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Hannibal Lecter: Es ist angerichtet

Mit der Figur des Hannibal Lecter aus "Das Schweigen der Lämmer" hat Thomas Harris eine Ikone des Bösen geschaffen. Jetzt präsentiert uns der Autor die Jugend seines essgestörten Killers Lecter - und einen Volkshochschulkurs in Psychoanalyse.

Von Andrea Ritter

Warum ist ein Mensch böse? Im 19. Jahrhundert wäre die Antwort darauf noch ziemlich einfach gewesen: weil er so geboren wurde. Die Theorie vom "geborenen Verbrecher", dem das Böse körperlich anzusehen sei, stand damals, wenn auch nicht unwidersprochen, hoch im Kurs. Dann ging man dazu über, den Ursprung des Bösen in der Sozialisation zu suchen. Und weil spätestens seit Freud davon ausgegangen wird, dass das Aufwachsen die Psyche prägt, zeigt sich das Böse nicht mehr an einem deformierten Körper, sondern an einer deformierten Seele. Je kranker das Verbrechen, desto kranker die Psyche.

Mit Hannibal Lecter hat der amerikanische Autor Thomas Harris eine Ikone des Bösen geschaffen, die dieser Regel entspricht - und sich ihr zugleich immer wieder entzieht. Drei Romane kreisen um den Serienmörder: "Roter Drache" (1981), "Das Schweigen der Lämmer" (1988) und "Hannibal" (1999). Die Bücher wurden Bestseller, die Verfilmungen erfolgreich. Ein Kannibale, zuvor nur im Splatter-Genre zu Hause, traf plötzlich den Geschmack der Massen. Auch, weil Anthony Hopkins ihn im Zusammenspiel mit Jodie Foster so genial verkörperte. Aber nicht nur.

Warum ist Hannibal Lecter böse? Das Großartige war, dass Thomas Harris diese Frage nie beantwortet hat. Sein Monster war übermenschlich, überkultiviert, übergebildet. Ein Killer mit messerscharfem Verstand. Einer, der die Gedanken seiner Opfer genauso seziert wie deren Gedärme. Ein Schachspieler, kein sexuell gestörter Lustmörder, kein irre kichernder Psychopath. Kranke Seele? Konnte man höchstens vermuten. Man ahnte: Es gibt einen Grund für seine Taten - Harris hat ihn immer wieder angedeutet. Aber den Rest unserer Fantasie überlassen. Hannibal hätte stets beides sein können: grundlos böse, von Geburt an. Oder durch etwas unvorstellbar Schlimmes dazu geworden. Auch deshalb war er so faszinierend.

Damit ist jetzt Schluss. "Killers are made, not born" - so kündigt Harris im Internet seinen neuen Roman "Hannibal Rising" an. Und macht klar, wohin die Reise geht: in die Kindheit des Killers, durch die dunkle Seele, zum Ursprung des Bösen. Ein Drehbuch hat er gleich mitgeliefert. Der Film kommt im Februar ins Kino. Also: ab in Dr. Lecters Kindheit. Aber, ohne zu viel zu verraten, eines gleich vorweg: Die Mutter ist nicht schuld an der späteren Karriere des Menschenfressers. So platt wird Harris nicht.

Der Roman liest sich wie ein Paradefall der klassischen Psychoanalyse, gemischt mit europäischem Gothic. Denn dort, in der Alten Welt, wurde der Böse geboren, das wussten wir schon. Hannibal kommt aus Litauen, was für Amerikaner gewiss ziemlich nach Transsilvanien klingt. Außerdem ist er Sohn eines Grafen auf Burg Lecter. Hannibal, schon als Kind hyperintelligent und vom Erkenntnisdrang getrieben - Doktor Faust lässt grüßen -, hat eine Schwester, Mischa, die er über alles liebt. Das Grauen kommt dann mit dem Zweiten Weltkrieg. Es trägt Nazi-Abzeichen, doch deutsch ist es nicht. Noch ein Klischee, das Harris umgeht.

Und der Rest? Tja. Wie schon bei der hübschen Ermittlerin Clarice Starling gibt es auch in Hannibals Jugend eine begehrenswerte Lady. Die ist Japanerin und bekommt ihr Trauma - Hiroshima - mit Haiku-Versen in den Griff. Der faustisch getriebene Hannibal hingegen will wissen, was ihn im Innersten zusammenhält. Er weiß: Etwas stimmt nicht mit ihm. Aber was? Die verdrängte Kindheitserinnerung muss ausgegraben werden. So schließt er einen Pakt: mit dem Teufel, den er selbst aus sich macht, mit der Hölle, die er in sich trägt - sein Magen, in den die Opfer hinabsteigen müssen, Stück für Stück.

Alles ganz schön gruselig, klar. Aber indem Harris uns die unschuldigen Kinderaugen des späteren Monsters zeigt, zerstört er dessen Faszination. Böse Nazis, gutes Kind - Hannibals Motiv wird greifbar. Rache. Der Roman bezieht seine Spannung letztlich aus demselben Prinzip wie Günther Jauchs Quiz-Sendung: Spaß am Mitraten. Den Rahmen des Puzzles hatten wir schon, den Rest kann man jetzt zusammensetzen. Eine Frage lässt Harris aber offen. Der Leser ahnt, dass es für den konsequenten Kannibalen eigentlich nur ein Finale geben kann: Selbstverkostung. Aber man weiß es nicht. Man weiß nur, dass Harris einen Vertrag über noch ein weiteres Buch abgeschlossen hat.

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