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Krimi: Angst hinter alten Mauern

24 mörderisch gute Romane. Ausgewählt von den stern-Krimi-Experten. Heute: "Das zweite Zeichen" von Ian Rankin. Inspector Rebus findet die Leiche eines toten Junkies, drapiert wie ein Gekreuzigter.

Von Thomas Schumann/Kester Schlenz

Mr. Vanderhyde, ich bin Polizeibeamter." Rebus griff nach seiner Brieftasche. "Ersparen Sie sich die Mühe mit dem Ausweis, es sei denn, er ist in Braille." Vanderhydes Worte ließen Rebus mit der Hand in der Jackentasche erstarren. "Natürlich", murmelte er und kam sich absolut lächerlich vor. Merkwürdig, wie behinderte Menschen die besondere Gabe hatten, einem das Gefühl zu geben, dass man viel weniger konnte als sie.

(Ian Rankin: "Das zweite Zeichen")

Zunächst wollen wir mal ganz unbescheiden uns selbst loben. Der Schotte Ian Rankin hat ja nun endlich auch in Deutschland einen Namen und eine Gemeinde, hat Preise eingeheimst und schmückt Krimi-Bestenlisten. Wir, Hand aufs Herz, haben das seit mindestens zehn Jahren erwartet. Denn schon die frühen Bände um seinen unvergleichlichen Polizisten John Rebus, damals nur im englischen Original zu lesen, waren so spannend, außergewöhnlich und ergreifend, dass wir uns immer fragten: Warum gibt's das nicht auf Deutsch?

Nun sind sie nur so auf unseren Büchermarkt gepurzelt, alte Fälle wie neue. 15 Krimis um Rebus hat Rankin bis heute geschrieben, wir raten Ihnen, dem stern-Motto gemäß: Behalten Sie den Überblick. Und fangen deshalb an mit dem großartigen "Das zweite Zeichen", 1990 entstanden und der perfekte Einstieg in Rebus' und Schottlands düstere Welt.

"Das zweite Zeichen" führt den Inspector zu einem toten Junkie, der an einer mit Gift manipulierten Spritze elend verreckte, bevor seine Leiche drapiert wurde wie die des Gekreuzigten. Mysteriöse Spuren in der Wohnung des Opfers lassen auf einen Ritualmord schließen; doch langsam begreift Rebus, dass dieses Verbrechen noch ganz andere Dimensionen hat.

Die Sogwirkung von "Das zweite Zeichen" und all den anderen Rankins ist schwer zu beschreiben. Der Schotte verzichtet auf überbordende Brutalitäten und blutrünstige Details. Aber er schildert die Abgründe der schmucken Touristenmetropole Edinburgh ungeheuer eindringlich; die Angst hinter alten Mauern, die Niedertracht, die Verbrechen, den Tod. Und er beschert uns mit John Rebus den in seiner Zeichnung überzeugendsten Ermittler der jüngeren Kriminalliteratur: einen melancholischen, oft mürrischen, aber hochmoralischen Polizisten, kettenrauchend, übergewichtig, gefährlich flirtend mit der Alkoholsucht.

Ian Rankin, Jahrgang 1960, Sohn eines Bergmanns im schottischen Fife, war unter anderem Sänger einer Punk-Band, bevor er vom Schreiben leben konnte. Die Leidenschaft für Rockmusik teilt er mit seinem Helden Rebus; in vielen der Krimis finden sich liebevolle Reminiszenzen an die jüngere Musikgeschichte. Ian Rankin lebt in Edinburgh, ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

Unser Fazit: Ian Rankin schreibt in der Champions League der Krimi-Autoren. Sein John Rebus ist in all seiner Gebrochenheit der wahrhaftigste und menschlichste Polizist, der zwischen zwei Buchdeckeln ermittelt.

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