Literatur Alarmstufe


Kühne Fiktion oder rechte "Schläger"-Schreibe? Im Streit um "Endstufe", seinen Roman über die NS-Pornoszene, spricht Thor Kunkel nun von Rufmord.

Herr Kunkel, Sie müssen ein zufriedener Mann sein.

Meinen Sie?

Vorschuss bei Rowohlt kassiert, dann überlegt es sich Verlagsleiter Alexander Fest anders, trennt sich von Ihnen, das Feuilleton raschelt und ruft "Skandal, Skandal!", jeder spricht von Ihrem Roman "Endstufe", und jetzt erscheint das Buch im Eichborn-Verlag als sicherer Bestseller. Nicht schlecht für einen unbekannten Autor.

Ich kann das nicht so positiv sehen. Der Schock, den mir Herr Fest mit der Trennung versetzt hat, war sehr groß. Ich habe drei Jahre wie ein Besessener an dem Buch geschrieben, habe mein Leben umgestellt und bin von Amsterdam nach Berlin gezogen, weil ich dachte, es sei wichtig fürs Schreiben, in Deutschland zu sein. Ich habe alles gegeben und kriege dann einen Tritt von Herrn Fest.

Warum kam es zu der Trennung?

Am letzten Tag des Lektorats erhielt ich einen Brief von Fest, in dem stand, man müsse sich wegen inhaltlicher und ästhetischer Differenzen trennen. Er wirft mir vor, in Amoralismus zu schwelgen, einer biologistischen Weltsicht zu frönen - und vergleicht mich im selben Atemzug mit Céline und Nabokov. Weltliteratur!

In "Endstufe" geht es um die so genannten Sachsenwaldfilme, harte Pornos, und einen jungen Wissenschaftler, der in der dekadenten NS-Halbwelt versinkt. Fest hält Sie nach Lektüre laut "Spiegel" für einen "völlig Ahnungslosen", der sehr "von sich angetan sei, eine Wiedergeburt Parzifals als rechter Schläger". Er bezieht sich bei diesem Urteil auf einen hundertseitigen Werkstattbericht, in dem Sie Ihre Recherchen dokumentieren.

Bei diesem jetzt so bezeichneten "Werkstattbericht" handelt es sich in Wirklichkeit um eine von mir geschriebene Rahmenhandlung des Romans, vier Kapitel, die einen Bezug zur Gegenwart herstellen sollten, eine fiktionale Ebene, ähnlich wie Günter Grass das in "Krebsgang" gemacht hat. Herr Fest müsste sehr wohl wissen, dass diese Kapitel reine Fiktion sind, aus der nicht meine Gesinnung spricht. Ich weiß nicht, ob diese Verzerrung an der schludrigen Recherche des "Spiegel" liegt oder ob es eine böswillige Unterstellung Fests ist. Ich bin sehr überrascht über seine verbale Entgleisung.

Im "Spiegel" steht, Sie klagten, dass den Deutschen nach dem Krieg "eine gesalzene Gasrechnung" präsentiert worden sei.

Das ist ein Ausbund an Irrsinn. Das Zitat entstammt der rein fiktiven Ebene der Rahmenhandlung, die bereits im Juni 2003 im Lektorat aus dem Roman herausgelöst wurde. Es wird in dem Artikel geschickt montiert und vermischt. Das ist eine Rufmordkampagne. Ich sitze nicht mit braunen Kameraden am Stammtisch. Ich würde mich eher in der Anarcho-Ecke sehen.

Aus einem Gespräch, das Sie mit Ihrer Lektorin Ulrike Schieder geführt haben sollen, werden Sie mit dem Satz zitiert, der Tod in der Gaskammer sei der Vergewaltigung durch die Russen vorzuziehen.

Diese Aussage habe ich als schlimmste Diffamierung empfunden. Als ob wir jemals so darüber gesprochen hätten...

Das Gespräch fand nicht statt?

Nein. Man muss psychisch krank sein, um das anzunehmen. Es gibt für mich keine solche Vergleichsmöglichkeit. Ich hatte mit der Lektorin ein Gespräch über Seneca und seinen Satz: "Die Frage ist nicht, ob man stirbt, sondern wie man stirbt." Das ist alles. Doch die Passage, die jetzt im "Spiegel" zu lesen ist, ist frei erfunden. Der Autor selbst hat sich bei mir nicht gemeldet. Ich werde zu einem Anwalt gehen. Ich vertrete mit dem Roman keine politische Richtung und verharmlose oder relativiere auch nicht den Holocaust.

Den Sie in Ihrem Buch kaum erwähnen.

Der Holocaust ist dadurch, dass er auf 622 Seiten nur in zwei, drei Sätzen anklingt, ungeheuer erschreckend. Die Weglassung ist als Stilmittel viel wirkungsvoller, zumindest für meine Generation. Wir haben eine Müdigkeit an diesem Nerv. Ich gebe zu, dass mich nichts mehr erschreckt. Nichts. Vor allem keine Zahlen. Sechs Millionen vergaster Juden: Das ist ein völliges Abstraktum für mich. Mehr als 20 Millionen bestialisch getöteter Russen, insgesamt 55 Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg - da versagt die Emotion, das ist nicht mehr vorstellbar.

Wäre Ihrer Meinung nach die Reaktion auf den Roman dieselbe, wären Sie kein Deutscher?

Nein, sicher nicht. Es gäbe keine Diskussion. Ich glaube sogar, dass vonseiten des Herrn Fest ähnlich lobende Bemerkungen kämen, wie er sie über seinen Autor Jonathan Franzen gemacht hat. Selbstständiges Denken loben wir Deutsche an Autoren aus dem angloamerikanischen Raum. Doch wenn hierzulande jemand nur ein bisschen über die Grenze des Erlaubten hinausdenkt, selbst in der Belletristik - dann fällt man über ihn her.

Was sind das für Grenzen?

Sie betreffen nur das Dritte Reich. Wir können über alles offen reden in Deutschland, doch wenn es um dieses Thema geht, werden bestimmte Pawlowsche Verbalreflexe abverlangt: mehr Bezug zum Grauen, Betroffenheitsgebärden, explizite Darstellung der Nazibrutalität. Doch diese Sorte Ablasszettel schreibe ich nicht. Es können Verbrechen nicht vergeben oder relativiert werden dadurch, dass man sie aus Rücksicht auf politische Korrektheit immer wieder darstellt und nacherzählt. Ich glaube, dass es wichtig ist, das Dritte Reich unter dem Blickwinkel der Verführung und Verblendung zu sehen.

Meinen Sie damit, den Blick vom Horror abzuwenden?

Ich möchte das Private durchleuchtet haben, so wie ich es in meinem Buch getan habe. Mich interessiert die Psychologie von Wissenschaftskarrieristen, die nichts mit den hohen Militärs zu tun hatten. Ich will ja gerade nicht, dass das Dritte Reich oder die Lehren, die man daraus ziehen könnte, durch die hergebrachte Art von Aufarbeitung immer mehr in Vergessenheit gerät. Denn ich glaube nicht, dass die Bilder, die wir bisher kannten, ausreichen, um das Phänomen Drittes Reich mit all seinen Schrecken nachfühlbar zu machen.

Wollen Sie das erzielen, indem Sie über Pornos schreiben, die während des Dritten Reichs gedreht wurden?

Ich benutze die Pornografie als poetische Metapher, um das Phänomen vollständig zu erfassen. Ich zeige den Intimitätsverlust und die Perversion, die der Faschismus beinhaltet. Ich glaube, dass ich das auf meine Art besser mache als etwa der ZDF-Filmemacher Guido Knopp, der einfach nur den Militarismus abfeiert. Mich befremden diese Bilder, ich schaue sie mir an und denke: Die marschieren an mir vorbei.

Vielleicht marschieren Sie ja naiv in die falsche Richtung.

Ich nehme es in Kauf, wenn man mir nachweisen sollte, dass ich falsch liege. Es ist wichtig, dass sich jemand traut, eigene Gedanken zum Weltgeschehen zu formulieren, und zwar jemand, der einen deutschen Pass hat und Sätze formuliert, die nicht hundertprozentig konform sind. Meinetwegen soll die deutsche Öffentlichkeit ihren Stab über mich brechen - aber erst, wenn der Roman erschienen ist. Doch wir müssen in der Lage sein zu sagen: Das Dritte Reich war mehr als Stalingrad und Auschwitz. Es gibt so viele Ebenen, die unterbelichtet sind. Das war ja für mich das Absurde an diesem Fund: Pornos im Dritten Reich!

Was ist so überraschend daran?

Es hat mich irritiert, dass Pornos gedreht wurden unter einem Regime, das Sexualität total unterdrückte. Nur wenige wussten, dass es solche Filme gab. Ich war beim Bundesfilmarchiv - die kann es nicht geben, hieß es dort. Man wusste von Filmen, die Goebbels selbst in Auftrag gegeben hatte, Nackedei-Filme, wie der Herr vom Archiv es nannte. Er fragte noch nach: Sie meinen mit Penetration? Ich habe sehr viel über die Filme recherchiert, habe eine Darstellerin im Altersheim besucht und immer mehr Details herausgefunden.

Sie behaupten, die deutschen Mineralölkommandos hätten während des Afrikafeldzugs Pornos als Tauschware benutzt gegen allerlei Rohstoffe.

Das ist nicht bewiesen, doch alle Indizien sprechen dafür. Und Soldaten des Afrikacorps haben mir bestätigt, dass die Berber ihnen für Nacktpostkarten Trinkwasser, Treibstoff, ja sogar tunesischen Wein besorgt haben. Für die Filme gab es auch ein anderes Publikum. In Deutschland traf sich allerlei junge Naziprominenz am Starnberger See und in Berchtesgaden, feierte dekadente Partys und hörte Swing. Diese Leute waren nur mit sich und ihrer Selbstverwirklichung beschäftigt, ihrem Streben nach Glück, das in diesem System immer perverser wurde.

Jetzt klingen Sie fast moralisierend.

Vielleicht stellt sich ja am Ende der Debatte heraus, dass ich im Grunde ein bis in die Tiefe meines Wesens verletzter Moralist bin, der mit aller Kraft zurückschlägt.

Interview: Oliver Link

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