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Literatur-Wunderkind: Der erste Roman mit 14 Jahren

Schriftstellerin ist nicht ihr Traumberuf, babei hätte sie alle Vorausetzungen:

Michelle Doucette

Es begann als Zeitvertreib: In ihrer Freizeit schrieb Flavia Bujor Fantasy-Geschichten auf und gab sie ihren Schulfreundinnen zu lesen. Damals war sie zwölf Jahre alt. Aus den Geschichten wurde ein Buch - und das wurde gleich zum Bestseller in Frankreich. Die inzwischen 14 Jahre alte Französin gilt seitdem als "Wunderkind" der Literaturszene. Ihr Roman wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt; Anfang des Jahres erschien "Das Orakel von Oonagh" auch in Deutschland.

Trotzdem ist Schriftstellerin nicht der Traumberuf des Mädchens, das mit seinen Eltern in Paris lebt. "Ich würde gerne weiter schreiben, aber ich hätte gleichzeitig gerne auch einen anderen Beruf. Ich möchte es vermeiden, allein zu bleiben, ich möchte andere Menschen treffen und ein aktiveres Leben als das einer Schriftstellerin führen", sagt die Schülerin. Sie will zunächst das Gymnasium beenden und dann studieren - nach Möglichkeit im Ausland, in Deutschland, den USA oder Großbritannien.

In der Zwischenzeit lebt sie trotz des Erfolges ihres Erstlingswerkes so normal wie möglich. "Mein Alltag ist der gleiche geblieben. Ich habe die gleichen Hobbys wie früher und helfe auch im Haushalt mit", sagt sie. Aber auch wenn Flavia wie ein ganz normales 14-jähriges Mädchen wirkt, mit Teddybär-T-Shirt und Turnschuhen: Spätestens wenn sie über ihr Buch spricht, werden die Unterschiede zu Altersgenossinnen sichtbar. Zum Beispiel, wenn sie William Shakespeare, Victor Hugo, Virginia Woolf und Stefan Zweig als literarische Vorbilder nennt. Oder wenn sie die Metaphern in ihrem Roman erläutert.

"Das Orakel von Oonagh" handelt von einer 14-Jährigen, die im Krankenhaus im Koma liegt und mit dem Tod kämpft. In ihren Träumen erleben die drei Mädchen Jade, Amber und Opal geheimnisvolle Abenteuer und kämpfen gegen das Böse. Das Buch richtete sich ursprünglich vor allem an Jugendliche, hat aber auch viele Fans unter den Erwachsenen und wurde sogar mit den Büchern von J.R.R. Tolkien verglichen. Zurzeit laufen Verhandlungen über eine Verfilmung des Stoffes.

Flavia begann im April 2001 damit, das Buch zu schreiben. Sie verfaste einzelne Kapitel und gab sie ihren Freundinnen zu lesen. Die Geschichten kursierten unter den Klassenkameradinnen und irgendwann - Flavia weiß selbst nicht genau, wie - gelangten sie in die Hände der Verlegerin Anne Carriere. Sie rief bei Flavias Eltern an. "Ich konnte es nicht glauben. Es war ein Schock. Es war, als ob ein Traum wahr würde", sagt das Mädchen.

Die junge Autorin stammt aus Rumänien. Als sie zwei Jahre alt war, kamen ihre Eltern nach Frankreich. Die Mutter ist Psychoanalytikerin, der Vater Bildhauer. Flavia schrieb bereits mit sechs Jahren Gedichte und Kurzgeschichten. Schreiben wurde für sie zur Leidenschaft. Sie verfasste bald auch längere Geschichten. "Ich schrieb oft nachts, zu Hause, aber auch draußen, im Cafe, an der Seine, in der Metro, sogar während des Unterrichts", erzählt sie.

Noch genießt sie Erfolg und Medienrummel. "Es ermöglicht mir, eine Menge Menschen zu treffen und eine Welt zu entdecken, die ich bisher nicht kannte", sagt sie. Mit dem Schreiben möchte sie auf jeden Fall nicht aufhören. Vielleicht, so sagt sie, veröffentlicht sie in den nächsten ein bis zwei Jahren ein weiteres Buch. Eine Fortsetzung von "Das Orakel von Oonagh" wird es aber nicht sein. "Ich möchte nicht immer im gleichen Stil schreiben und im gleichen Genre bleiben. Ich möchte versuchen, verschiedene Stilarten auszuprobieren und etwas anderes machen."

Michelle Doucette
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