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Jörg Fauser: Mitten aus dem Leben

Jörg Fauser verstand sein Werk immer als Teil einer "Gegenströmung zur offiziellen deutschen Literatur." In diesem Jahr wäre der unangepasste Autor 60 Jahre alt geworden.

"Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique; verheiratet, aber sonst unabhängig." Dies ist Teil einer Selbstauskunft, die der Autor und freie Journalist Jörg Fauser, geboren 1944 in der Nähe von Frankfurt am Main, 1986 niedergeschrieb. Fauser war unangepasst und unbequem, gleiches gilt für sein Werk. Er berichtet schonungslos aus einer repressiv empfundenen Lebenswirklichkeit, verstand seine Bücher immer als Teil einer "Gegenströmung zur offiziellen deutschen Literatur." Bei Fauser gibt es keine strahlenden Helden, vielmehr zeigt er den alltäglichen Kampf von Verlierern. Ihre kleinen Erfolge darzustellen war ihm wichtig, zeichnete sie aber auch immer liebenswert in ihrem Scheitern. Über seine Figuren schrieb Lutz Hagelstedt in der "Frankfurter Allgemeinen": "Fausers Helden vertreten des Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit, sie können austeilen und einstecken, sie nehmen die Frauen hart ran und vertragen einen kräftigen Schluck, sie kennen sich im Milieu aus, sind nicht auf die Klappe gefallen und haben Witz." Jörg Fauser verstarb am Morgen des 17.07.1987, einen Tag nach seinem 43. Geburtstag, als er auf der A94 in Fahrtrichtung München als Fußgänger von einem LKW erfasst wurde.

Leben in Tophane

Ein Blick auf seine Biographie zeigt einen unsteten, einen rastlosen Menschen. Schon kurz nach dem Abitur 1963 zog es ihn für einige Zeit nach England, dort arbeite er in einem Londoner Siechenhaus. Zurück in Deutschland machte er Erfahrungen mit Heroin und anderen Opiaten, wurde abhängig. Noch vor dem Ende seines Ersatzdienstes in Heidelberg flüchtete er wieder aus Deutschland, verbrachte ein Jahr in Istanbul, wo er im Junkie-Viertel Tophane lebte. In diesem Umfeld befasste er sich erstmals mit Prosa. Drogen- und Schreibexzesse wechselten sich ab, durchmischten sich zunehmend. Diese Grenzerfahrungen hielt er in seinem ersten Buch fest, das 1972 unter dem Titel "Tophane" erschien. Etwa in dieser Zeit schaffte er auch den Absprung von den harten Drogen.

Dieser deutsche Brei...

Fauser war die biedere westdeutsche Gesellschaft der 60er und 70er Jahre zuwider, er hasste die Heuchelei des politischen Betriebes und mehr noch die des Kulturestablishments: "Dieser deutsche Brei, diese klebrige Soße schmeckte so schlecht, weil sie zubereitet war aus den Rückständen politischer Krankheiten, aus den überlebten Doktrinen des Jahrhunderts, und angereichert mit den politischen Modebegriffen der jeweiligen Saison." Immer wieder brach er aus Deutschland aus, bereiste die Niederlande, Thailand, Indonesien und Marokko. Er schrieb Reportagen im "Goldenen Dreieck" und interviewte Charles Bukowski in Los Angeles. Fauser pflegte Kontakte zu spanischen und englischen Anarchisten, lebte für einige Zeit in der "Linkeck"-Kommune in Berlin.

"Der Schriftsteller ist kein trotziger Außenseiter"

Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit Reportagen, Kolumnen, Hörspielen, Songtexten und Übersetzungen. Er schrieb für Twen, Frankfurter Hefte, Basler Zeitung, Lui, TransAtlantik, Spiegel, Stern, Playboy und andere Publikationen. Sein literarischer Durchbruch gelang ihm 1981 mit dem Kriminalroman "Der Schneemann", der später mit Marius Müller-Westernhagen verfilmt wurde. Bei Fauser mischten sich Persönliches und Literarisches in hohem Maße.

Für ihn war Schreiben eine Obsession, Leben um zu erleben, Leben um zu schreiben. "Der Schriftsteller ist kein trotziger Außenseiter. Er will teilhaben, denn nur woran er teilhat, kann er mit Fug und Recht schreiben." Diese Maxmine setze Fauser mit seinen Texten um. In seinen Romanen "Schlangenmaul" und mehr noch in "Rohstoff" verarbeitete er viele autobiographische Elemente und verdichtete seine dunklen, atmosphärisch sehr dichten Geschichten zu treffenden Studien aus der Unterwelt Deutschlands. Fauser schreibt schnörkellos, karg, realistisch, "Ein guter Roman muss fast ohne Adjektive auskommen", behauptete er einmal.

Jörg Fauser revisited

In diesem Jahr wäre Jörg Fauser 60 Jahre alt geworden. Grund für den Berliner Alexander-Verlag eine Fauser-Edition herauszugeben. Die Marlon-Brando-Biographie "Der versilberte Rebell" (Nachwort: von Michael Althen) und "Rohstoff" (Nachwort: Benjamin von Stuckrad-Barre) sind bereits veröffentlich, seit September ist auch "Der Schneemann" erhältlich. Die Edition soll mit insgesamt neun Bänden im Jahr 2006 abgeschlossen werden. Derzeit sind die Autoren Benjamin von Stuckrad-Barre, Wiglaf Droste und Franz Dobler mit einigen Texten von Jörg Fauser auf Lesereise. Stuckrad-Barre zeigt sich überzeugt von der hohen Gegenwartsrelevanz von Fausers Denken und mahnt: "Wer heute in Deutschland das Wort erhebt und Jörg Fauser nicht gelesen hat, muß verrückt sein."

Ob verrückt oder nicht, die Fauser-Lesungen können noch am 09.10. Frankfurt a.M. in der Batschkapp (19 Uhr) und am 10.10 in Hamburg in der Markthalle (20 Uhr) besucht werden.

Björn Erichsen