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Joachim Lottmann: "Für die ist Adenauer eine Seife!"

Der böse Onkel der Pop-Literatur meldet sich mit einem Roman über die Jugend von heute zurück. Joachim Lottmann über "Laber-Flashs" beim Kiffen und verkorkste Kinder.

Von Sven Michaelsen und Alfred Steffen (Fotos)

Herr Lottmann, um es in der Sprache Ihrer Romanfiguren zu formulieren: Warum labert die Jugend von heute nur schwul rum, statt zu bohnern?

Was uns die Sexualkunde-Idioten immer schon erzählt haben, stimmt: Es wird mit dem Kopf gebohnert und nicht mit dem Unterleib, und zum heterosexuellen Bohnern gehört eine weibliche und eine männliche Identität. Bei den Jugendlichen treffen heute aber extrem identitätsschwache Müttersöhnchen auf die verunsicherten, viel zu harten Töchter von alleinerziehenden Müttern, die selbst schon keinen Vater mehr gehabt haben. Weil die Schlüssel nicht passen, sendet das Gehirn keine Bohnerbefehle. Es wird zwar dauernd von "Superpussys" und "geilen Snails" geredet, aber wie in der Pubertät erschöpft sich das Körperliche in Schmusen und Kuscheln. Die Jugend leidet unter sexuellem Parkinson: Die Steuersignale sind nicht richtig koordiniert. Deshalb erreicht kaum noch einer die genitale Phase. Früher hätte man gesagt: Niemand gibt sich mehr hin.

Um der Jugend von heute ein sexuelles Vorbild zu sein, schluckt Ihr Ich-Erzähler einen Cocktail aus aufputschenden Psychopharmaka und Viagra im Werte von 120 Euro. Hinterher notiert er: "Insgesamt 22 Geschlechtsakte hatten Spuren des Todes in mein Gesicht gegraben. Wie sollte ich mit diesem Tschetschenien-Gesicht zurück auf die Party?"

Als der Roman schon fertig war, sagte mir meine Lektorin: "Wir brauchen da noch eine Sexszene!" Der Mann erlebt die erste Liebesnacht seines Lebens ohne Orgasmus. Je länger er fickt, desto lustloser wird er, denn die Wahrscheinlichkeit, einen Orgasmus zu bekommen, nimmt proportional ab zur zeitlichen Länge der Penetration. Lediglich sein Viagrasuperphallus, der stumpf vor sich hin erigiert, hält das Geschäft am Laufen und lässt ihn rumbohnern wie einen 18-Jährigen.

Warum sind Ihre Figuren alle Singles?

Man flüchtet sich in das, was ich die Berliner Krankheit nenne: Niemand liebt den, der ihn liebt. Das ist natürlich Lebenslüge pur, aber man kann sich die nächsten zehn Jahre in der Vorstellung suhlen, man sei ja eigentlich doch beziehungsfähig. So lange chattet man halt in Flirtrooms und parkt seine Gefühle im Virtuellen. Statt einer Zweierbeziehung hat man ein ganzes Patchwork von Beziehungen. Deswegen auch die Handys mit 150 eingespeicherten Namen, die durchgezappt werden wie das Fernsehprogramm, und die aberwitzig hohen Telefonrechnungen. Der eigentliche Partner ist der Kumpel oder die beste Freundin, und definieren tut man sich über die Clique. Freundschaft ist ja der einzige Wert, den die kennen.

Sie schreiben: "Man konnte junge Leute nie länger als zehn Sekunden an das Thema Politik binden. Man lief sogar Gefahr, tagelang nichts mehr von ihnen zu hören, wenn man den Fauxpas beging, einen real existierenden Politiker zu erwähnen."

Die politische Sprache à la "Sabine Christiansen" ist für die Jungen a priori verbraucht und erbärmlich unsexy. Genauso könnten wir versuchen, mit ihnen auf Lateinisch oder Esperanto zu kommunizieren. Parteienpolitik ist ebenfalls automatisch daneben. Da haben die Jungen einen richtigen Riecher, dass sie wirklich lieber kotzen gehen, als sich den Unterschied von CDU und SPD erklären zu lassen.

Gibt es auch Hoffnung?

Sie können mit den Jungen sofort nächtelang diskutieren über die Unterschiede zwischen Parlamentarismus und Fundamentalismus. Der Joint geht rum, und dann gibt es den Laber-Flash. Da kann man dann sehen, dass diese rührenden, watteweichen Hirne voll sind mit Ideen über die Welt und wie sie funktioniert. Was wir unter Bildung verstehen, ist allerdings in den Orkus gewandert, weil mit 14 alle zu kiffen beginnen und die Schule als qualvolle Zeitverschwendung in einem absurden Paralleluniversum empfinden. Für die ist Suhrkamp eine Zigarettenmarke und Adenauer eine Herrenseife.

Die Jugend von heute sind die Herrschenden von morgen. Was steht uns bevor?

Die Szenekönige von Berlin, die im "Sexy Stretch" oder in der "Mandarin Lounge" das Sagen haben, werden einmal charismatische Führerfiguren sein, die Modekonzerne, Fluglinien und TV-Stationen leiten. Das sind sprachlose Genies, völlig unbelastet von Bildung, hochsensibel, mit dem richtigen Riecher und warm im Umgang. Selbst wenn sie jemanden feuern, nehmen sie ihn in den Arm und ziehen noch gemeinsam einen Joint durch. Die sind ja auch nicht mehr in burgartigen Kleinfamilien organisiert, sondern wie die Schwulen in algenartigen Großverbänden, die sich die Kontinente hoch- und runter- fressen. Der supermotivierte Manager mit seiner Trophäenfrau und den verkorksten Kindern kann sich noch so sehr mit seinen Zwölfstundentagen abstrampeln, es nützt ihm nichts mehr. Er bleibt auf irgendeiner mittleren Ebene hängen, weil er nicht gut kann mit den wirklich coolen Leuten. Wir leben in einer Rentnerhölle mit einer Seniorenpolitik, aber seit dem Siegeszug des Privatfernsehens ist unsere Kultur zu einer Jugendkultur geworden. Man muss die Jugend geil finden, um mitmachen zu dürfen. Deshalb die vielen 60-Jährigen mit Piercingringen und Tattoos am welken Körper. Jugend ist zur Endlosschleife geworden.

Ist es nicht peinlich, mit Ihren 48 Jahren noch in Clubs abzuhängen wie irgend so ein pubertierender HipHop-Hosenmatz?

Das ist Feldforschung! Da bin ich Ethnologe. Ich wurde schon zigmal gezwungen, Drogen zu nehmen, obwohl ich davon Todesangst bekomme. Außerdem mag ich mein Gehirn, ich will gar nicht enthemmt werden. Wenn einer dieser Kiffer mal wieder den Laber-Flash hat, gerate ich sofort in Panik, weil das wirklich die größte vorstellbare Qual ist. Ich tröste mich dann mit dem Gedanken: "Ich tue das in mein Einkaufskörbchen und werde daraus fünf gute Seiten machen!" Zu Hause werfe ich mich mit einem Tarzanschrei der Genugtuung auf mein Bett und lasse alles Revue passieren. Da erlebe ich es dann erst richtig, das ist wie ein großartiger Rausch. Trotzdem wusste ich nach der letzten Seite: Ich will nie mehr Nachtleben! Man kann sich nicht unterhalten, weil man schreien müsste. Selbst auf der untergehenden "Titanic" hätte man mehr Ruhe.

"Clubbing", schreiben Sie, "ist zum Sexaufstellen da! Reden tut man zu Hause!"

Genau. Aber ich stelle ja nicht mehr auf. Ich bin verheiratet, und meine Frau würde sich sofort von mir trennen, wenn ich auf die Idee käme, mit hirnlosen jungen Mädchen ins Bett zu gehen.

Sie sind zum dritten Mal verheiratet.

Ich bin ein soziophober Autist, der nur mit Hilfe eines Mediums kommunizieren kann - und mein Medium sind Frauen. Außerdem nimmt mir Heiraten die Verlustangst. Ich denke beim kleinsten Streit: "Jetzt ist die Beziehung zu Ende!" In der Ehe kann man mit Messern aufeinander losgehen und bleibt trotzdem verheiratet.

Ihr Ich-Erzähler ist ein verklemmter Eierkopf mit notgeiler Ausstrahlung. Ein Rezensent schrieb daraufhin: "Lottmann lesen heißt, absolut gut gelaunt sein darüber, dass man nicht Lottmann ist."

In Gesellschaft bin ich in der Tat so verspannt und von Panikattacken geschüttelt, dass jeder denkt: "Gleich platzt er!" Aber ich verliere diese Merkmale, wenn ich alleine bin. Deswegen habe ich nur eine Stunde am Tag Kontakt mit anderen. Wird dieser optimale Wert überstiegen, entwickle ich sofort Symptome wie Dauermigräne und Depressionen.

Warum benutzen Ihre Kollegen böse Wendungen wie "verlottmannt", "lottmannesk kaputt" oder "Schwanzus Lottus"?

Ich habe Leuten den Spiegel vorgehalten, die bis dahin meine besten Freunde waren. Für mich war das Streitkultur: verreißen, anklagen, übertreiben - und fröhlich auf den Gegenschlag warten. Für die Betroffenen war es Verrat. So wurde ich zum Judas, von dem in 30 Jahren nur drei Bücher gedruckt wurden, weil andere Autoren sonst wie Lemminge vom Verlagsboot gesprungen wären. Die einst von Martin Kippenberger ausgesprochene Fatwa ist nun aufgehoben, weil der Mann tot ist. Ich habe noch mindestens zehn große Romane in der Schublade. Das ist genug Holz, um 20 Jahre lang immer hübsch veröffentlichen zu können.

Liest der böse Onkel der Pop-Literatur seine Nachfahren?

Ich mache nur Stichproben. Wenn Felicitas Hoppe irgendwas auf den Markt bringt, gucke ich da mal kurz rein, halte aber schon das Spucktuch bereit.

Schätzen Sie Christian Kracht?

Er ist der Einzige, wo ich das Gefühl habe: So würde ich auch schreiben, wenn mein Talent durch Nichtveröffentlichung nicht so brutal gebrochen worden wäre. Der leichte Flügelschlag der Worte bei ihm ist einfach wunderschön.

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