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Jacky Dreksler "Wir Juden lachen nicht über andere. Sondern über uns. Trotz allem."

Jacky Dreksler
Multitalent Jacky Dreksler ist Comedy-Autor, Liedtexter, Verleger und Produzent.
© Sandra Stein
Dieser Mann müsste Deutschland hassen, doch stattdessen schreibt er Witze. Ein Gespräch mit Jacky Dreksler über seine harte Kindheit als Sohn einer Holocaust-Überlebenden - und den Unterschied zwischen deutschem und jüdischem Humor.
Von Stephan Draf und Stefan Schmitz

Herr Dreksler, Sie sind als Kind einer polnischen Jüdin 1946 in einem französischen Gefängnis geboren worden. Wie kam das?
Meine Mutter lebte in Oberschlesien, in Będzin. Als die Nazis 1939 einmarschierten, geschahen dort fürchterliche Dinge. Sie überlebte zwei Ghettos und zwei KZs - Auschwitz und Ravensbrück. Nach ihrer Befreiung lernte sie einen französischen Juden kennen, meinen Vater. Sie schlugen sich nach Paris durch. Dort trafen sie in einem Cafe eine Jüdin. Als die Frau den Namen meiner Mutter hörte, verließ sie den Raum und kam mit einem Polizisten zurück. Ihm hatte sie gesagt, dass meine Mutter in Auschwitz für die SS Todeslisten angefertigt habe, dass sie Menschen geschlagen und beraubt habe. Meine Mutter wurde sofort verhaftet.

Diese eine Aussage reichte, um Ihre Mutter ins Gefängnis zu bringen?
Es gab damals in Frankreich viel Hass und Wut über das, was geschehen war. Da fragte man nicht lange nach Schuld oder Unschuld. Und wie hätte man auch Zeugen finden können? Dass meine Mutter einer Namensverwechslung zum Opfer gefallen war, kam erst Jahre später heraus. Zunächst kam sie in ein Gefängnis bei Paris. Dort wurde ich geboren.

Wie lange blieben Sie dort?
Nur ein paar Monate. Meine Mutter wurde schließlich in Rastatt vor Gericht gestellt, sie galt ja als "Reichsdeutsche". Sie wurde zu zehn Jahren verurteilt, an meinem ersten Geburtstag. Gesessen hat sie dann in Diez. Sie kam erst nach fünf Jahren durch ein Gnadengesuch frei, als sich heraus stellte, dass sie zu Unrecht beschuldigt wurde. Gestorben ist sie, als ich neun war. Sie hatte Krebs.

In ihrem Buch schreiben Sie, dass eine der ersten Erinnerungen war, dass Ihre Mutter nachts schreiend aufwachte.
Meine Mutter schwankte damals sehr zwischen lustigen Anekdötchen und dem Grauen, das sie im KZ erlebt hatte. Ich wusste schon als kleiner Junge, wie lange Juden in der Gaskammer nach Luft schnappten. Da wurde ganz offen drüber geredet. Meine Mutter hatte zwei große Ängste: Dass die Ghettos und KZs wieder kommen würden. Und dass sie ihren kleinen Jungen allein lassen würde.

Was hat sie Ihnen mitgegeben?
Meine ganze Erziehung beruhte darauf, dass sie mich auf KZ und Waisenhaus vorbereitete.

Sie war davon überzeugt, dass das Ihr Schicksal sein würde?
Ja. Und ich habe das als kleiner Junge natürlich widerspruchslos hingenommen. Sie hat mir ein gnadenloses Programm auferlegt. Mit vier musste ich innerhalb weniger Tage lesen und schreiben lernen. Und ich lernte waschen, bügeln, stricken, sticken. Widerspruch wollte sie nicht hören, "Im KZ konnten wir auch nicht 'Nein' sagen" - das habe ich immer gehört.

Das alles, damit Sie das nächste KZ überleben?
Sie hat mich zu einem kleinen Schweizer Taschenmesser geformt: Da ist nichts Großes dran. Aber alles vorhanden: Korkenzieher, Schraubendreher, kleine Messer, große Messer - alles da. Einmal sollte ich Strümpfe stopfen lernen - und ich habe gemault, warum das jetzt sein müsse. Da schwindelte sie: "Jankele, wenn du mit löchrigen Strümpfen beim KZ-Appell gestanden hättest, dann hätte dich die SS verprügelt." Ich kann also, bis heute, Strümpfe stopfen. Sie sagte: "Wenn du ein Problem hast, löse es. Wenn es unlösbar ist - dann hast du kein Problem."

Mit der Maxime Ihrer Mutter - hart sein, stark sein, sich nichts anmerken lassen - kann man vielleicht überleben. Aber kann man damit glücklich werden?
Ja. Ich habe ja auch Liebe und Zärtlichkeit von ihr erfahren. Aber auch Selbstdisziplin. Und gelernt, aktiv zu werden, nicht einfach nur zu akzeptieren.

Als Ihre Mutter aus dem Gefängnis kam, kümmerte sich eine Aufseherin aus dem Gefängnis um Sie...
... ja, das war "Omi". Eine Deutsche.

Sie nahm Sie bei sich auf. Was war "Omi" für Sie?
Nun, sie war zunächst eine Deutsche, die einer armen Judenfamilie half. Die sich um meine Mutter kümmerte. Und als meine Mutter gestorben war, blieb ich bei ihr. Sie machte mir klar, dass sie für mich die Tür zu allem war: Essen. Schule. Auch Geld, natürlich. Sie versuchte ja ständig, an Wiedergutmachungsgeld zu kommen.

Wie sehen Sie das rückblickend?
Sie hat für mich ein Gefängnis errichtet. Ein psychisches. Und durchaus ein physisches. Ich durfte keine Freunde treffen, sie wollte mich ganz für sich, den kleinen Judenjungen. Später habe ich herausgefunden, dass sie früher ein glühender Nazi war.

Es begann nun eine Zerrerei um Sie. Der Kölner Rabbiner hat sich sehr um Sie bemüht.
Als es mit meiner Mutter zu Ende ging, war er oft bei ihr. Sie hatte ihn gebeten , aus mir einen guten Juden zu machen. Diese Verpflichtung wollte er erfüllen.

Jacky Dreksler
Jacky Dreksler 1954 mit seiner Mutter, 39, und "Omi", 49.
© Privat

"Omi" hat das verhindert?
Sie hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um zu verhindern, dass ich in diese Familie komme. Sie hat viele, viele Briefe an die Behörden geschrieben, bis sie das Sorgerecht hatte. Und damit Zugriff auf Gelder, mit denen sie fest rechnete: Waisenrente, Haftentschädigung und Wiedergutmachung.

Dann gab es einen Onkel in Amerika...
Ja, den Bruder meiner Mutter, mit Zehn wanderte ich zu ihm aus. Durch Tricks sorgte Omi dafür, dass er auch sie einlud. Omi hat drüben schnell gemerkt, dass ich ihr entglitt. Sie zwang mich, mit ihr heimlich zurück nach Deutschland zu fliehen. Ich war ja nicht nur ihre potenzielle Geldquelle. Omi hatte ein Helfer-Syndrom: Sie sah sich als barmherzige Samariterin, die sich für mich aufopferte: Ich gebe dem Kind Essen und Wohnung und bekomme von ihm Geld, Altersversorgung, Dankbarkeit, einen Lebensinhalt und – die Anerkennung meiner Kollegen und Bekannten.

Wann haben Sie das herausgefunden?
Als Student, ich war damals auch im Asta. Eines Tages hatte ich wenig zu tun und sah in einem Kalender, der dort hing, ein Bild der Niagara-Fälle. "Mensch", dachte ich, "Onkel Bernie wohnte doch in Buffalo, nicht weit entfernt." Ich hab einfach dort angerufen, ich hatte ja keinen Kontakt mehr gehabt, seit Omi mich da wieder weg geholt hatte. Und jetzt erzählte mir der Onkel, dass Omi mich systematisch von der Familie ferngehalten habe. Und dass Omi, bevor wir zurück nach Deutschland gingen, ihnen mehrere 1000 Dollar gestohlen hatte. Ich habe dann noch mit Omis Schwester gesprochen, mit der sie verfeindet war. Und die bestätigte mir, dass Omi sehr viel Geld, das für mich bestimmt war, das aus verschiedensten Wiedergutmachungs-Töpfen kam, für sich verbraucht hat.

Sie hat Sie auch vorgeführt in ihrem deutschen Bekanntenkreis...
... als den kleinen, brillanten Judenjungen, der mehrere Instrumente spielen, der Stimmen imitieren konnte. Immer begleitet von der Klage, wie sehr sie sich für den Bengel aufopfern würde.

Warum finden sich, nach dieser Geschichte, in Ihrem ganzen Buch keinerlei Ressentiments gegen Deutsche?
Als ich damals, in den 70ern, die Recherche über Omi und meine Mutter abgeschlossen hatte, als ich alles über Mamas Leid in Auschwitz und den Ghettos begriffen hatte, da war ich voller Wut, ja. Aber ich wäre so nicht glücklich geworden. Ich habe dann beschlossen, das hinter mir zu lassen. Ich hätte ja auch Geld von Omi fordern können, problemlos. Aber ich habe einfach nur den Kontakt abgebrochen. Ich weiß nicht, wie sie weiter gelebt hat. Oder wann sie gestorben ist.

Wie sind Sie dann schließlich zum Fernsehen gekommen?
Ich war halt ein Schweizer Taschenmesser. Ich habe viele Jobs gemacht: Lehrer, Comiczeichner, Aushilfsjournalist beim "Kölner Stadtanzeiger". Und irgendwann habe ich auch mal fürs Radio Gags geschrieben. Dann wollten die immer mehr Comedy von mir. Und ich habe das gemacht, weil ich Geld verdienen musste. Und das konnte man vor allem beim Fernsehen. Es hat übrigens auch viel Spaß gemacht.

... küchenpsychologisch könnte man jetzt sagen: Ein Mann mit so viel Leid in seiner Geschichte - der kompensiert da was.
Comedy und Leid sind doch keine Gegensätze! Im Gegenteil. Comedy ist Schmerz und Wahrheit. Nehmen Sie den Hypochonder, der mit seiner Partnerin im Bett liegt. Sie will Sex. Er sagt: Bist du wahnsinnig, mit der Schwellung?

Hehe.
Sie lachen. Aber: Sex ist hier nur das Transportmittel für eine tiefe Einsicht. Die Wahrheit ist, dass unser Körper und unsere Seele uns manchmal Angst bereiten. Der Schmerz ist, dass wir oft wenig dagegen tun können. Und die grausame Pointe ist, dass wir im Grunde alle überempfindliche Angsthasen sind, die Probleme schaffen, wo keine sind. Viele jüdische Witze handeln von Schmerz und Wahrheit. Das gibt ihrem Humor Tiefe.

Was unterscheidet jüdische von deutschen Witzen?
Der typisch jüdische Witz ist selbstironisch. Der typisch deutsche Witz richtet zwei Gruppen ein: Wir und die. Das "Wir" sind die Überlegenen und die Guten. Das "die" sind die Deppen.

Sagen Sie mal ein Beispiel.
Ein Blondinenwitz, der mir gefällt, geht so: Was sagt eine Blondine, die zwanzig Meter vor sich eine Bananenschale liegen sieht? "Hey Leute, guckt mal, wo ich gleich drauf ausrutsche!"

Und wie gehen jüdische Witze?
Die sind vielschichtiger. Bei ihnen löst sich Aggression in Selbstironie auf. Sie entstanden in Osteuropa. Dort waren die Juden vielfach unterdrückt und litten unter den Konflikten mit der Außengruppe. Die Konflikte innerhalb der eigenen Gruppe mussten deshalb klein und lösbar gehalten werden. Da muss eine Form des Humors entwickelt werden, die mehr verbindet als spaltet.

Haben Sie auch dafür ein Beispiel?
Adam und der liebe Gott treffen sich im Paradies. Und sagt Gott: "Adam, wie gefällt dir eigentlich die Frau, die ich dir da gemacht habe?" "Och", sagt Adam, "gut, gut. Aber warum hast du sie so unglaublich hübsch gemacht?" Sagt Gott: "Damit du sie liebst." "Und warum hast du sie so unglaublich sexy gemacht?" Gott: "Damit du sie liebst." Adam: "Gut und schön, aber warum hast du sie so unglaublich blöd gemacht?" Gott: "Damit sie dich liebt." Sehen Sie: So ist der jüdische Witz in seiner Idealform. Wir lachen nicht über andere. Sondern über uns. Trotz allem.

Jackie Dreksler: "Ich wünsch Dir ein glückliches Leben", Dumont, 400 Seiten, 22, 99 Euro


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