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Ian McEwan: Plagiatsvorwurf erschüttert die Literaturszene

Die englische Autorengemeinde ist in Aufruhr. Ian McEwan, einer ihrer besten Romanciers, wird beschuldigt, abgeschrieben zu haben. Zahlreiche Autoren haben sich nun zu Wort gemeldet - und verteidigen ihren Kollegen vehement.

Von Cornelia Fuchs, London

Dem mehrfach ausgezeichneten englischen Autor Ian McEwan wird vorgeworfen für seinen Roman "Abbitte" Passagen aus der Autobiografie der Autorin Lucilla Andrews verwendet zu haben. Andrews beschreibt in dem Buch "No Time for Romance - Keine Zeit für Zärtlichkeit" ihre Zeit als Krankenschwester im Zweiten Weltkrieg. Vanessa Holt, die Agentin der bereits verstorbenen Autorin Lucilla Andrews hatte die Vorwürfe kürzlich an die Öffentlichkeit gebracht, mit der Begründung, Andrews hätte sich dagegen wehren wollen, wäre aber dann verstorben.

McEwans soll sich von den Plagiatsvorwürfen "schwer angegriffen" fühlen. Er habe nie verschwiegen, dass ihm das Buch von Andrews geholfen habe, die Behandlung von Verwundeten, die Baderituale und das Erste-Hilfe-Training der Krankenschwestern mit Hilfe von drei lebensgroßen Puppen zu beschreiben. Er habe Andrews Buch als Quelle immer wieder erwähnt, sagt McEwan, und sie ebenfalls als Inspiration in Radio-Interviews und auf Literatur-Festivals erwähnt.

Erst in diesem Jahr wehrte sich der Bestseller-Autor Dan Brown vor Gericht erfolgreich gegen die Vorwürfe eines französischen Schriftstellers, er habe wichtige Teile seines Buches "Sakrileg" von ihm abgeschrieben.

Selbst Pynchon meldet sich zu Wort

In McEwans Fall sieht sich nun die ganze Autorengemeinde unter Beschuss. So sehr hat der Fall die Gemüter erregt, dass sogar Thomas Pynchon, der geheimnisvollste Autor Amerikas, sich genötigt sah, einen mit Schreibmaschine getippten Brief über seinen Agenten an die Weltöffentlichkeit zu geben. Es ist seit Jahren das erste Lebenszeichen des Autors, von dem seit seiner Jugend kein offizielles Bild veröffentlicht wurde. Niemand, so auch die Meinung Pynchons, könne einen historischen Roman schreiben ohne zu diesem Zweck Erinnerungen, Beschreibungen und Details aus Autobiografien oder Tagebüchern der Zeitgenossen zu verwenden. Diese Praxis sei nicht zu verurteilen, solange die Quellen erwähnt werden.

McEwans Lektor Dan Franklin hat nun zur Unterstützung Ian McEwans die Reaktionen bekannter Autoren veröffentlicht. Sie wurden zum Teil in der englischen Zeitung "The Daily Telegraph" abgedruckt.

Thomas Pynchon

Diese ganze Geschichte könnte sich natürlich angesichts des britischen Genius für verschlüsselte Äußerungen in Wirklichkeit um etwas ganz anderes drehen - unmöglich, dies von meiner Seite des Ozeans in seiner ganzen nuancierten Form zu verstehen. Aber nehmen wir an, dass es hier wirklich darum geht, wer das Recht hat, Hautflechte mit dem Wort Enzian-Lila zu beschreiben. Dann, um Himmels Willen, erlauben Sie mir einen vorsichtigen Hinweis. Es ist seltsam genug, aber die meisten von uns, die historische Romane schreiben, fühlen sich einer gewissen Genauigkeit verpflichtet. Es ist, wie schon Ruskin sagte, "die Fähigkeit die Ansprüche der reinen Fakten zu verstehen, aber von ihnen nicht unterdrückt zu werden."

Solange wir nicht selber dabei waren, müssen wir uns Menschen zuwenden, die genau dies konnten, oder Briefen, Reportagen, Enzyklopädien, dem Internet, bis wir, mit Glück, an irgendeinem Punkt anfangen können, eigene Dinge zu erfinden. Auf diesem Wege der Recherche ein interessantes Detail zu finden, bei dem wir erkennen, das es in eine Geschichte zu deren Vorteil eingearbeitet werden kann, wird wohl kaum als strafbare Handlung gewertet werden können - es ist einfach die Art, wie wir arbeiten. Im schlimmsten Fall könnte man es als eine Art Primatenverhalten ansehen. Autoren werden, wie die Schimpansen, ganz natürlich angezogen von der Farbe und Musik des englischen Idioms, das wir glücklicherweise geerbt haben.

Wenn wir die Wahl haben, werden wir normalerweise versuchen, dessen lebhaftere und klangvollere Worte zu benutzen. Natürlich kann ich nicht für die Arbeitsweise von Herrn McEwan sprechen, aber ich wäre sehr überrascht, wenn solches nicht auch während seiner Recherche für "Abbitte" geschehen wäre. Enzian-Lila - also bitte. Wer von uns hätte dem widerstehen können?

Erinnerungen an den Blitz haben unersetzbar Zeugnis gegeben und geholfen, späteren Generationen diese Trägodie und seine Helden verständlich werden zu lassen. Dass Mr. McEwan eines dieser Zeugnisse in seinem schöpferischen Prozess nutzte, dies öffentlich und offen mitteilte und es dann klar und ehrenhaft erklärte, verdient sicher nicht unsere Kritik, sondern unsere Dankbarkeit.

Zadie Smith

Ich sehe hier zwei verschiedene Diskussions-Stränge. Der erste ist ästhetisch und philosophisch und behandelt die Frage der Originalität. TS Eliots Essay "Tradition und das individuelle Talent" hat bereits ausgeführt, dass Autoren nicht nur auf die Vergangenheit angewiesen sind, sondern sie auch kannibalisieren müssen. Sein Roman "The Wasteland" ist das perfekte Beispiel für die radikale Veränderung der Worte anderer Menschen. Nun ist jeder herzlich eingeladen, über den Wert dieser Form des "Stehlens" zu diskutieren. Aber diese Sache mit Ian hat absolut nichts mit dieser Diskussion zu tun, oder mit Plagariat oder irgendetwas ähnlichen. Es ist ganz einfach Fakten-Recherche, medizinische Details, historische Genauigkeit, deren Quelle erwähnt wurde. Die Idee, eine solche Recherche könne die imaginative und kreative Originalität eines Buches wie "Abbitte" entwerten, ist wirklich bizarr.

Margaret Atwood

Plagiat heißt, dass jemand einen großen Teil des Textes oder eine einzigartige Idee eines anderen benutzt, ohne dies zu erwähnen. Es ist dumm, um nicht zu sagen verletzend und falsch, dies Ian McEwan zuzuschreiben. Alle Autoren recherchieren. Das tun wir, um Anachronismen und Falschinformationen zu vermeiden. Ich versuche, alle meine Fakten zu verifizieren. Wenn diese Fakten allgemein zugänglich sind, ist ihre Verwendung kein Plagiat.

Kazuo Ishiguro

Ian McEwan soll des Plagariats schuldig sein? Aufgrund dieser Passagen? In diesem Fall wären mindestens vier meiner Bücher ebenfalls dem Plagariats-Vorwurf ausgesetzt. Und fast jeder anderer Roman seit Tolstois "Krieg und Frieden", der auch nur von einer sehr oberflächlichen historischen Recherche profitiert hat. Wir sollten bedenken: Lucilla Andrews Buch ist kein Roman, sondern ein Tatsachenbericht eines historischen Moments. Dass McEwan diese Passagen als Quelle benutzt hat, ist ein völlig normales Vorgehen. So werden historische Quellen in Romane verwandelt. Er hat Fakten aus ihrem Buch übernommen, aber nichts Schöpferisches oder Poetisches. Er hat Andrews am Ende seines Buches erwähnt und sie in den Medien gelobt. Also, wo ist das Problem? Sollen Autoren nicht mehr recherchieren? Wollen wir keine Verbindung mehr zwischen authentischer Geschichte und unserer Fiktion?

Thomas Keneally

Autoren sind für die Fakten in ihren Romanen auf Beobachtung angewiesen und auf Bücher der Zeugen. Es ist allgemein üblich, diese Quellen, auf die der schöpferische und eigene Überbau geschaffen wird, zu erwähnen. Und diese Erwähnung scheint von McEwan genau und oft vollzogen worden zu sein. Ein Echo zwischen zwei Texten ist nicht genug, um damit ein Plagariat zu beweisen. Wenn für den Plagariats-Vorwurf eine Ähnlichkeit der Abläufe genug ist, dann sind wir alle schuldig. Und Shakespeare müsste sich gegenüber Petrarch rechtfertigen und Tolstoi hat Material für "Krieg und Frieden" gestohlen. Fiktion besteht aus dem ganz besonderen Qualitäts-Wert, der den rohen Fakten hinzugefügt wird, und dass McEwan den einfachen Original-Fakten großen Wert hinzugefügt hat, ist, glaube ich, reichlich bewiesen worden.

(Übersetzung: Cornelia Fuchs)