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Krimi: Vom Schlafen und vom Sterben

24 mörderisch gute Romane. Ausgewählt von den stern-Krimi-Experten. Heute: "Eismond" von Jan Costin Wagner.

Von Thomas Schumann/Kester Schlenz

Er schloss die Augen und presste das Kissen fest auf ihr Gesicht. Er war erleichtert, kaum Widerstand zu spüren, nur eine leichte Straffung ihres Körpers, unterdrückte Schreie, die nichts bedeuteten. Als er sicher war, dass es vorbei war, ließ er los. Er zitterte. Er vermied es, sie noch einmal anzusehen."

(Jan Costin Wagner, Eismond)

Erschütternd, nicht wahr? Hier mordet ein Mensch, hier stirbt eines seiner Opfer, und es bedarf nicht der Beschreibung eines ekligen Gemetzels, dass "Eismond" den Leser sogleich anfasst. Kalt, schnörkellos und präzise ist die Sprache Jan Costin Wagners; Kälte und Schlaf sind die Leitmotive seines meisterhaften Romans, den wir Ihnen ganz besonders ans Herz legen möchten.

Kimmo Joentaa arbeitet als Kriminalpolizist im finnischen Turku. Das Schicksal meint es nicht gut mit dem jungen Ermittler. Seine Frau Sanna ist einem Krebsleiden erlegen, und der Tod der geliebten Gefährtin reißt ihn in den Abgrund. Beinahe roboterhaft erledigt er die schmerzhaften Notwendigkeiten, die der Tod mit sich bringt: letzte Gespräche mit Ärzten, die Bestattungsvorbereitungen, die Besuche bei Sannas Eltern. Trost kann er nicht finden - und er findet auch keinen Schlaf mehr. Immer wieder hat Joentaa Visionen der Toten, er redet mit seiner Sanna wie im Fieber, der beißende Winter Turkus setzt ihm zu, und das Fehlen jeder Entspannung, jeder Ruhe raubt ihm beinahe die letzten Kräfte.

Und mitten hinein in dieses persönliche Elend schreckt eine Mordserie seine Stadt auf; mehrere Frauen werden umgebracht. Stets nach dem gleichen Muster: im Schlaf erstickt, nachdem sich der Täter auf geheimnisvolle Weise Zutritt zu ihren Wohnungen verschafft hat.

Was treibt den Mörder? Kimmo Joentaa, der seiner Arbeit nur nachgeht, weil ihn sonst nichts mehr im Leben hält, spürt, dass der Täter und er auf ganz seltsame Art verbunden sind - in ihrer Suche nach dem, was Sterben bedeutet.

"Eismond" ist ein höchst erstaunlicher Krimi. Erstaunlich, weil es Wagner auf packende Weise hinkriegt, die Pein seines Polizisten und den Wahn des Täters zu schildern. (Sie werden, liebe Leser, viel über Schlaf, Trance und Tod nachdenken, während Sie umblättern. Und schnell mal nachschauen, ob noch alle Schlüssel im Haus sind...) Erstaunlich, weil Jan Costin Wagner, Jahrgang 1972, gerade 30 war, als er "Eismond" schrieb, das Buch aber eine Reife zeigt, die wir normalerweise nur von Alterswerken kennen.

Ganz besonders froh, liebe Leser, stimmt uns, dass wir Ihnen nach vielen englischsprachigen und skandinavischen Autoren nun auch einen deutschen Spannungsschreiber der Extraklasse vorstellen konnten. Jan Costin Wagner glänzt mit einem intelligenten Plot, präzisen Charakterstudien, lebendigen Dialogen und hält so internationalen Vergleichen bestens Stand.

Unser Fazit: Ein trauernder Polizist, ein psychotischer Killer, und beide sind sich näher, als sie glauben. Wagner gelingt ein ungeheuer dichtes Doppelporträt, das oft schaudern lässt. Und nicht nur, weil "Eismond" in der Kälte Finnlands spielt...

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