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Interview Alexander McCall Smith: Erfolgskrimis mit Afrikas Miss Marple

Ein Medizinrechtsprofessor wurde zum gefeierten Bestsellerautor. 25 Millionen Mal verkauften sich Alexander McCall Smiths Krimis um die afrikanische Detektivin Mma Ramotswe, die mit viel Geduld und Rotbuschtee ermittelt. Im stern.de-Interview spricht er über die Verfilmung.

Wie kommt eigentlich ein Professor für Medizinrecht aus Edinburgh auf die Idee, über eine Detektivin aus Botswana zu schreiben?

Ich habe 17 Jahre meiner Kindheit und Jugend in Zimbabwe verbracht, also gleich um die Ecke. Mir kommt es deshalb gar nicht seltsam vor, über eine afrikanische Frau zu schreiben.

Ungewöhnlich ist jedoch schon, dass Sie als Mann eine weibliche Hauptfigur erfunden haben.

Ich weiß. Die meisten männlichen Schriftsteller haben männliche Hauptfiguren. Frauen dagegen schreiben oft über Männer. Eine Erklärung dafür habe ich allerdings nicht. Es gibt aber keinen Grund, warum nicht auch ein Mann über Frauen schreiben sollte.

So wie Sie.

Genau. Wenn meine Hauptfigur ein Mann gewesen wäre, worüber hätte er im Büro mit seinem Kollegen gesprochen? Das wäre furchtbar langweilig geworden. Frauen hingegen sprechen einfach über alles. Ihnen geht nie der Gesprächsstoff aus.

Ihre redselige Hauptfigur heißt Mma Ramotswe, ist übergewichtig und hat die erste Frauen-Detektei Botswanas gegründet. Wofür steht übrigens "Mma"? Und wie spricht man es richtig aus?

Man spricht es "Ma" aus. In der Sprache Botswanas ist das die Anrede für Frau. Und was das Übergewicht angeht: Ich denke, sie ist eher traditionell gebaut. Das entspricht übrigens dem afrikanischen Schönheitsideal.

Die New York Times bezeichnete Mma Ramotswe einmal als die "Miss Marple Botswanas".

Was nicht wirklich passt. Miss Marple ist ein bisschen älter und klärt Verbrechen auf. Sie hat immer mit Mördern zu tun. Mma Ramotswe löst dagegen Probleme. Es fließt kein Blut, es gibt keine Gewalt, niemand stirbt. In meinen Büchern passiert eigentlich nichts. Alle Personen haben normalen Blutdruck.

Wie bitte? Normalen Blutdruck?

Nun ja, in echten Krimis haben viele Leute niedrigen Blutdruck, einfach weil sie tot sind. In meinen Büchern trinken die Menschen Rotbuschtee.

Mma Ramotswe sogar exzessiv, manchmal bis zu fünf Mal am Tag.

Genau. Immer dann, wenn ich nicht weiter weiß, beschreibe ich eine Teezeremonie. Das ergibt zwei bis drei Manuskriptseiten. Aber im Ernst: Für mich ist das Teetrinken ein Symbol.

Wofür?

Für Gelassenheit. Kaffeetrinker sind gestresst und durch Kaffee werden sie noch nervöser. Meine Detektivin schaut dagegen gern in den Himmel. Sie lebt ihr Leben langsam und schätzt noch die kleinen Dinge des Lebens.

Das klingt sehr idyllisch. Wieso klammern Sie in den Büchern die negativen Seiten Afrikas aus? Hunger, Armut oder Krankheiten kommen bei Ihnen nicht vor.

Wenn Sie so wollen, bediene ich die literarische Richtung der Verdrängung.

Dadurch wirken die Bücher stellenweise harmlos und betulich.

Ich bin eben ein altmodischer Autor. Menschen mögen sanfte Bücher und haben genug von Verbrechen und Brutalität. Sie vermissen soziale Werte, Würde, Intimität. Und Mma Ramotswe ist eine sehr aufrechte, moralisch integre Frau. Durch sie drücke ich meine Sehnsucht nach diesem vorbildlichen Lebensstil aus.

Ist Mma Ramotswe ein moralisches Vorbild für Frauen und Männer?

Männer identifizieren sich nicht mit ihr. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, leistungsfähig und erfolgreich zu sein. Aber innerlich sind sie ganz einsam und traurig, weil sie nicht die Fähigkeit besitzen, Freundschaften einzugehen. Die meisten Frauen dagegen können jemanden anrufen, wenn sie traurig sind.

Sie haben Jura studiert und waren jahrzehntelang Professor. Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie Schriftsteller wurden?

Auch während meiner Zeit als Professor war ich bereits Schriftsteller. Aber häufig ist es so, dass Schriftsteller noch anderweitig Geld verdienen müssen. Das finde ich auch gut, weil man erst einmal gelebt haben sollte, bevor man anfängt zu schreiben. Andererseits ist es schon hilfreich, wenn man sich ganz darauf konzentrieren kann.

Bis Sie dahin kamen, war es ein langer Weg. Sie waren bereits 50 Jahre alt, als der internationale Erfolg durch Ihre Detektivin kam. Und nun wurde die Ramotswe-Serie sogar verfilmt.

Ja. Der gerade verstorbene Anthony Minghella, der auch "Der englische Patient" gedreht hat, hat die Bücher für die BBC in 13 Teilen verfilmt. Das war sein letztes Projekt überhaupt.

Sie haben noch weitere Serienfiguren entwickelt, zum Beispiel den Professor von Igelfeld und die Philosophin Isabel Dalhousie. Ein klassischer Vielschreiber.

Ich bin tatsächlich sehr fleißig. Obwohl ich meinen Job als Professor aufgegeben habe, habe ich schrecklich viel zu tun. Ich schreibe vier Bücher im Jahr. Jeden Tag zwischen 3000 und 4000 Worte. Zum Vergleich: Flaubert brachte es auf 35 Worte die Woche.

Woher kommen all Ihre Ideen?

Sie kommen einfach, wahrscheinlich aus dem Unbewussten. Man darf aber nicht Däumchen drehen, bis einen die Muse küsst, sondern muss anfangen zu schreiben. Hätte ich das nicht getan, würde ich heute noch dasitzen und warten.

Können Sie sich noch an die erste Geschichte erinnern, die Sie geschrieben haben?

Ich war acht Jahre alt. Das Manuskript habe ich auch gleich an einen Verlag geschickt. Den Titel habe ich behalten. Er lautete: "Er ist weg". Allerdings weiß ich leider nicht mehr, wohin er ging.

Interview: Andrea Tholl