokin muss so etwas sagen, er ist kein Massenschriftsteller, dafür aber Feuilleton-Liebling, gerade auch im Westen - spätestens seit im Sommer 2002 die "Putin-Jugend" Sorokins Bücher auf dem Roten Platz in eine riesige Kloschüssel warf und eine Anzeige wegen Pornografie hinterherschickte. Und auch wenn das Verfahren nie eröffnet wurde, bedient Sorokin das dem Westen lieb gewordene Dissidenten-Image. Dabei sagt selbst er heute, "dass Putin sich entschieden hat, die Schriftsteller schreiben zu lassen".

Sorokin verfolgt, typisch russisch, sein Thema bis zum Exzess: Man zertrümmere in Büchern erst einmal alles, was einem schön und gut erscheint. Dahinter dann, als Fallout, liegen ewige Weisheiten. Dementsprechend sind Sorokins Bücher schwer verdaulich: Im Roman "Ljod. Das Eis" klopft eine Sekte die Brustkörbe von Leichen auf, "um die Herzen wieder zueinander zu führen. Ich wollte zeigen, wie mechanisiert unsere Handlungen sind - das Essen, die Arbeit, selbst der Orgasmus".

Sorokin fallen ständig grundsätzliche Dinge ein, etwa dass "Literatur ein Symptom dafür ist, dass sich die Völker nicht verstehen. Bücher mindern diese Verständnislosigkeit". Und wenn man den 48-Jährigen fragt, warum in seinem Roman "Der himmelblaue Speck" so viel Chinesisch gesprochen wird, antwortet er, dass der Westen am Ende sei, "eingeschlafene Gesellschaften", und dass eine "Auffrischung des Blutes" nur aus Asien zu erwarten sei. Sorokin ist wie seine Bücher - massiv beunruhigend.

Das gilt auch für die Lage der meisten russischen Verlage: Die staatlichen Subventionen sind gegen null zurückgefahren, die Moskauer Buchmesse findet Zuflucht in einer einzigen Halle auf dem ansonsten stalinistisch-gigantischen Messegelände - in Frankfurt passte auf so wenig Platz gerade mal das Pressezentrum. Dafür ist in Moskau die Schlange am Eingang einen halben Kilometer lang. Die Vertriebssituation ist verheerend, Neuerscheinungen sind außerhalb von Moskau und St. Petersburg kaum zu kriegen.

Auch wer sich auf den Weg zum Petersburger Verlag Limbus Press macht, dem springt der Geldmangel ins Auge. Ein großes, verfallenes Gebäude mit lichtlosem Treppenhaus, im Innern sieht es aus wie in einer schlecht finanzierten Asta-Zweigstelle. Die Angestellten quetschen sich in Büros von Speisekammergröße. Verlagsleiter und Kritikerpapst Wiktor Toporow bringt gleich das Gespräch auf die Frankfurter Buchmesse und dass die dort hoffentlich erhandelten Lizenzgebühren "unser Weiterleben möglich machen. Ein Verlagsprofil können wir uns in Russland nicht leisten. Wir verlegen, was entweder gut ist - oder sich gut verkauft".

Und so kann man auf der Buchmessen-Party von Limbus Press auch den Führer der Nationalbolschewistischen Partei, Edward Limonow, treffen und seinen Tiraden vom großen Russland lauschen - auf die Idee käme hier keiner, einen so anständig verkaufenden Autor aus dem Programm zu werfen, nur weil er politisch nicht auf Linie ist. Ähnlich wie in Deutschland gibt es nur eine Hand voll Schriftsteller, die vom Schreiben leben können. "Ich halte Vorlesungen in einem Institut für Wirtschaftswissenschaften", berichtet der Petersburger Autor Sergej Korowin, "für 45 Minuten Vorlesung bekomme ich knapp 40 Rubel." Also etwa einen Euro.

Solche Sorgen wird Irina Denezkina wohl nie mehr haben. Sie ist der Shootingstar der russischen Buchszene, seit im vergangenen Jahr ihr Erzählband "Komm" erschien. In ihren Geschichten schreibt die 21-Jährige aus Jekaterinenburg vom Alltag junger Russen in den Großstädten, den man gar nicht Alltag nennen möchte, weil er so hart, so böse, so grausam ist. Zahllos die Gewalt- und Alkoholexzesse, und so ruhig beschrieben, dass man gleich weiß: So ist es wirklich. Da spricht ein junger Tschetschenien-Heimkehrer: "'Ohne Krieg kriegst du das Härteste nicht mit, dass deine Nerven sich zur Faust ballen,' sagte er, 'dass das Blut nicht aus einem Kratzer tropft, sondern strömt aus Wunden mit zerfetztem Fleisch.' Und die Augen sind klar, dachte ich. Eisen, Rauch, Flüche und immer noch klare Augen. Deine."

Diese letzten Zeilen sind die Lichtblicke in Denezkinas Erzählungen, und, kein Zweifel, da kann eine schreiben. Kein Zweifel weiterhin, über ihr Schreiben kann sie kaum reden. Ja, natürlich habe sie alles selbst erlebt, und natürlich sei das Mädel aus dem Buch, das sich prinzipiell nur mit Westmännern verabredet, ihre beste Freundin, aber sonst: "Das spricht doch alles für sich." Der Erfolg? Ach, so viel habe sie davon nicht bemerkt, nur die Mama lässt sie nicht mehr Geschirr spülen. Und so bleibt nur, sie zu beobachten: wie sie bei der Signierstunde auf der Buchmesse, von Kameras umlagert, in jedes hingehaltene Buch kopulierende Tiere malt, Elefanten, Känguruhs, Krokodile.

Wie sie sich fast besinnungslos freut, als unerwartet eine Freundin auftaucht, an der sie sich die nächsten Stunden festhält. Wenn man sie nach dem Erfolg des Englischkurses befragt, den sie gerade in London absolviert hat, hält sie als Antwort einen Zettel hin. Darauf steht in sieben Sprachen: "Lutsch meinen Schwanz." Irina Denezkina steckt den Zettel weg und lächelt sehr abgründig. Ist sie das neue Russland?

Sicher ist: Ohne Zensur sind derart schonungslose Bücher möglich. Und werden verschlungen, weil jeder in Russland wie süchtig liest. So kann man am Rand der Messe auch sehr reiche, sehr mächtige Menschen treffen, Andrej Sokolow zum Beispiel, einen der Vizepräsidenten der Alfa-Bank, Russlands größter Privatbank. Hat er schon mal Sorokin gelesen? "Selbstverständlich, ich kenne fast alles von ihm." Er stört sich nicht an den Monstrositäten? "Ich bitte Sie, Literatur darf alles. Soll alles. Ich bin stolz auf so einen Schriftsteller."

Schon von Irina Denezkina gehört? "Sehr kraftvoll. Ich hoffe, Sie findet neue Themen und verbiegt sich nicht. Unsere Jugend schreibt - und wird gelesen, ein Glück." Und Darja Donzowa? Gequält verzieht der Topmanager das Gesicht: "Gelesen habe ich nichts von ihr. Aber ich sitze im Aufsichtsrat eines Fernsehsenders und habe verfügt, dass all ihre Bücher verfilmt werden." Wie, nicht gelesen, aber verfilmen? Da grinst er: "Quoten", sagt er, "Quoten."

Mitarbeit: Galina Klimowa

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