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Josephine Kroetz: Wenn Eltern nicht alle Tassen im Schrank haben

Josephine Kroetz hat einen erfrischenden Debütroman für Scheidungskinder geschrieben: Darin erzählt die Tochter von Franz Xaver Kroetz und Marie Theres Kroetz-Relin die Geschichte der 16-jährigen Lydia, die verstehen lernen soll, warum sich ihre Eltern nach einst glücklicher Ehe trennen.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Es waren einmal ein Mann und seine Frau. Eines Tages beschlossen die beiden, ihre Ehe aufzulösen und sie traten vor den Scheidungsrichter. Als die Scheidung vollzogen war, lachten sie und lagen einander glücklich in den Armen. Die älteste Tochter, die diesem Schauspiel beiwohnte, konnte gar nicht fassen, was da geschah und dachte staunend bei sich: "Sieht so ein Paar aus, dass sich gerade frisch getrennt hat?" - Fast könnte man meinen, es sei ein Märchen, was da erzählt wird. Doch dem Dramatiker Franz Xaver Kroetz und seiner Ehefrau Marie Theres Kroetz-Relin erging es genau so: Ende 2006 ließen sie sich nach 20 Jahren Ehe glücklich scheiden. Ohne Rosenkrieg oder anderen Gehässigkeiten. Und die älteste Tochter, Josephine Kroetz, 19 Jahre alt, hat nun einen Debütroman geschrieben: "Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich bloß in ihr zurechtfinden." Der Buchtitel ist bei Albert Einstein ausgeliehen, und es geht um die Physik der Liebe beziehungsweise darum, was passiert, wenn die Chemie in einer Ehe nicht mehr stimmt - die Geschichte ist für Scheidungskinder zwischen 10 und 18 Jahren geschrieben. Und um diese Frage schon mal zu beantworten: es macht große Freude, dieses Buch zu lesen, ernstes Thema hin oder her.

Aha, mag der eine oder andere denken, da hat sich ein Scheidungskind endlich seinen Kummer von der Seele geschrieben. Mag die Scheidung auch noch so glücklich gelaufen sein, irgendetwas bleibt ja doch zurück. Doch Halt! Stopp! Diese Schublade kann man gleich wieder zumachen, Josephine Kroetz weigert sich ohnehin, da hineinzusteigen. "Ich habe nicht geschrieben, um mich selbst zu therapieren", sagt sie in einem Interview mit stern.de. "Die Geschichte ist frei erfunden." Natürlich, man müsse über das schreiben, was man kenne, insofern seien "von mir viele Gefühle drinnen."

Eine Schlammschlacht beginnt

Worum geht es? Die 16-jährige Lydia, genannt Lü, und ihr 12-jähriger Bruder Davinci erleben ihre Eltern plötzlich wie verwandelt. Kaum ein Tag vergeht, an dem Mama und Papa nicht streiten. Eine typische verbale Schlammschlacht beginnt unter anderem so: Die Mutter: "Du bist nie da für uns. Die Kinder brauchen einen Vater, der sich kümmert." Der Vater: "Hast du wieder deinen Hausfrauenfrust?" Im fortgeschrittenen Zustand droht der Papa der Mama dann, sie "zu Brei zu schlagen.“ Und die Mama: "Ich hol gleich das Küchenmesser." Lü würde sich am liebsten die Ohren zuhalten, um das alles nicht zu hören. Sie denkt: "Die haben doch nicht alle Tassen im Schrank".

Und eigentlich will Lü in solch furchtbaren Momenten nur noch eines: zurück ins alte Griechenland, nach Athen. Denn von dort kommt Lü ursprünglich. Dass sie via Zeitreise ins 21. Jahrhundert katapultiert wurde, war eine Idee der Götter. Allen voran Zeus und dessen Sohn Dionysos, dem Ich-Erzähler der Geschichte. Sie haben Lü dazu auserwählt, das Verstehen zu lernen, indem sie verstehen soll, warum sich die Eltern nach langer, einst glücklicher Ehe trennen. Zeus warnt eindringlich: "Denke immer daran: wenn du verstehst, wird alles gut. Wenn nicht, kann ich Dir nicht garantieren, dass Du nach Athen zurückkehren kannst." Dass Josephine Kroetz griechische Götter einbaut, beschert der Geschichte viele humorvolle Szenen, denn wie sich zeigt, sind die Götter nur allzu menschliche Wesen. Indem die Jungautorin Dionysos zum Erzähler macht, gelingt ihr außerdem der Kniff, die Story aus vier Perspektiven zu zeigen: aus der Sicht der Kinder und der Eltern. Warum ausgerechnet Dionysos? "Er ist der jüngste und bestaussehende aller Götter", erklärt Josephine Kroetz lachend.

Reif und desillusioniert

Ein Jahr lang hat Josephine an ihrem Roman gefeilt, oft waren es qualvollen Stunden, hat immer wieder ihre Sätze durchgelesen und sich ständig gefragt, ob "jemand überhaupt versteht, was ich sagen will". Feedback gab es von Mama Marie Theres: "Die hat mal drübergeguckt". Am Schluss kam die Debütantin richtig ins Straucheln. "Ich fiel in ein totales Schreibloch, ich wusste nicht, wie es zu Ende gehen sollte", erzählt sie. Nun, all der Schweiß hat sich gelohnt. Josephine Kroetz ist zwar keine literarische Neuentdeckung, keine Liebhaberin raffinierter Satzkonstruktionen oder überraschender Metaphern, doch begeistert sie mit einer Frei-von-der-Leber-weg-Schreibe, die die Dinge beim Namen nennt. Ihre Uneitelkeit ist erfrischend, ihre Beobachtungsgabe präzise und in ihrer Direktheit lügt sie sich niemals an der Wahrheit vorbei. "...Irgendwann, wenn sich das Verliebtsein gelegt hat, kehrt der Alltag ein, und der ist grundsätzlich für einen von beiden unerträglich. Normalerweise für die Frau...", schreibt Josephine Kroetz und es klingt für eine 19-Jährige sehr reif, aber auch sehr desillusioniert.

Auch privat winkt sie beim Thema Ehe ab. "Man kann sich auch lieben ohne zu heiraten", sagt sie und ergänzt lachend: "Na ja, wenn er unbedingt heiraten will, dann sag ich schon ja." Aber bitteschön, ihre Anti-Ehe-Haltung habe nichts mit der Scheidung ihrer Eltern zu tun und auch nicht die Tatsache, dass sie das Abitur nicht geschafft habe. "Kaum ist man ein Scheidungskind, wird einem nichts mehr zugetraut", sagt sie und erzählt stolz, dass sie ein Jahr lang alleine in England gelebt und inzwischen bei ihrem Vater mehrere Regieassistenzen gemacht hat. In ihrem Buch will Josephine unter anderem auch zeigen, dass Scheidungskinder viel Kraft haben, selbst wenn es viele dunkle Stunden gibt. Wie sehr diese Stunden schmerzen können, zeigt sie auf berührende, fast erschütternde Weise, indem sie Lü einen seitenlangen Brief an Dionysos schreiben lässt. Ein Auszug: "Es ist schwer, an das Gute zu glauben. Manchmal denke ich, dass das Gute nur eine Falle einer nicht existenten Welt ist… das Gute - wie das schon klingt, einfach krank." Und: "Hast du dich für die Liebe deiner Familie schon mal in zwei Teile gehackt und dein Ein und Alles gegeben... und dann gemerkt, dass sich keiner darüber freut, dich zu sehen?"

Dass viele Scheidungskinder schweigen, dass sie alles in sich hineinfressen, "dass tut mir ja schon weh, wenn ich nur daran denke", sagt Josephine Kroetz. "Vielleicht fühlen sie sich durch mein Buch nicht mehr so alleine gelassen, das wäre eine Hoffnung." Und vielleicht würden Scheidungskinder irgendwann verstehen, dass Mama und Papa "auch nur Menschen" seien. "Die trennen sich nicht einfach so, die haben ja auch eine Story."

  • Sylvie-Sophie Schindler