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Hergé: Der Papa von Tim und Struppi wird 100

Als der Zeichner Hergé 1929 seinen ersten "Tim und Struppi"-Band zeichnete, konnte er den Welterfolg nicht vorausahnen. Jetzt wird der Zeichner 100 - und gilt in der Comic-Szene längst als Vaterfigur.

Als der belgische Comic-Künstler Hergé im März 1983 starb, glaubte selbst seine Witwe Fanny an das Ende des außergewöhnlichen Erfolgs von "Tim und Struppi". Doch sie irrte: Die Abenteuer des mutigen Reporter-Detektivs und seines schneeweißen Hundes finden immer neue Fans. Gut drei Millionen Bände gehen jedes Jahr über die Ladentheke, übersetzt in 70 Sprachen. Hergés klarer Malstil - die "Ligne clair" - hat Maßstäbe gesetzt für Generationen von Comic-Zeichnern. Am 22. Mai feiert die Comic-Welt Georges Rémi, der sich als Künstlernamen seine umgedrehten Initialen "RG" gab - ausgesprochen auf Französisch. Der gebürtige Brüsseler wäre an diesem Tag 100 Jahre alt geworden.

Nach einem Bericht des Filmblatts "The Hollywood Reporter" wollen Steven Spielberg und "Herr der Ringe"-Regisseur Peter Jackson demnächst zusammen drei Folgen der Comic-Serie auf die Leinwand bringen. Spielberg, ein erklärter "Tim und Struppi"-Fan, hatte sich schon vor dem Tod des belgische Comic-Künstlers Hergé im Jahr 1983 die Filmrechte gesichert. Mit Jacksons und seinen Spezialeffekte- Team an Bord soll das seit langem brach liegende Projekt nun mit digitaler Computertechnologie realisiert werden.

Mehr als 120 Millionen verkaufte Bände

Ob jung oder alt: Comic-Fans in aller Welt lieben den immerjungen Tim mit der kecken Haartolle - "Tintin" im französischen Original -, seinen neunmalklugen Foxterrier Struppi ("Milou"), die legendären Schimpftiraden von Kapitän Haddock ("Hunderttausend Höllenhunde!"), den zerstreuten Professor Bienlein oder die tollpatschigen Polizisten Schulze und Schultze. Mehr als 120 Millionen Bände wurden bislang verkauft, übersetzt in gut 70 Sprachen.

Sogar Hollywood interessiert sich für "Tim und Struppi": Star-Regisseur Steven Spielberg werde eine ganze Serie von "Tintin"-Filmen drehen, gaben Hergés Nachlassverwalter jüngst bekannt. Bis 2010 solle der erste Film anlaufen - vermutlich das "Reiseziel Mond". Ob als Zeichentrickfilm oder als klassische Verfilmung, sei aber noch nicht bekannt.

Der Leser kann sich mit Tim identifizieren

Hergé-Experte und Buchautor Michael Farr führt die zeitlose Beliebtheit des rasenden Reporters auf die simple und damit unverwechselbare Weise zurück, in der Hergé Tim zeichnete, und auf die vielschichtigen, humorvollen Geschichten. Kinder fänden die Abenteuer spannend, Erwachsene die politische Satire oder die Wortspiele, sagt "Tintinologe" Farr. "Egal woher er kommt oder welche Sprache er spricht, der Leser kann sich mit Tim sehr gut identifizieren." Der Comic-Reporter bleibe vage, im Gegensatz zu den anderen Figuren wie Kapitän Haddock. Man wisse nicht viel von ihm, etwa über seine Familie, eine Freundin oder sein genaues Alter.

"Tim, das bin ich selbst", hat Tims Schöpfer einmal gesagt. "Hergé wäre gerne selbst Journalist geworden, er war fasziniert von Nachrichten", erklärt Farr. Wie besessen habe er Zeitungsartikel gesammelt und anhand des Weltgeschehens seine Geschichten geschrieben. Von der Invasion Chinas in "Der Blaue Lotos" (1936) bis hin zu Tims Flug zum Mond ("Reiseziel Mond") im Jahr 1953 - gut anderthalb Jahrzehnte vor der Landung der Amerikaner: "Die Bände sind ein Spiegel des 20. Jahrhunderts, was auch für den reiferen Leser interessant ist."

Hergés Werke im Centre Pompidou

Es waren auch die Geschichten von "Tim und Struppi", die Comics als Kunstform etablierten. Hergés Fangemeinde zählt Bewunderer von Andy Warhol bis zum Dalai Lama, der den Künstler im vergangenen Jahr für "Tim in Tibet" ehrte. Pünktlich zum 100. Geburtstag nun scheint der Maler auch in der etablierten Kunstwelt angekommen zu sein. Die laufende Ausstellung im Centre Pompidou mit Werken Hergés sei die erfolgreichste in der Geschichte des Pariser Museums, berichtet Farr. Jetzt habe die Museumsleitung entschieden, einige Stücke in die Dauerausstellung aufzunehmen. "Hergé gilt in der Comic-Welt seit langem als Vaterfigur, wenn er jetzt als moderner Künstler anerkannt wird, ist das sehr wichtig."

Am 10. Januar 1929 tauchte "Tintin" erstmals im "Kleinen Zwanzigsten" auf, der Jugendbeilage der Brüsseler Zeitung "Le Vingtième Siècle" (Das 20. Jahrhundert). Seine ersten Abenteuer führten Tim ins "Land der Sowjets" und in die damalige belgische Kolonie Kongo. Beide Bildgeschichten starrten dem damaligen Zeitgeist entsprechend derart vor antikommunistischen und rassistischen Vorurteilen, dass Hergé sie später als "Jugendsünden" verwarf und zum Teil überarbeitete. Doch umso ausgeprägter wurde später Hergés Besessenheit für Wahrhaftigkeit und genaue Recherche.

"Er war ein Perfektionist", erinnert sich Farr, der als Korrespondent den Künstler Ende der Siebziger traf. Damals wurde die Wissbegier seines Gegenübers dem britischen Jung-Journalisten allerdings zum Verhängnis: Beim dreistündigen Mittagessen im Brüsseler Nobelrestaurant "Comme chez soi" habe Hergé, statt sich interviewen zu lassen, sein Gegenüber mit Fragen zu Pink Floyd, den Beatles und Kunst gelöchert. "Hergé war ein bezaubernder Mensch, der vor Humor sprühte - aber er sprach eben nicht gern über sich selbst."

Dorothée Junkers/DPA