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Marbacher Archiv: Schillers Ringelsocken

Mehr als hundert Schiller-Objekte lagern in den Magazinräumen des Marbacher Archivs. Zum 200. Todestag des großen Klassikers wird jetzt Privates und Kurioses aus den Kellern geholt und in einer Ausstellung gezeigt.

In den Archiven tief unter der Marbacher Schillerhöhe schlummern verborgene Schätze. Wenn sich die Kuratoren Frank Druffner und Martin Schalhorn auf den Weg in die Magazinräume des Deutschen Literaturarchivs machen, streifen sie weiße Handschuhe über. Der Weg führt vorbei an Regalen, Stahlschränken und Kästen gefüllt mit Totenmasken, Gemälden, Haushaltsgegenständen oder Manuskripten berühmter Schriftsteller. Einer von ihnen: Friedrich Schiller. Der Dichter, der am 9. Mai vor 200 Jahren starb, wurde 1759 in Marbach am Neckar geboren.

Schillers stramme Waden

Langsam öffnet Kunsthistoriker Druffner eine graue Schublade. "Textilien" steht daran ganz schlicht in Schreibmaschinenschrift. In Papier eingeschlagen kommt zum Vorschein, was lange des Dichters Füße wärmte: zwei Paar Strümpfe, etwa 80 Zentimeter lang. Eines braun, das andere schwarz-blau-weiß geringelt. "Schiller hatte anscheinend stramme Waden", sagt Druffner lachend und beugt sich ganz nah über die braunen Strümpfe. Unverkennbar: Die Spitze ziert ein kleines Loch.

Dass heute noch so viele Stücke aus dem Alltag Schillers erhalten sind, verdanken die Wissenschaftler einem früh einsetzenden "Schiller-Starkult". "Einfach alles, was mit Schillers Körper in unmittelbarer Berührung stand, war interessant", berichtet Druffner. So auch die beiden cremefarbenen Westen mit Spitztulpenmuster, die in der Schublade über den Socken lagern. Der Rücken ist etwas abgewetzt, selbst Schweißspuren sind noch zu erkennen. "Die hat er heftig getragen", sagt Druffner. Außerdem waren die Reinigungsmöglichkeiten damals sehr schlecht. Die Westen finden sich auch auf einer von Schiller selbst verfassten Kleiderliste wieder. Auf ihr verzeichnete er einst alles, was er besaß.

Liebesbeweise und Alltagsgegenstände

Schalhorn öffnet eine weitere Schublade: Eine zart bestickte Brieftasche Schillers wird dort aufbewahrt. "Das war ein Geschenk einer Verehrerin", berichtet der Literaturwissenschaftler. Auch im Nebenraum sind Schiller-Erinnerungsstücke von großem ideellen Wert gesichert: In Stahlschränken finden sich neben Spiegel, Kaffeetasse und Kartenspiel auch eine Landkarte, eine Porzellanfigur oder eine Schnupftabakdose mit dem Porträt seiner Frau.

"Schiller war kein Sammler von wertvollen Gegenständen", erklärt Schalhorn. "Das Praktische stand bei ihm im Vordergrund." Doch nicht bei allen Objekten ist zweifelsfrei nachgewiesen, dass sie authentisch sind. "Würde man alle Stücke, die etwa dem Schreibtisch zugeordnet werden, wirklich dort wieder platzieren, er wäre überladen mit Briefbeschwerern und Etuis."

Mehr als hundert Schiller-Objekte - die Handschriften nicht mitgerechnet - lagern in den Magazinräumen. Den dunklen Keller verlassen dürfen einige der Erinnerungsstücke für Ausstellungen, etwa für die große Schau "Götterpläne & Mäusegeschäfte" im Marbacher Schiller-Nationalmuseum. Dort werden vom 23. April bis 9. Oktober Manuskripte, Gemälde und Skulpturen sowie Alltagsgegenstände des Dichters gezeigt.

Stephanie Lettgen/DPA / DPA
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