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Buchrezension

Kolumnensammlung "Ich werd dann mal ...": Till Raether übers Altern: "Ich bin jetzt mittendrin, wie auf einer Party"

Till Raether ist endlich in dem Alter, auf das er sich schon als junger Mann gefreut hat. In seinen Essays und Kolumnen schildert er Situationen, über die er sich in seinem Leben wundert, was oft sehr lustig ist und immer zum Nachdenken anregt. Nun erscheinen sie gesammelt als Buch.

Buchcover und Portrait Till Raether

Am 17.9.2019 erscheint "Ich werd dann mal ... Nachrichten aus der Mitte des Lebens" von Till Raether, Rowohlt Taschenbuch, 320 Seiten, 12 Euro, hier bestellbar

Wie fühlt sich das Leben an, wenn man mittendrin steckt? Wenn man schon so einiges hinter sich hat, aber trotzdem noch in Situationen gerät, über die man sich wundert. Für Till Raether, freier Journalist und Autor, sind solche Gelegenheiten die Momente, darüber nachzudenken. "Wenn ich mich frage 'Warum machst du so'n Scheiß?', ist das ganz oft der Ausgangspunkt, um darüber zu schreiben", sagt der 50-Jährige. "Es gibt da diesen einen Text, wo ich mich völlig hirnverbrannt mit dem Surfbrett in den Atlantik stürze, einfach nur, weil ich das Gefühl habe, mein Freund und meine Frau erwarten das von mir und ich selber irgendwie auch. Als ich da an den Strand zurückkam, habe ich gedacht 'Das kann nicht dein Ernst sein. Du hättest dich wirklich umbringen können, warum machst du so'n Scheiß?'" Raether spricht von "Surfen", einem von 86 Essays und Kolumnen, die gesammelt in seinem Buch "Ich werd dann mal ... Nachrichten aus der Mitte des Lebens" am 17.9.2019 erscheinen. "Für mich ist diese Frage die Schnittstelle zwischen gesellschaftlichen Phänomenen und dem privaten Verhalten", sagt er.

Ganz schlimm ist es etwa auch beim Thema Essen. Zu wissen, dass der Fleischverzicht besser für die Umwelt, das Klima und den eigenen Körper ist, schützt nicht davor, trotzdem zu McDonald's zu gehen. "Fleisch essen. Oh ja, super lecker", sagt Raether und schildert eine typische Episode. "Lass uns nicht neun – ich liebe Chicken McNuggets – lass uns nicht neun, lass uns 24 nehmen. Und dann sitze ich da und gucke mir das Trümmerfeld an und frage mich, warum machst du so'n Scheiß?" Bei genauerer Betrachtung zeigen sich größere Zusammenhänge: bei dem Surfversuch etwa "komische Vorstellungen von Männlichkeit", sagt Raether. "Ich fänd's schade, da dann stehenzubleiben und das als lustige Glosse abzuhandeln. Ich finde es interessant, dann zu versuchen, die Frage auch zu beantworten."

Der Ephraim Kishon des 21. Jahrhunderts

Wenn Till Raether aufschreibt, was ihm so passiert, auf Partys, mit seiner Familie, im Urlaub oder mit Freunden, erkennt der Leser manche Situation aus seinem eigenen Leben wieder. Sein eigenes Verhalten an Raethers Geschichten zu spiegeln, noch einmal in Erinnerungen abzudriften, trägt einen guten Teil zum Lesevergnügen bei. Raether versteht es, mit humoristischen wie tiefsinnigen Reflexionen, den Leser zum Nachdenken zu inspirieren. Ähnlich wie im 20. Jahrhundert Ephraim Kishon den Deutschen mit Humor das Leben in Israel und als Israeli nahegebracht und damit gezeigt hat, dass Menschen auf der ganzen Welt mit den gleichen Dingen zu kämpfen haben, schaut Raether auf die Themen des 21. Jahrhunderts. Obwohl er auf Kishons "dritten Akt" der Übertreibung bis ins Absurde bewusst verzichtet, stattdessen lieber noch genauer hinschaut, enthalten seine Alltagsgeschichten slapstickhafte Momente. Etwa schenkt er seiner Mutter ein neuer Laptop, welchen sie ausschließlich dazu nutzt, nun damit ihre Patiencen zu legen. Auf der Couch liegend führt er eine erfreulich entspannte Unterhaltung mit seinem Fünfzehnjährigen, bis er merkt, dass dieser in Wirklichkeit Sprachnachrichten in sein Mobiltelefon diktiert. Als er sonntagmorgens aufwacht, fällt ihm ein, dass er schlaflos in der Nacht online einen Reiskocher für acht Personen bestellt hat – für den gar kein Platz ist in der Küche.

Für Raether ist die "Mitte des Lebens" jene Zeit, in der er am liebsten schon als junger Mann angekommen wäre. Obwohl sie den Dadbod mit sich bringt und das Dreimal-joggen-pro-Woche zur reinen Idee von Sport zusammengeschrumpft ist, erscheint ihm dieses Alter wie ein sicherer Hafen im Vergleich zu seinen Zwanzigern. "Ich habe früher gedacht, mit Mitte, Ende 40 fängt das Leben an, dann ist man so richtig erwachsen. Ich fand den Weg, dahin zu navigieren, wahnsinnig schwer", sagt er. "Man weiß ja nicht, ob das alles gelingt: Ob man einen Beruf findet, den man ein paar Jahre ausüben kann, ob das mit einer Partnerschaft gelingt. Ich habe mich immer darauf gefreut, das irgendwann alles hingekriegt zu haben."

"Noch einmal alles hinterfragen"

"Ich habe jetzt das Gefühl, dass ich in der Mitte des Lebens angekommen bin", sagt Raether. "Ich bin jetzt mittendrin, so wie auf einer Party, wenn man mittendrin ist und nicht nur am Rand steht. Ich kann mit jedem auf der Party quatschen, wenn ich will, und wenn die keinen Bock haben, ist mir das egal. Früher wäre ich total verletzt gewesen." Gleichzeitig ist die Mitte des Lebens auch eine Zeit, in der er Dinge noch einmal hinterfragen will – von der eigenen Männlichkeit bis hin zum Fleischkonsum.

Bei aller Liebe zum Alter weiß Raether aber auch, dass es ein Fehler wäre, sich jetzt einfach zurückzulehnen. "Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie mein Leben in 30 Jahren aussehen wird. Auch wenn ich mir ungefähr vorstellen kann, wo meine Frau und ich leben würden, wie viel Rente wir kriegen würden und hoffe, dass wir weiterhin an Sachen interessiert bleiben. Aber vielleicht würde ich mir auch ein Großhirnimplantat machen lassen, um damit Patiencen zu legen."