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TV-Kritik

"Germany's Next Topmodel": Leaving Heidiland - erst ein Abgang unter Tränen, dann knallt es!

Hundestellung leicht gemacht: Die Kandidatinnen posieren nackt, nur mit einem Welpen bekleidet. Vorher wird geheult, währenddessen auch, hinterher sowieso. Und am Ende fliegen die Fäuste.

Von Ingo Scheel

GNTM-Kandidatinnen Jasmin und Lena

Als es dann endlich passiert, wird der Bildschirm schwarz. Ernsthaft. Wie ein guter, alter Bildausfall. Nur das olle GNTM-Logo blinkt noch in der Ecke. Aus dem Off ein bisschen Schreien, Kieksen, Kreischen, also im Prinzip das, was sonst auch die ganze Zeit zu hören ist. Kleines Hundchen? Kreiiiisch. Ein Supermodel kommt zu Besuch? Schreiiiiii. Es gibt aufgeweichte Cornflakes zum Frühstück, millionenschwere Diademe zum Umhängen und Nackigmachen ist auch noch angesagt? Kreisch. Quiek. Wimmer. Und von vorn das Ganze.

Mit der Rückkehr des Bildes dann plötzlich Kühlpad-Einsatz bei Lena. Kurz darauf ein Rauswurf, und zwar einer, wie es ihn in 14 Jahren "Germany's next Topmodel" noch nicht gegeben hat, was immer das heißen mag. Bis es jedoch soweit ist, also bis man endlich genau das nicht zu sehen bekommt, worauf mit gefühlt anderthalb Dutzend Reklameunterbrechungen hin präorgasmiert wurde, mit Sound Effects, geweiteten Augen und Bangemachen deluxe, müssen die Werbespots ja noch irgendwie umrandet werden, und so gibt es das übliche Geklapper aus der Besteck-Schublade.

In Sarahs Ohrringen fänden mehrere Papageien ein Zuhause

Sarah trägt so große Ohrenringe, dass darin mehrere Papageien ein Zuhause finden würden. Die rosa Bademäntel sehen aus, als wären sie von der Ladefläche einer Losbude auf dem Hamburger Dom gefallen. Und dann kommt auch noch Gisela, Verzeihung, Gisele Bündchen zu Besuch. Für die Mädchen bedeutet das ungefähr das Gleiche, als wenn daheim die Omma plötzlich die Auffahrt hochgewackelt kommt: Schnell nochmal die Kissen aufschlagen. Das Rezept für guten Bohnenkaffee rekapitulieren. Und mit flinker Hand ein paar Häppchen anrichten. Nun sind Kaliber wie Frau Bündchen nicht eben für übermäßigen Appetit bekannt, daher gibt es Ananas, in größeren Klumpen auf Tellern zusammengestapelt. Passt ja auch. Brasilien. Ananas. Das kennt die Gisele.

Germanys Next Topmodel

Kandidatin Alicija beim Nackshooting von "Germany's next Topmodel. Ein Hundeknäuel bedeckt das Nötigste. Starfotograf Rankin und Heidi Klum betrachten das Setting

Und noch so einiges mehr kennt und weiß sie, wie die hochaufgeschossene Schönheit bei ihrer Stippvisite, die ungefähr so lang ist wie ein durchschnittlicher Werbeblock, zum Besten gibt. Vorm Auftritt muss sie immer pinkeln. Beim Laufen konzentriert sie sich auf einen Punkt an der Wand. Und positive Energie is good for everyone. Lebenshilfe wie vom Wandtattoo. Oder wie eines der Model es mit ehrfurchtgeweiteten Augen formuliert: "Man kann so viel von ihr lernen". Warum wird der Bildschirm eigentlich an so einer Stelle nicht schwarz? Anschließend Group-Hug. Das war's schon wieder. Bye-bye, Bündchen.

Derart geklimaxt hält es Enisa dann kaum noch vor Ort. Von Heimweh und homöopathisch dosierter Panikattacke geschüttelt, vom Boyfriend Simon Desue via Skype nur mäßig motiviert getröstet, zieht es die Eben-noch-Model-Anwärterin in heimische Gefilde. Heidis Farewell ist angemessen empathisch: "Reisende soll man nicht aufhalten!" Für alle anderen bleibt grad noch Zeit, die Ananasreste in den Mixer zu schaufeln, da gibt es schon die nächste News: Nacktshooting ist angesagt. Gehört dazu, weiß jeder. Muss sein, ist klar. Machen wir auch nicht gerne, meint man fast, aber nur fast, zwischen Heidis Zeilen herauszuhören, da fliegen die Klamotten auch schon in die Ecke.

Ein paar Hundeknäuel bedecken das Nötigste beim Nackshooting

Starfotograf Rankin ist extra angereist und sieht wie gewohnt so aus, als hätte er die Fahrt im Schlafwagen hinter sich gebracht. Der erhöhte Hautanteil lässt den Fotofachmann aber gleich etwas wacher werden, dazu gibt es auch noch ein paar Hundeknäuel, die das Nötigste bedecken sollen. Einer der possierlichen Vierbeiner hört - mehr oder weniger - auf den Namen Gidget, und der hat einen derart herzerweichenden Briefträgerblick - Sie wissen schon: ein Auge aufs Klingelschild, eins auf die Hausnummer - man möchte umgehend im Tierheim anrufen und sich so einen schicken lassen. Ganz einfach im Handling sind die Dreikäsehochs dann aber doch nicht, und so sieht Melissa nach ihrem Shooting durchgeholt aus wie Courtney Love nach einem Gangbang in einem Wuppertaler Parkhaus. Rankin gefällt's.

Egal, muss weiter gehen. Hohlkreuz machen. Lächeln. Nicht umknicken. Später gibt es dann noch Bindfaden-Training für einen Laser-Labyrinth-Parcours. Soll irgendwie superagentisch und dramatös wirken, sieht aber nur aus wie ein Outtake einer nicht gesendeten Folge der "100.000 Mark-Show". Endpose. Endmarke. Endgeil.

Und das dicke Ende kommt doch erst noch. Denn kurz danach geraten sich Jasmin oder Joy - wer soll sich die Namen merken? - und Lena - da bin ich mir jetzt aber ganz sicher - in die Haare. Ein Wort gibt das andere. Du bist doof. Du auch. Pöbel. Motz. Die eine in Silber, die andere in Gold. Kampf-Konstellationen, die man sich gern von Michael Buffer ansagen lassen würde. Die Emotionen kochen über, und gerade als man denkt, dass es jetzt endlich die langerwartete Portion Augentee gibt, da wird - ich hatte es angedeutet - der Bildschirm rabenschwarz. Ein paar Geräusche aus der Asservatenkammer. Und das war es dann. Tränen. Kühlpad. Ach und weh.

Heidis Resümee: Gewalt geht gar nicht

Als die aus dem Laserpointerwald herbeigelockte Heidi schließlich gebrieft ist, bleibt ihr nur eine Möglichkeit: Sie muss Jasmin, federführend in diesem viel zu kurzen Kampf und damit wohl so etwas wie die Siegerin durch technischen K.O., nach Hause schicken. Denn - und das resümiert selbst ein mit allen Wassern gewaschenes Modelschlachtschiff wie Frau Klum: "Gewalt geht gar nicht." Hm, denkt man sich da. Nicht mal eine kleine Watschn bei all dem Stress? "Anschreien ist okay!", schränkt sie noch ein. Das versöhnt. Zumindest ein bisschen.

Ebenso die versöhnliche Einsicht über Jasmin (oder Joy), die sie mit uns teilt: "Sie ist auch ein Mensch. Sie hat ein Herz!"

Kreisch. Quiek. Wimmer.          

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