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Kunstprojekt "Atelier Goldstein": Haus der bezaubernden Talente

Sie malen Kreise, bauen Flugzeuge aus Pappe oder konstruieren irrwitzige Hochhaus-Modelle - die Künstler im Frankfurter "Atelier Goldstein" sind gefragt, ihre Arbeiten in renommierten Galerien und Museen zu sehen. Eines haben sie, bei aller Unterschiedlichkeit, gemein: Sie sind geistig behindert.

Von Almut F. Kasper

Lang und öde zieht sich die stark befahrene Hanauer Landstraße in Frankfurt/Main über sieben Kilometer in Richtung Offenbach. Wo die Ostendstraße einmündet, steht, zwischen Autocentern, Möbelhäusern und Outlet-Stores, ein trister grauer Büroblock aus den achtziger Jahren. Hinter dessen Mauern versteckt sich für 15 außergewöhnliche Menschen das Paradies.

Im ersten Geschoss des ehemaligen "Baumann-Hauses" passiert Unglaubliches. Hier entsteht Kunst, und zwar eine ganz besondere: 15 geistig behinderte Maler, Zeichner und Plastiker arbeiten im "Atelier Goldstein", Männer und Frauen mit Down-Syndrom, Autismus oder anderen Störungen. Doch das ist völlig uninteressant, nebensächlich. Wirklich interessant ist nur die Tatsache, dass die hier schaffenden Menschen alle etwas gemeinsam haben: herausragende künstlerische Talente. So absurde Schubkasten-Begriffe wie "Behinderten-Kunst" oder "Outsider Art" sind hier - noch mehr als anderswo - völlig deplatziert und unangebracht. Im "Atelier Goldstein" geht es nur um eines: um qualitativ hochwertige Kunst. Wer kein Talent hat, hat hier nichts zu suchen.

Dafür sorgt Christiane Cuticchio. Sie hat langjährige Erfahrung und nutzt ihren "Kennerblick", um versteckte Begabungen zu entdecken. Die ehemalige Bühnenbildnerin ist Initiatorin und künstlerische Leiterin des "Atelier Goldstein". Ihr und ihrem Team ist es zu verdanken, dass Menschen, die sonst gesellschaftlich am Rande stehen, einen Ort gefunden haben, an dem sie die Chance erhalten, ihr gesamtes künstlerisches Potenzial zu entfalten. Deren Bilder und Objekte werden immer wieder mit großem Erfolg in der Öffentlichkeit gezeigt. Nicht auf Weihnachtsmärkten oder Stadtteilfesten, sondern in renommierten Galerien und Museen. Die Kunstszene ist längst hellhörig geworden. Inzwischen reißen sich Sammler um die Werke, die hier entstehen.

Viermal in der Woche, immer gegen 13 Uhr, macht sich der hauseigene Zivildienstleistende auf den Weg und holt die Männer und Frauen aus ihren sozialen Einrichtungen ab, in denen sie leben und leichter Arbeit nachgehen müssen. Bringt sie in den ersten Stock des Hauses Hanauer Landstraße 220, wo sie auf 250 Quadratmetern eine Oase der Schaffenskraft gefunden haben.

Es riecht nach Farbe, Klebstoff und Schweiß

Ein langer Büroflur, von dem rechts und links die Ateliers der Künstler abgehen. Überall liegt und steht Material herum, Farbtöpfe, Pinsel. Schnell griffbereit, wenn etwas dringend gebraucht wird. Fertige Leinwände sind an die Wand gelehnt. Es riecht nach Farbe, Klebstoff und Schweiß. In den schlichten Büroräumen hat jeder Künstler seinen Arbeitsplatz. Lange Tische, bequeme Stühle. Es herrscht eine lebendige Atmosphäre, in der es vor Energie nur so sprüht. Aus dem einen Zimmer dröhnt Costa Cordalis, aus dem anderen plärrt Scooter. Zwischendurch raschelt und knistert es, wenn Material bearbeitet wird. In anderen Räumen wird gemurmelt, gebrummelt oder einfach nur konzentriert geschwiegen.

Die Idee wurde schon vor Jahren geboren. Als der Künstler und bekannte Ausstellungsmacher Harald Szeemann 1972 zur "documenta 5" die Psychiatriezelle des "geisteskranken" Malers Adolf Wölfli nachbauen ließ, waren viele junge Künstler wie elektrisiert. Und setzten sich mit der Begrifflichkeit und Einordnung der Kunst behinderter Menschen auseinander. Auch die Gründer des "Atelier Goldstein" - allen voran Christiane Cuticchio. Das Ergebnis ihrer Überlegungen war ernüchternd. Die Unfähigkeit der Öffentlichkeit, mit solchem "Anderssein" umzugehen, war - und ist immer noch - erschreckend. Man wollte Abhilfe schaffen und ausgewählten Künstlern mit ihren naturgegebenen Defiziten Unterstützung und Hilfe bieten. 2001 war es endlich soweit.

"Hier kann nicht mehr einfach von Behinderung gesprochen werden"

Nach vielen mühsamen Gesprächen war es gelungen, den Geschäftsführer der Frankfurter Lebenshilfe e. V., Günter Bausewein, von der einmaligen Idee zu überzeugen, sich finanziell am "Atelier Goldstein" zu beteiligen. "Das, was im Atelier Goldstein als Kunstprojekt begann, ist durch die Beobachtung der Arbeitsweisen der Künstler zu einer Infragestellung des Begriffs Behinderung geworden", sagt Christiane Cuticchio. "Mit guten Gewissen kann hier nicht mehr einfach von Behinderung gesprochen werden."

Wer lernt hier von wem?

Das "Atelier Goldstein" ist definitiv keine therapeutische Einrichtung, in der Menschen mit Behinderung "beschäftigt" werden. Wer das glaubt, hat nichts verstanden. Das Atelier ist ein Ort der Kreativität, in dem Talente geboren, hervorgehoben und, wenn nötig, auch gefördert werden. Die Begabungen der Künstler stehen dabei im Mittelpunkt. Die arbeiten hier sichtlich begeistert und entspannt - ohne Vorurteile, ohne Neid und Missgunst. Weil sie diese Eigenschaften gar nicht kennen. Gott sei Dank. Dass die Künstler professionell unterstützt werden und in dem hier gebotenen Freiraum ihren ureigenen Stil entwickeln können, ist nur die eine Seite der Medaille - die andere: Wer lernt hier von wem? Tagtäglich stellt sich Christiane Cuticchio diese Frage. Und ist immer wieder erstaunt darüber, was sie von den "Goldstein"-Künstlern an Wissen vermittelt bekommt. Wenn man die Atelierleiterin nach der Andersartigkeit dieser Kunst befragt, muss man mit einer schroffen Antwort rechnen: "Ich verachte es, wenn jemand von Behinderten-Kunst spricht. Es gibt keine charakteristische Kunst von Behinderten - genauso wenig wie es Kunst von Diabetikern gibt." Und Mitleid kann sich hier jeder sparen. Die Künstler haben es verdient, ernst genommen zu werden.

Vor sechs Jahren kam Hans-Jörg Georgi ins "Atelier Goldstein". Ein Glück für alle hier. Für Christiane Cuticchio ging damit ein langwieriger und nervenaufreibender Kampf gegen uneinsichtige und sture Behörden zu Ende. Ihr ist es zu verdanken, dass der heute 59-jährige Georgi bereits zahlreiche Ausstellungen hinter sich hat und seine Bilder und Flugzeugflotten aus Pappe so hoch im Kurs sind. Angefangen hat er mit Abertausenden kleiner Bleistiftzeichnungen. Durch die Förderung der britischen Künstlerin Elisabeth Coleman ist er nun soweit, dass er sein geniales Talent auf große Leinwände überträgt. Beeindruckend. Den Flugzeugmodellen liegen perspektivisch genaue Skizzen von innen und außen vor. Die Flieger haben teilweise gigantische Ausmaße und wirken trotz des schweren Pappmaterials filigran und schwebend leicht. Wie er sich das alles erarbeitet, bleibt ein kleines Rätsel. Denn der Mann hat ein schweres Augenleiden, sieht kaum noch. In der Psychologie spricht man von "intuitiver Physik", was soviel heißt, in jedem Material immer die Form zu finden, die zwischen Harmonie und Spannung hin -und her pendelt.

Christa Sauer, eine ebenfalls prominente "Goldstein"-Künstlerin, malt Kreise. Farbige Kreise, große und kleine, und verwebt sie zu beeindruckenden Bildteppichen. Sie hat eine Aura, die in den Bann zieht. Ihre Augen strahlen liebenswerte Güte und unendliches Wissen aus, sie wirkt stark und in sich ruhend. Und lächelt still. Emsig fliegt der Pinsel über das Papier. Wie viele Variationen von Kreisen hat Christa Sauer schon gemalt? Immer wieder gibt sie "ihren" Kreisen neue künstlerische Ausdrucksformen. Keiner ist wie der Andere. In allen Größen und nur denkbaren Formaten. Riesige Acryl-Leinwände hat sie schon mit Ölfarbe bemalt und zeigt immer wieder aufs Neue die Vielfalt ihres Könnens. Wer glaubt, die Kunst Christa Sauers mit scheinbaren kunsttheoretischen, pseudo-psychologischen Analysen glaubhaft erklären zu können, der irrt. Christa Sauers Kunst muss nicht erklärt werden - sie steht für sich selbst.

Die Suche nach dem Haus der Zukunft

Und da ist auch noch Stefan Häfner, ein hagerer Mann, Ende 40. Seine ganze Leidenschaft gehört der Architektur. Immer auf der Suche nach dem optimalen Haus der Zukunft, läuft er mit offenem Blick durch die Städte, hält sich stundenlang an Baustellen auf und lässt diese Eindrücke in seine künstlerische Arbeit einfließen. Fast philosophisch anmutend sind die vagen Erklärungen, die der Künstler zu seinem Werk abgibt. Häfner sieht sehr richtig, dass die wenigsten Häuser sich den Bedürfnissen der Menschen anpassen, dass es meistens sogar umgekehrt ist. Darüber sinniert er. Seine Häuser baut er maßstabsgerecht und en detail. Sie erinnern ein wenig an die Wohneinheiten des Franzosen Le Corbusier. Häfners Modelle wurden bereits vom Deutschen Architektur Museum in Frankfurt aufgekauft und gleichwertig mit Modellen namhafter Kollegen ausgestellt.

Akribie und Konzentration

Ein Rascheln und Rauschen und Knistern dringt aus dem Zimmer von Birgit Ziegert. Eine riesige Plane bedeckt Tisch und Boden. Birgit Ziegert verschwindet fast dahinter. Akribisch näht sie mit höchster Konzentration ihre selbst entworfenen und geschnittenen Tiere auf den Stoff. Ein Vorhang entsteht. Ziegerts Kunst erinnert fast an die surrealistischen Arbeiten von Jean Dubuffet, der seinerzeit in seinem Werk ganz sicherlich nicht die westliche Auffassung von Moral und Ästhetik berücksichtigt hat. Es gibt kaum ein Material, das sich das Allround-Talent Ziegert noch nicht erobert hat. Und das mit einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, die immer wieder verblüfft.

"Es gilt, eine versteckte Welt zu entdecken

Das "Atelier Goldstein" hat aber auch mit alltäglichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Es sind die kleinen Anfeindungen, gegen die sich das Team um die "Goldstein"-Künstler zur Wehr setzen muss. Immer wieder von Neuem muss Aufklärungsarbeit geleistet werden, müssen Missverständnisse aus dem Weg geräumt werden. Erklärungsbedarf lauert hinter jeder Ecke. Unermüdlich setzt sich die Atelierleiterin für ihre Künstler ein und predigt: "Es gilt, eine versteckte Welt zu entdecken." Hart ist es, immer wieder zur Rechtfertigung genötigt zu werden.

Der Druck von außen wächst

Christiane Cuticchio weiß um das Privileg der "Goldstein"-Künstler: "Je erfolgreicher die Künstler werden, desto größer wird der Druck von außen. Einige gönnen uns den Erfolg nicht und blicken neidvoll auf den Umstand, dass es uns zunehmend gelingt, unsere Künstler vom Stempel Behinderung zu befreien und dabei eine Öffentlichkeit anzusprechen, die fern ist von Trägern und anderen sozialen Einrichtungen. Leider wird dabei oft vergessen, dass nichts von nichts kommt." Das sind die Momente, in denen Christiane Cuticchio alles hinschmeißen möchte, weil es so unendlich viel Kraft kostet, immer wieder gegen den Strom zu schwimmen.

Doch der Glaube an ihre Künstler lässt sie weitermachen. Im "Atelier Goldstein" findet sie ihre wahren Lehrmeister. Denn hier wird nicht nur Kunst produziert, sondern Nächstenliebe praktiziert. Und da können auch andere noch lernen. Im Sommer wird die bunte "Atelier"-Truppe umziehen - von der trostlosen Hanauer Landstraße in den geschäftigen Stadteil Sachsenhausen. Ins verlassene "Ölschlösschen" am Mittleren Hasenpfad, eine denkmalgeschützte frühere Ölfabrik. Die nämlich soll zur Kulturfabrik werden. Mit der seit 25 Jahren durch Frankfurt tingelnde Kammeroper und einem Kinder- und Jugendtheater, das der künftige Frankfurter Schauspiel-Intendant Oliver Reese gründen will.

Die Kollegen freuen sich schon aufeinander.