Judith Hermann Fünf Geschichten vom Sterben


Sie war die "Stimme ihrer Generation", ein "Fräuleinwunder", Ikone der Berliner Republik. Eine halbe Million Exemplare hat Judith Hermann von "Sommerhaus, später" verkauft. Elf Jahre nach dem Erfolg veröffentlicht sie ihren dritten Erzählband "Alice". Im stern.de-Interview spricht sie über das, was bleibt.

Ihr Debüt "Sommerhaus, später" ist als "Sound einer neuen Generation" gefeiert worden. Ihren zweiten Band "Nichts als Gespenster" haben Kritiker als "im Kern trivial" bezeichnet. Sind Sie gewappnet für die Kritik an ihrem dritten Erzählband "Alice"?

Also vor einer Woche habe ich gedacht, dieses Mal wird es mir weniger ausmachen. Ich werde gewappnet sein, und schwieriger als beim zweiten Buch "Nichts als Gespenster" kann es gar nicht werden. Und heute weiß ich doch, dass mich das, was da kommt, mitnehmen wird. Auch verletzen. Aber es geht vorbei - das ist das einzige, was man sich da tröstend sagen kann.

Was war für Sie aufrüttelnder: Die einschüchternden Lobeshymnen vor elf Jahren? Oder die verletzende Kommentare, die später kamen?

Lob ist ein Geschenk. Und Kritik ist ein Einfluss - Kritik erzeugt ein komisches Innehalten beim Schreiben, ein Zögern, eine Unruhe. Als stünde die Tür immer einen Spalt weit offen - ich bin nicht ganz allein.

Denkt man da über einzelne Sätze nach?

Nein, sonst könnte man ja gar nichts aufschreiben. Aber man denkt anders über Zusammenhänge nach. Es gab die Kritik über den fehlenden Hintergrund der Figuren im ersten Buch, keine Information über ihre Berufe, Studiengänge, Biographien. Im zweiten Buch haben deshalb alle einen Beruf bekommen, und im dritten habe ich jetzt bewusst wieder darauf verzichtet. Der Leser darf sich das ausdenken.

Sind Sie eine disziplinierte Schreiberin, setzen Sie sich jeden Morgen wieder hin, wie Thomas Mann?

Es gibt viel Zeit, in der ich nichts schreibe, jetzt gerade schreibe ich nicht. Das Thomas Mannsche Schreiben ist vielleicht der Traum eines Schriftstellers, aber Thomas Mann hatte auch die nötige familiäre Autorität. In meiner Familie hält niemand meinen Sohn davon ab, in mein Arbeitszimmer zu kommen. Und wenn ich höre, dass er in der Küche einen Disput führen muss, dann gehe ich aus meinem Arbeitszimmer raus. Und wenn er krank ist, dann schreibe ich nicht. Ich traue mich vielleicht auch gar nicht, dem Schreiben diesen Stellenwert einzuräumen, ich kann auch über eine Geschichte nachdenken, während ich am Spielplatz sitze und darauf warte, dass es Abend wird.

Wo schreiben Sie?

In meinem Arbeitszimmer am Computer. Ich bringe meinen Sohn in die Schule und setze mich um zehn nach acht an den Schreibtisch. Die Schule schafft ganz neue, einfachere Konditionen, obwohl ich in der ersten Schulwoche eher klaustrophobische Gefühle hatte. Es ist schwierig, freiberuflich zu arbeiten, das zu rechtfertigen. Schreiben ist ichbezogen, egozentriert. Statt mein Kind früher aus dem Hort abzuholen, bleibe ich am Schreibtisch, und das muss vor mir selber rechtfertigen, verantworten können.

Sie haben einmal gesagt:"Beim ersten Buch wusste ich von gar nichts. Nach der Veröffentlichung des zweiten Buches dachte ich eine Sekunde lang, ich wäre vogelfrei." Wie fühlen Sie sich jetzt?

Na ja, jetzt weiß ich, dass ich eben nicht vogelfrei bin. Dass sich dieser Zustand wiederholt, nur eben in anderer Gestalt. Nach dem zweiten Buch habe ich gedacht, ich sei über die Klinge gesprungen und das dritte Buch wäre jetzt ganz leicht. Und es war dann ganz und gar nicht leicht, sondern schwierig, so schwierig wie das Schreiben an und für sich immer ist und bleibt.

Also haben Sie nicht einfach weiter gemacht?

Nein, ich bin ein Jahr auf Lesereise gegangen und erst danach habe ich einen neuen Anfang gesucht. Ich werde oft gefragt, was ich in den fünf Jahren eigentlich gemacht hätte. Es scheint absurd zu klingen, wenn ich antworte, dass ich geschrieben habe. Ganz viel Text, der nicht im Buch ist, Text, den ich auf und weg geschrieben habe, um zur eigentlichen Geschichte zu kommen. Das war oft so, als käme ich nicht auf den Punkt, als schriebe ich am Eigentlichen immer genau dran vorbei, erst in der Mitte der ersten Geschichte wusste ich, wie es mit allen fünf Geschichten weiter gehen würde.

Ist von diesen anderen Geschichten noch etwas übrig?

Ja. Wie in diesem Karton voller Fotos die man liebt. Man kann sie nicht wegwerfen und weiß, dass man sie nie wieder ansehen wird. Es gibt viel Text, der noch mit der Zigarette geschrieben ist, und ich kann ganz genau sagen, ab welchem Satz ich nicht mehr geraucht habe. Rauchen ist eine Lebenshaltung, ich musste das Schreiben ohne Zigarette erst lernen. Möglicherweise hat das die Sprache verknappt oder konzentriert. Mit der Zigarette hat man etwas zwischen sich und der Welt. Und wenn die Zigarette weg ist, sitzt man mit dem Text oder dem nicht vorhandenen Text deutlich allein an einem Tisch.

In "Alice" ist einiges nüchterner. Es wird, bis auf einmal, nicht mehr geraucht, es läuft keine Musik.

Ich höre inzwischen komischerweise sehr viel mehr klassische Musik. Alles andere löst so diffuse Emotionen aus, Sehnsüchte, anstrengende Utopien. Aber das ist eben vorüber, bestimmte Veränderungsmöglichkeiten gibt es gar nicht mehr.

In "Sommerhaus, später" stehen die Protagonisten alle noch ratlos vor dem Leben. Jetzt sind sie mittendrin - und es ist schon wieder vorbei?

Ja. Vielleicht ist "Alice" meine eigene Antwort auf "Sommerhaus, später". Die Haltung der Leute zum ersten Buch damals war genauso ambivalent: Wie kann man nur so abgehangen, melancholisch und unentschieden leben. Beide Bücher sind wie zwei Pole, Alice ist extrem auf eine andere Art.

Es fehlt vielleicht das Leben dazwischen.

Das Gegenwärtige, ja.

Eine Ihrer Geschichten, die "Conrad" heißt, hat einen autobiographischen Hintergrund: Als Sie den Autor und Literaturkritiker Reinhard Baumgart 2003 in seinem Haus am Gardasee besuchten, verstarb er völlig unerwartet. Wie haben Sie das damals erlebt?

Ich habe damals zum ersten Mal erlebt, dass ein Freund stirbt. Ich war 33 Jahre alt, als ich zum ersten Mal jemanden verlor, mit dem ich befreundet war. Für diese Trauer gab es keinen Platz. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich damit umgehen sollte und dachte, ich kann dem nicht gerecht werden. Meine Trauer fühlt sich an wie eine Imitation. Vielleicht ist das Buch auch eine Reflexion dafür.

Haben Sie sich mit dem Tod auch literarisch beschäftigt?

Ich habe mich mit dem Tod nicht literarisch beschäftigt, ich habe einfach gelesen - wenn man es genau nimmt, dann sterben in Büchern alle Leute unentwegt. Kleine Tode, große Tode. Ist das erstaunlich? Ich hab' Dostojewski gelesen, worum geht es denn da sonst als um die Liebe und um den Tod. Ich lese gerade Annie Proulx, seitenweise sterben da die Leute ohne dass sich irgendjemand darüber wundern würde.

Geht es in Ihren eigenen Geschichten denn mehr ums Sterben oder ums Überleben?

Ums Leben, es geht ums Leben, darum, dass das Leben weiter geht. Um den Gegensatz zwischen der stillstehenden und der weiterlaufenden Zeit.

In der letzten Geschichte erfährt man nicht einmal mehr etwas über die Todessart, man erfährt nicht wie Raymond, der Lebensgefährte von Alice stirbt.

Weil es nicht um die Todesart geht, sondern ums Weiterleben, trotz alledem.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Als meine Großmutter starb, war ich zwanzig Jahre alt, und jemand tröstete mich mit dem Satz, meine Großmutter lebe ja in mir weiter. Ich fand das einen Kindertrost, aber es ist doch auch richtig. Es ist tatsächlich so, dass sie in mir weiter lebt. In "Alice" sagt Alice über Micha, je länger er tot sei, desto lebendiger käme er ihr vor. So ist das.

Wird nach dem tödlichen Ende des dritten noch ein viertes Buch kommen?

Ich würde gerne ein viertes Buch schreiben, ich fänd's nicht so schön, wenn das hier das letzte Buch sein sollte, obwohl es ja doch so zuversichtlich und friedlich endet. Ich hätte gerne, dass "Alice" noch ein anderes Buch beiseite steht.

Sie sind als Stimme einer ganzen Generation verklärt worden - und haben das immer abgelehnt. Gibt es denn etwas, das Sie sagen möchten?

Nein. Natürlich suche ich eine Art der Kommunikation, so etwas wie den Dialog mit einem Leser vielleicht. Und auf der anderen Seite bin ich ratlos, was soll ich denn sagen, was hätte ich denn sagen sollen. Nichts. Ich wüsste nicht, was.

Ihr Autorenfoto damals ist berühmt geworden: Es zeigt sie nostalgisch-elegisch im Pelzkragen. Jetzt präsentieren Sie sich schlicht in karierter Bluse. Ist das Ausdruck einer neuen Haltung?

Ich habe mir dieses Foto ja selber ausgesucht. Bewusst und unbewusst. Dieses Foto entspricht mir heute genauso, wie das erste Foto mir damals entsprochen hat. Und auch wieder nicht entsprochen hat. Ich werde manchmal fast drastisch auf dieses neue Foto angesprochen, auf das Älterwerden. Zeit vergeht, oder? Das jetzige Foto ist sehr klar und einfach.

Fühlen Sie sich mit ihrem Buch jetzt im Einverständnis?

Ja. Und ich fürchte mich trotzdem vor der möglichen Kritik, ich muss danach alles wieder bergen, einsammeln, noch einmal bestätigen. Aber ich kann das. Bergen, bestätigen.

Interview: Tanja Beuthien


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